Bei „Trauernde Unterwegs“ treffen sich Menschen, die einen Verlust erlebt haben, und gehen zusammen wandern. Eine Teilnehmerin erzählt vom Tod ihres Mannes und davon, was die Wanderungen mit ihr gemacht haben.
„Man sagt immer, es zieht einem den Boden unter den Füßen weg“, sagt Regine Mayer (Name von der Redaktion geändert). „Es ist wirklich so.“ Sie sei nur noch gefallen, als sie von der Krebsdiagnose ihres Mannes erfahren hat. Er war Mitte 60, zuvor immer kerngesund gewesen. Sie pflegte ihn zu Hause, ihre drei erwachsenen Söhne halfen ihr dabei. Nach sechs Wochen starb er.
Dann kam das große Loch. Für Regine Mayer ging es nur noch ums Überleben. „Das war für den Beginn erst einmal genug“, sagt sie. Nur eines habe sie von Anfang an gemacht: „Einen Tag nach dem Tod meines Mannes hat das Freibad geöffnet“, erzählt sie. Dort ging sie ab dem zweiten Tag hin. Jeden Tag eine halbe Stunde. „Ich hatte meine Schwimmbrille auf, darunter sind die Tränen geflossen“, erzählt sie. Doch das konnte niemand sehen. „Ich habe gemerkt: Das Wasser trägt mich – ich bin nicht mehr gefallen.“
Ein Gruppenangebot mit Bewegung in der Natur gab es zuvor nicht
Bei einer Trauergruppe traf sie Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Doch so richtig wohl fühlte sie sich damit nicht: „Man sitzt da und kann nicht weg.“ Deshalb ging sie einige Monate später zu einem neuen Angebot, das der Ökumenische Hospizdienst ins Leben rief: „Trauernde unterwegs“. Dort treffen sich Menschen, die einen bedeutenden Verlust erlitten haben, zum Wandern, Reden – oder auch zum Schweigen.
Dieses Angebot hat Birgit Hospotzky, Koordinatorin im ambulanten Hospizdienst Böblingen und Trauerbegleiterin, 2019 ins Leben gerufen. „Wir haben uns umgesehen, was es im Landkreis Böblingen so gibt“, erzählt sie. Ein Gruppenangebot mit Bewegung in der Natur habe es damals noch nicht gegeben – heute gebe es mehrere. Also habe sie das Projekt mit zwei weiteren Trauerbegleiterinnen gestartet.
Alle zwei Monate treffen sie sich donnerstags im Einzugsgebiet des Hospizdienstes und wandern. Immer mit demselben Ablauf: Zunächst begrüßt Birgit Hospotzky die Teilnehmer. „Wichtig ist mir, zu betonen, dass jeder gut selbst auf sich achten soll und wir Trauerbegleiterinnen bieten dafür einen sicheren Rahmen“, sagt sie. Es sei völlig in Ordnung, wenn jemand merkt, dass ihm ein Gesprächspartner gerade nicht gut tut. „Ich gebe gleich zu Beginn die Erlaubnis für alle, sich dann rauszuziehen“, sagt sie.
Dann darf sich jeder einen Stein aussuchen, der für den Menschen steht, um den er trauert. Wer möchte, stellt sich vor und erzählt, weswegen er da ist. Den Stein nimmt man mit auf die Wanderung. Unterwegs entstehen Gespräche mit den Trauerbegleiterinnen, aber auch zwischen den Teilnehmern selbst. Birgit Hospotzky geht nicht unbedingt auf sie zu. „Das finde ich gut“, sagt Regine Mayer. „Es ist wichtig, dass sie selbst entscheiden können, ob sie mit jemandem reden.“ Auf der Wanderung gibt es Pausen mit Knabberzeugs und Impulsen von den Trauerbegleiterinnen. „Das kann eine Geschichte sein, ein Gedicht, eine Frage“, sagt Birgit Hospotzky. Manchmal entstehe ein Austausch in der Gruppe, manchmal nicht.
Auch zwischen den Teilnehmern entstehen viele Gespräche
Etwa zwei Stunden geht die Runde, anschließend kann, wer möchte, in ein Restaurant einkehren. Den Stein geben manche wieder ab, andere nehmen ihn mit. „Ein Mann hat mal ganz unerwartet eine ganze Tüte mit wunderschön bemalten Steinen für alle mitgebracht“, erzählt Birgit Hospotzky. „Die Steine verbinden Menschen.“
Regine Mayer hat es sehr viel Überwindung gekostet, zum ersten Treffen zu gehen. Sie habe schon zuvor von dem Angebot erfahren und wollte, dass es Erfolg hat. „Also bin ich hingegangen – eigentlich aus Vernunft“, sagt sie. Das Wandern, die Bewegung, all das habe ihr aber gutgetan. Auch die Möglichkeit, einfach mal fünfzehn Minuten neben jemandem zu gehen, ohne etwas zu sagen, fand sie gut. Das Angebot habe besser zu ihr gepasst als eine Trauergruppe. Sie sei immer mehr zu derjenigen geworden, die anderen Trost und Mut gibt. „An mir sehen sie: Es geht weiter, man bleibt nicht immer in dem Loch“, sagt sie.
Denn die Teilnehmer sind an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer Trauer. Normalerweise vergehe ein bisschen Zeit, bevor Trauernde das Angebot wahrnehmen. Wenn das Trauerereignis noch frisch ist, seien die Leute oft noch sehr in sich gekehrt. Ein Mann sei einmal zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau gekommen. „Das war vielleicht zu früh“, sagt Regine Mayer. Er habe das Ganze gar nicht richtig aufnehmen können. Der Tod ihres Mannes war ein halbes Jahr her gewesen, als sie zum ersten Mal hinging – und selbst das sei noch sehr früh gewesen.
Zu Beginn waren nur zwei Leute da, jetzt kommen zwischen acht und 14 Teilnehmer, sagt Birgit Hospotzky. Die meisten sind über 50. Einige kommen nur einmal, viele schon seit Jahren immer wieder. „Manche kommen auch nur ein paarmal und sagen dann: Jetzt bin ich ein großes Stück weiter gekommen.“
Es geht einem besser, und plötzlich ist man wieder tief in der Trauer
Denn das mit der Trauer ist ein Auf und Ab: „Es geht einem besser, und dann kommt irgendeine Erinnerung, ein Geruch, ein Feiertag“, sagt Regine Mayer. Plötzlich sei man wieder ganz tief in der Trauer. „Man fragt sich: Ich bin doch jetzt schon weiter, warum kommt das wieder?“ Doch das sei normal, und es werde auch immer so bleiben. Nur vielleicht nicht mehr so stark. Das weiß sie jetzt, viereinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes.
Was sie immer wieder gespürt hat: „Tod und Sterben ist schon ein Tabu-Thema.“ Oft hatte sie das Gefühl, alle denken: Jetzt kommt sie mit ihrer Trauer. Einmal habe eine Frau gefragt, wie es ihr gehe. Auf die Antwort, dass ihr Mann gestorben sei, meinte die Frau: „Aber das ist ja schon ein halbes Jahr her.“ Andere haben sich nicht getraut, das Thema offen anzusprechen. Aus Angst, sie könne losweinen. Doch das sei unter Trauernden ganz normal – für sie ist Weinen eher etwas, das einen weiterbringt. Ganz schlimm findet Regine Mayer, wenn Leute die Trauer nicht zulassen und verbittern. Sie möchte Menschen Mut machen, zu trauern. Und das könne man gut bei „Trauernde unterwegs“. Denn sie merkt: „Im Umfeld von lauter Trauernden ist man normal.“