Jungfräulich in die Ehe? Auch im 21. Jahrhundert ist das in manchen Familien Tradition. Foto: IMAGO / Tetra Images

Die Idee von Keuschheit hat wenig mit der medizinischen Realität zu tun. Trotzdem gibt es Ärzte, die das „Jungfernhäutchen“ zusammennähen - nicht nur im Ausland. Auch in Baden-Württemberg werden die umstrittenen Eingriffe vorgenommen. 

Vor fünf Jahren habe sie einmal Sex gehabt, dann nie wieder. Jetzt fragt eine junge Frau in einem anonymen Onlineforum, ob ihr Jungfernhäutchen wohl ganz weg ist. Und sie will vor allem wissen: „Wird es bluten?“ Eine andere schreibt: „Ich fühle mich dreckig.“ Zahlreiche Kommentare und Beiträge finden sich hier. Die Frauen tauschen sich darüber aus, was sie wohl in ihrer Hochzeitsnacht erwartet. Es geht nicht nur um den Akt selbst, es geht um die Frage von Ehre. Notgedrungen wollen manche sich das eigene Jungfernhäutchen „zusammennähen lassen“. Hymenrekonstruktion ist der medizinische Begriff für das, was sie vorhaben.

Ein Frauenarzt aus der Region Stuttgart bietet solche Eingriffe an, wir nennen ihn Paul Weber. Er möchte anonym bleiben, um seine Patientinnen und seine Praxis zu schützen. „Ich mache das ungern, eher notgedrungen“, sagt der Arzt. „Viele meiner Patientinnen sind Frauen, die von ihrer Familie verheiratet werden und dafür Jungfrau spielen müssen“, so Weber.

Blut auf dem Laken als Beweis der Entjungferung. Jungfräulich in die Ehe gehen – auch im 21. Jahrhundert erwarten manche Familien das von ihren Töchtern. Es ist ein Ideal, mit dem auch in Baden-Württemberg Geld verdient wird.

Wer sind die betroffenen Frauen?

Es seien etwa 30 Eingriffe im Jahr, die er durchführt. Wie oft so etwas in Deutschland gemacht wird, dazu gibt es keine Erhebung. Meist kämen die Patientinnen aus muslimisch geprägten Familien mit Migrationsgeschichte, so der Mediziner. „Aber man darf kein falsches Bild dieser Frauen haben“, sagt Weber. Viele von ihnen hätten eine gute Ausbildung, einen angesehenen Job, könnten gut Deutsch und seien hierzulande aufgewachsen. „Aber sie kommen aus patriarchalen und fundamentalistischen Strukturen.“ Der Druck komme von den eigenen Eltern oder sogar von den Schwiegereltern.

Es gibt keinen Keuschheitsnachweis

Mit der anatomischen Realität hat das blutige Laken aber nicht unbedingt etwas zu tun. Viele Frauen bluten nicht bei ihrem „ersten Mal“. Das Hymen, ein Schleimhautkranz, ist dehnbar. Medizinerinnen und Mediziner ziehen den Vergleich mit einem Haargummi. Das Gewebe ist dehnbar, die Größe und Form recht unterschiedlich. „Es gibt Frauen, bei denen verändert sich der Hymen nicht einmal bei der Geburt“, sagt die Sexualtherapeutin Julia Henchen, die eine Praxis bei Pforzheim betreibt. Es tauge nicht als Keuschheitsindiz. Henchen verweist darauf, dass kleine Verletzungen an der Vulva oder Vagina – egal ob etwa durch Penetration oder das Einführen eines Tampons – schnell wieder heilen. „Das ist wie bei einer Wunde am Finger“, sagt sie.

Inzwischen wird der Hymen oftmals mit einem Haargummi verglichen. Foto: www.imago-images.de/manfredxy via imago-images.de

Doch für die Patientinnen in Webers Praxis geht es offenkundig um mehr. „Manche fühlen sich defloriert, weil sie Sex hatten“, sagt der Arzt. Außerdem gebe es einige, die Beziehungskrisen hinter sich haben, andere sähen darin eine Art Hochzeitsgeschenk, wieder anderen wollten sich so „auf Null setzen“. Er spreche lange mit den Frauen und versuche, sie von der OP abzubringen. Oftmals dauerten die Gespräche länger als der einstündige Eingriff selbst. Manchen habe er aber auch schon mit einer Lanzette – einem kleinen Pikser – helfen können. Sofern die Familie einen „ Nachweis“ erwarte, steche man sich dann in den Finger, um frisches Blut auf das Bettlaken zu bringen. Das funktioniere aber nur, wenn dem künftigen Ehemann ohnehin klar sei, dass seine Zukünftige keine Jungfrau mehr ist. Doch nur wenige, die mit dem Anliegen zu ihm kämen, könne er tatsächlich davon abbringen. „Das frustriert mich“, sagt Weber offen.

Frauen aus Berlin, Köln oder sogar Wilhelmshaven seien schon in seine Praxis bei Stuttgart gekommen, erzählt Weber. Ärztinnen und Ärzte, die solche Eingriffe auch dort vornehmen, gibt es. Doch einige machten daraus ein echtes Business. Er wisse von Chirurgen, die für eine Hymenrekonstruktion 2000 Euro nehmen. „Sie nutzen die Not dieser Frauen aus“, sagt er. „Bei mir ist das teuer genug“, meint er. Zwischen 450 und 550 Euro koste der Eingriff bei ihm. Mit einem Laser frische er das Gewebe an und vernähe es dann. Aber funktioniert das auch zuverlässig? Offen sagt der Mediziner, dass er nach solchen Eingriffen nur selten Rückmeldungen bekomme. Schließlich sei das ganze Thema schambesetzt. Eine Gefahr sieht er in den Eingriffen allerdings nicht.

Frauenorganisationen warnen vor Schmerzen und Gewalt

In den Onlineforen berichtet eine Frau jedoch von starken Schmerzen nach einer Hymenrekonstruktion: „In der Hochzeitsnacht hat es mega wehgetan. Das war so eng.“ Organisationen wie Terres des Femmes warnen deshalb vor den Operationen. Sie fordern zwar kein Verbot solcher Eingriffe – schließlich dienten sie in manchen Fällen sogar dem Schutz verzweifelter Frauen – verweisen aber auf mögliche Gefahren. Lena Henke, Referentin für sexuelle und reproduktive Rechte, erklärt: „Das ist medizinisch einfach unnötig.“ Sie sieht den Blutbeweis in der Hochzeitsnacht als Ziel solcher Eingriffe als äußert problematisch an. „Sex findet dann unter einer Form der Gewalteinwirkung statt“, sagt Henke.

Doch eine Garantie fürs Bluten in der ersten Hochzeitsnacht will auch Frauenarzt Weber nicht geben. „Wer das verspricht, ist schlichtweg unseriös“, sagt er. Es ist eine Situation, die auch im Onlineforum zur Sprache kommt: „Musste selber am nächsten Morgen etwas erfinden, gebt nicht so viel Geld aus – ganz ehrlich.“

Kunstblut für die Hochzeitsnacht

In den Foren geht es auch um Alternativen solcher OPs. Eine Userin empfiehlt, einen künstlichen Hymen zu nutzen. Eine Art Haut mit Theaterblut, die vor dem Sex eingeführt wird. Das Unternehmen „Virginia Care“ mit Sitz in Waghäusel, zwischen Heidelberg und Karlsruhe, verkauft die falschen Häutchen für 60 Euro in einem Onlineshop. „Ein Produkt, das speziell entwickelt wurde, um Dir die Möglichkeit zu geben, Deine Jungfräulichkeit durch Blutspuren zu bestätigen“, heißt es im Shop.

In mehreren Gesprächen mit Ärzten ist außerdem von Bescheinigungen und Tests die Rede, die angeblich eine Jungfräulichkeit belegen. „So etwas lehne ich grundsätzlich ab“, sagt Frauenarzt Paul Weber. Doch Praxen, die solche Formulare ausstellen, soll es auch in Deutschland geben. Eine Ärztin sagt am Telefon, sie stelle solche „Nachweise“ ab und zu zum Schutz von betroffenen Frauen aus – ganz ohne Untersuchung. Auch sie muss deshalb anonym bleiben. Unabhängig von der ethischen Frage gelten die Tests aber als unwissenschaftlich. Im Jahr 2018 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für Jungfräulichkeitstests gebe.

Trotzdem, der Mythos von der Keuschheit lebt. „Niemand kommt auf die Idee, Mediziner zu fragen, ob einem Penis anzusehen sei, ob damit schon einmal eine Penetration vollzogen worden sei“, sagt Sexualtherapeutin Julia Henchen. Das Thema sei ein gesellschaftspolitisches. Offenkundig gehe es um die „Kontrolle der weiblichen Lust“. Sie fordert, sich von dem Konstrukt Jungfräulichkeit in Gänze zu verabschieden.

Diese Artikel ist erstmals am 19.2.2024 erschienen.