Von nun an ist das Berliner Schloss, das das Humboldt-Forum beherbergt, auch für den Publikumsverkehr geöffnet. Foto: AFP/Stefanie Loos

Koloniales Erbe und der heutige Umgang damit prägen die Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin. Auch in den Ausstellungen. Das war so vor 20 Jahren, als das Forum erdacht wurde, wohl kaum zu erwarten.

Berlin - Wir stehen vor zwei kleinen Elfenbeinfigürchen aus dem Grasland von Kamerun, überaus hinreißend gestaltet. Dahinter droht ein gewaltiger Schädel eines Afrikanischen Elefanten mit Stoßzähnen. Die Beschriftung neben der Vitrinenscheibe teilt mit: „... sehr wahrscheinlich koloniales Raubgut ...“ 1911 kamen die Figürchen in die Sammlungen des damaligen Museums für Völkerkunde, dienten davor wohl als Schmuck an einer Schärpe oder am Gürtel eines Königs oder Fürsten.

Als das Humboldt-Forum vor 20 Jahren erdacht wurde, wäre diese Zusatzinformation „wahrscheinlich koloniales Raubgut” gewiss nicht angefügt worden. Dabei macht erst sie deutlich, in welchen kulturpolitischen, historischen und auch emotionalen Zwickmühlen sich europäische und nordamerikanische Museen, die während der Kolonialzeit aufgebaut wurden, inzwischen befinden: Sie wollen und sollen die eigene Geschichte und historische Verwicklung kritisch zeigen, können aber oft nur annäherungsweise belegen, wie einzelne Objekte in die Sammlungen kamen und welche Vorgeschichte sie hatten.

Streit um das „Prachtboot“ aus dem Pazifik

Heftig wird deswegen über Methoden und Perspektiven der Kolonialgeschichtsforschung debattiert, aktuell angeregt durch das Buch des Historikers Götz Aly über die Herkunft und Erwerbungsgeschichte des „Prachtboots“ von der Pazifikinsel Luf – auch dieses befindet sich im Humboldt-Forum und wird am September für das Publikum zu sehen sein. Es sind Debatten, die zeigen, wie sehr sich die Kulturwelt seit der Zeit um die Jahrtausendwende gewandelt hat, als das Humboldt-Forum Konturen annahm.

Damals war von einer selbstkritischen Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und Berlins bestenfalls am Rande die Rede. Es ging vornehmlich darum, die grandiosen Bestände des Ethnologischen Museums und des heutigen Museums für Asiatische Kunst aus Dahlem zurück in die Stadtmitte zu bringen, wo sie bis 1945 zu sehen waren.

Das Ziel von Peter-Klaus Schuster, dem damaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen, und von Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, war erstens, neues Publikum zu gewinnen, die „außereuropäischen“ Sammlungen zweitens auf „Augenhöhe” zu bringen mit den als „europäisches“ Kulturerbe beanspruchten Sammlungen auf der Museumsinsel und damit drittens konkurrenzfähig zu bleiben mit Projekten wie dem Ausbau des British Museum in London, dem Neubau des Museé du Quai Branly in Paris und dem National Museum for American Indian in Washington D. C. Zwar sprachen auch Schuster und Lehmann sowie die gerade berufene neue Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König, schon von der Zusammenarbeit mit den indigenen „Herkunftsgesellschaften“, von Dialog und Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit.

Politische Sprengkraft des Humboldt-Forums

Doch welche kulturelle und politische Sprengkraft das Humboldt-Forum entwickeln sollte, war ihnen sicherlich nicht klar, vor allem nicht, welch immense Spannung zwischen den Sammlungen, deren Ausstellung und dem Nachbau jener barocken Fassaden des Berliner Schlosses entsteht, deren Original mit einiger Wahrscheinlichkeit mit Erlösen des brandenburgischen Sklavenhandels bezahlt wurde.

Noch vor drei Jahren wurde mit erschreckender Naivität eine Inschrift an der Kuppel angebracht, die Unterwerfung unter Jesus Christus fordert – über einem Gebäude, in dem ausschließlich Kulturen gezeigt werden, die gerade unter der Missionsleidenschaft der Christen zu leiden hatten.

Intellektueller Konstruktionsfehler

Im ersten Saal der Ausstellung „Berlin Global“ wird dieses Thema zum grandiosen Wandgemälde-Comic – auch wenn stark ­bezweifelt werden kann, dass man im Berlin um 1492 wusste, wer Columbus, Vasco da Gama oder Magellan waren. Wie schnell sich das Wissen um die „neuen Welten“ verbreitete, zeigte vor einigen Jahren der Ankauf eines schmalen Hefts durch die Universitätsbibliothek Rostock, das in der Hansestadt um 1505 als Übersetzung der Südamerika-Reiseberichte Amerigo Vespuccis gedruckt worden war. Es wäre eine gute Leihgabe für eine der geplanten Sonderausstellungen im Humboldt-Forum und würde wie derzeit die Elfenbeinausstellung den zentralen intellektuellen Konstruktionsfehler, ein Haus „außereuropäischer“ Kulturen zu sein, wenigstens mildern: Die traditionellen Kulturen Europas sind nämlich nicht mit in das Konzept aufgenommen worden, das Museum Europäischer Kulturen musste in Dahlem bleiben. Dabei gehört auch die Dekolonisierung Europas zur Aufgabe dieses postkolonialen Kulturzentrums.

Besuch vor Ort

Eintritt
Der Eintritt ist frei. Von Dienstag, 20. Juli, an öffnet das Humboldt-Forum seine Pforten.

Open-Air-Events
Vom 6. August bis zum 11. September lädt das Humboldt-Forum über sechs Wochen lang zu einer Open-Air-Veranstaltungsreihe mit Konzerten, Performances und mehr immer freitags und samstags in den Schlüterhof ein.

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