Regina Halmich im Bulldog Gym in Karlsruhe, wo alles begann Foto: red

In ihrer Box-Karriere wurden Regina Halmich viele Steine in den Weg gelegt. Sie hat sich dennoch nie beirren lassen – und zeigt nun anderen, wie man dranbleibt

Regina Halmich (46) war mehrfache Box-Europa- und Weltmeisterin. In der Männerdomäne hat sie sich gegen viele Vorurteile durchgesetzt. Was macht sie heute? Wir haben sie in ihrer alten Heimatstadt Karlsruhe getroffen und nachgefragt.

Wie geht es Ihnen, Frau Halmich?

Sehr gut. Gerade bin ich aber etwas wehmütig. Ich war ewig nicht mehr hier im Bulldog Gym. Da kommen viele Erinnerungen hoch.

Gute?

Ja, nur gute. Mit elf habe ich hier mit Karate angefangen. Gleich bei den Erwachsenen, das habe ich durchgesetzt. Später ging’s mit Kickboxen weiter. Und mit 14, 15 wusste ich, dass ich ins Boxgeschäft einsteigen will. Ich wollte im Ring stehen – nichts anderes.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Mein Traum war schon außergewöhnlich, aber sie haben mich immer unterstützt. Neben dem Training, jeden Tag mehrere Stunden, habe ich eine Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte gemacht. Ob ich mit dem Boxen je Geld verdienen würde, war ja nicht klar. Im Gegenteil, ich wurde belächelt, verspottet. Es kamen viele blöde Kommentare, wie „Warum machst du nichts Vernünftiges?“, „Du bist unweiblich“ oder „Was ist denn bei dir schief gelaufen, dass du andere schlagen willst?“.

Boxen wirkt ja in der Tat brutal.

Aber es gibt feste Regeln – und einen großen Unterschied zwischen Wettkampf und Privatleben. Da bin ich nie angriffslustig.

Wieso sind Sie trotz der Häme drangeblieben? Was hat Sie so stark gemacht?

Ich wusste immer, was in mir steckt, dass ich Erfolg haben kann. Und mein Entdecker und Trainer Jürgen Lutz, der 2019 leider viel zu früh gestorben ist, hat mich mit meiner fixen Idee ernst genommen, meine Power von Anfang an gesehen und mich bestärkt.

Boxen Sie noch?

Das ist abgehakt, auch das Sparring. Wenn ich Boxtraining mache, dann will ich in den Ring. Aber meine Karriere habe ich am 30. November 2007 bewusst beendet.

Wie halten Sie sich heute fit?

Ich gehe in Berlin, wo ich seit über 20 Jahren lebe, viel mit meinem Hund spazieren. Ich bin gern draußen. Zudem mache ich Crossfit, ein Kraft- und Konditionsprogramm.

Was kam nach dem Box-Aus?

Mir hat zunächst zwar der Kick ein bisschen gefehlt, aber ich bin in kein Loch gefallen. Ich war vorbereitet. Bis heute habe ich viele Sponsoren, viele Möglichkeiten. So bin ich etwa Werbegesicht eines Versicherers.

Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Der Mix. Mal halte ich Vorträge, mal mache ich eine Moderation, mal Motivationstraining bei Firmen. Vor allem für Frauen. Da versuche ich zu vermitteln, wie man seine Träume angeht, auch wenn’s nicht ins Weltbild passt. Wie man mit Niederlagen umgeht, wie man dranbleibt. Demnächst geht es auf Kreuzfahrt, wo ich das Fitnessprogramm zusammengestellt habe. Ich mache aber nur Sachen, die etwas mit mir zu tun haben, hinter denen ich stehe. Das Schönste: Ich bin in der komfortablen Lage, mir auszusuchen, welche Jobs ich annehme und wann.

Sie haben Ihr Geld gut angelegt?

Ich habe ein gutes finanzielles Polster. Was auch daran liegt, dass ich immer gehaushaltet habe. Vom den ersten Preisgeldern habe ich mir zum Beispiel kein dickes Auto gekauft, sondern gespart. Mein Rat vor allem an Frauen: Kümmert euch rechtzeitig um eure Finanzen. Es ist zwar nicht sexy, aber Altersarmut ist auch alles andere als sexy.

Was macht Sie bis heute stolz?

Dass ich das Frauenboxen in Deutschland populär gemacht habe.

Bei Ihren Boxkämpfen haben bis zu zehn Millionen zugeschaut.

Und ich habe schließlich durchgesetzt, dass mich die Fernsehsender, wie die männlichen Kollegen, nach Einschaltquote bezahlt haben.

Heute steckt der Sport in Deutschland in der Krise.

Ja, das ist traurig. Dabei ist der Frauenboxsport weltweit so stark wie nie. In Deutschland jedoch herrscht bei Frauen wie Männern Flaute, auch weil die Sender nicht mehr übertragen. Das ist sehr schade. Denn es gibt so viele Talente.

Info

Anfänge
Regina Halmich wurde 1976 in Karlsruhe geboren. Mit elf begann sie mit dem Kampfsport – zunächst mit Karate, später mit Kickboxen. Schließlich fand sie ihre Leidenschaft im Boxen, erst im Amateurbereich, dann als Profi.

Karriere
 Von 1995 bis 2007 war Halmich Weltmeisterin. In ihren zahlreichen Profikämpfen musste sie nur einmal eine Niederlage einstecken, einmal boxte sie unentschieden. Heute hält die 46-Jährige Vorträge und gibt Motivationstraining. Zudem ist sie für viele gemeinnützige Organisationen ehrenamtlich tätig, etwa für Terre des Hommes und den Weißen Ring.

Ehrungen
2014 wurde sie in die International Women’s Boxing Hall of Fame in den USA aufgenommen, 2021 dann als fünfte Frau und zweite Deutsche nach Max Schmeling (1905–2005) in die International Boxing Hall of Fame. Im Oktober 2023 wird sie in Las Vegas für ihr Lebenswerk geehrt.