Kleiner Dreh mit großer Wirkung: Stefan Belz und Alfred Kappenstein (r.) weihen die neue Fernwärmeleitung ein. Foto: Eibner-Pressefoto/Dimi Drofitsch

15 Betriebe auf der „Hulb“ können ab sofort ihre Öl- und Gasheizungen abschalten.

Im Jahr 2035 soll Böblingen klimaneutral sein. So lautet zumindest der Plan von Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne). Der Ausbau der Fernwärme ist ein zentraler Faktor auf diesem Weg. Am Freitag hat der Stadtchef gemeinsam mit den Stadtwerken einen Schritt in Richtung dieses Ziels absolviert: Ab sofort ist ein umfangreicher Teil der Hulb, größtes Industriegebiet der Stadt, ans Fernwärmenetz angeschlossen. Damit werden pro Jahr künftig knapp 2000 Tonnen weniger CO2 in die Luft gepustet.

Für Stefan Belz war es daher „ein ganz besonderer Tag“ als er jetzt die Leitung zusammen mit Stadtwerke-Geschäftsführer Alfred Kappenstein frei gab. Denn Wärme, erläuterte Belz, ist der Energiefresser in diesem Land schlechthin. 70 Prozent der benötigten Energie im Privatbereich wird in Deutschland fürs Heizen verwendet. „Wir müssen daher die Wärmeerzeugung auf eine ökologische Grundlage stellen, wenn wir die Energiewende und den Klimaschutz ernst nehmen“, lautete die Botschaft des Oberbürgermeisters. „Die Fernwärme ist der Schlüssel zur Energiewende“, sagte er.

Die Böblinger Fernwärme wird überwiegend aus Müll produziert

In Böblingen sorgt vor allem der Müllmeiler dafür, dass die Wärme aus den Rohren kommt. Da der dort anfallende Abfall nicht bloß verfeuert und durch den Kamin gejagt, sondern in Wärme umgewandelt wird, ist die dabei entstehende Energie zumindest klimafreundlich. Klimaneutral würde sie erst dann, wenn das dabei entstehende CO2 herausgefiltert wird. Dennoch: Fossilen Energieträgern wie Öl und Gas ist diese Form von Wärmeproduktion weit überlegen, wenn es um den Klimaschutz geht – und: Sie wird vor Ort erzeugt.

Auch wenn es jetzt „nur“ um die Industrie ging, nannte Stefan Belz die Versorgung der Hulb ein „zukunftsweisendes Klimaschutz-Projekt“ für die Stadt. Denn der zentrale Bereich des Industriegebietes rund um die Hanns-Klemm-, Otto-Lilienthal- und Dornierstraße ist jetzt Teil des Fernwärmegebiets. Etwa 15 Industriebetriebe, das ist der überwiegende Teil der dortigen Anrainer, haben sich an das Wärmenetz angeschlossen und können ab sofort ihre Öl- oder Gasheizungen stilllegen. „Ein wichtiger Meilenstein für den Fernwärmeausbau“, betonte Alfred Kappenstein. Denn nur wenn genügend Betriebe mitmachen, lohnt sich für die Stadtwerke die hohe Investition für den Leitungsbau.

Die vielen Straßensperrungen sind vorbei

Dass dieses Projekt keine einfache Sache war, haben nicht zuletzt die Verkehrsteilnehmer zu spüren bekommen. Seit November 2020 waren immer wieder Straßenabschnitte auf der Hulb großräumig gesperrt. Der Einkauf oder der Weg zur Arbeit war für viele Menschen mit langen Umwegen verknüpft. Aber auch die Bauarbeiter hatten so ihre Mühe. Die Stadtwerke sprechen von „technisch sehr anspruchsvollen Arbeiten“. Die Rohre mussten zum Beispiel durch die nur 1,20 Meter breite Unterführung der Gäubahnstrecke gelegt werden, um ans Bestandsnetz an der Herrenberger Straße angebunden zu werden. „Baustellen für den guten Zweck“ bekannte Stefan Belz.

Ohne öffentliche Unterstützung wären diese wohl nicht möglich gewesen. 1,5 Millionen Euro flossen hierfür aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) nach Böblingen. Daher drehte Stefan Belz zusammen mit dem Stadtwerke-Geschäftsführer gerne das „Rädle für den Klimaschutz“, wie er die symbolische Inbetriebnahme nannte. Das große Rad für seine Heimatstadt hatte der Oberbürgermeister dabei auch schon im Visier. „Der nächste Schritt ist, dass wir vielleicht bald einmal ein Windrad einweihen“, meinte er.

Fernwärme in Böblingen

Netz
 Knapp 60 Kilometer lang, versorgt das Fernwärmenetz in Böblingen etwa 36 Prozent der städtischen Gebäude mit Wärme.

Herkunft
 70 Prozent der Fernwärme stammt aus dem Böblinger Restmüllheizkraftwerk. Da die durch den dort verbrannten Müll entstehende Energie in Wärme umgewandelt wird, ist diese Fernwärme klimafreundlich. Derzeit können damit bis zu 40 000 Haushalte pro Jahr ihren Wärmebedarf decken. Die restliche Fernwärme kommt aus Energieerzeugungsanlagen der Stadtwerke (10 Prozent) und aus dem Heizkraftwerk von Daimler.