Viele Wege führen durch den Sindelfinger Wald – Rolf Boger (links) und Roland Schmauderer kennen sie alle. Foto: Julia Theermann

König Wilhelm I. von Württemberg wünschte sich für seine Wilhelma einst gigantische Mammutbäume aus Amerika. Weil zu viele Samen geliefert wurden, stehen die Riesen heute vielerorts im Südwesten. Im Sindelfinger Wald können Ausflügler sie bestaunen.

Wer mit Rolf Boger und Roland Schmauderer vom Schwarzwaldverein Sindelfingen (SWV) wandern geht, erfüllt nicht nur rasch sein eigenes Tagespensum an Schritten, sondern bekommt auch reichlich Geschichte über den Sindelfinger Stadtwald vermittelt. Die Lieblingsstrecke der beiden engagierten Wanderer im Sindelfinger Stadtwald ist reich an kleinen Sehenswürdigkeiten und auch für weniger geübte Tourengänger gut geeignet.

Vom Vereinsheim mit der gerade in Erweiterung befindlichen Gastronomie geht es zunächst an der Einmündung zum Waldbadepfad vorbei und dann an drei Mammutbäumen entlang, die in dem Waldstück doch entschieden fehl am Platz wirken. Sie gehören zur sogenannten Wilhelma-Saat. König Wilhelm I. von Württemberg, der von 1816 bis 1864 regierte, sei von den gerade erst entdeckten Mammutbäumen so fasziniert gewesen, dass er Samen für die Anzucht in der Wilhelma bestellte. „Durch einen Zahlendreher wurden aber zu viele Samen bestellt“, erzählt Boger. Die Setzlinge seien deshalb überall in der Region Stuttgart und bis zum Bodensee hin eingepflanzt worden. Für den geneigten Wanderer lohnt es sich, einmal den Stamm eines der Baumriesen zu berühren. Deren Rinde dient nämlich auch als Stoßdämpfer und Brandschutz, was das Anfassen zu einem interessanten Erlebnis macht.

Skispringen in Sindelfingen

Nur wenige Meter entfernt informiert eine Tafel über ein Hügelgrab aus der Bronzezeit. „Das ist aber leer“, sagt Boger, der diese Wege als Vorstandsmitglied des Sindelfinger Schwarzwaldvereins schon etliche Male gelaufen ist. Inzwischen ist er 84 Jahre alt. Und dennoch fitter als der Verein. Der krankt wie viele andere am Nachwuchs.

Auf dem sogenannten Rehweg geht es weiter auf der Rundtour durch den Stadtwald. Nächste Station ist die ehemalige Winterhalden-Skischanze, die Mitte der 60er Jahre vom SWV und der Stadt gebaut wurde, um den einige Jahre zuvor angelegten beleuchteten Skihang zu ergänzen. 1971 sei der Skihang neu profiliert und die Schanze ab 1980 für das Sindelfinger Pokalspringen genutzt worden. Es sei auch noch darüber nachgedacht worden, einen Skilift zu installieren. „Damals hatte die Stadt so viel Geld, man wusste offenbar nicht, wohin damit“, scherzt Schmauderer.

Schwarzwaldverein mit Kanugruppe

Der 61-jährige Schmauderer ist seit Juni der neue Wegewart des SWV. Seine Aufgabe ist es, die Beschilderung der insgesamt rund 100 Kilometer Wanderwege zu pflegen, freizuschneiden und bei Bedarf zu ersetzen. „Die Schilder werden immer wieder übersprüht, oder sie werden durch die wachsenden Bäume über die Jahre beschädigt“, sagt er. Schmauderer ist in der Kanugruppe des SWV beheimatet, lernte dort auch seine Partnerin kennen. „Vor mehr als 40 Jahren bin ich eher zufällig aufs Paddeln gestoßen“, erzählt er. Zunächst habe er nur bei Ausfahrten mitgemacht, sich aber dann immer mehr aktiv in den Verein eingebracht. Pro Jahr leitet er nun fünf bis sechs Ausfahrten zu verschiedenen Flüssen, vom Alpenfluss Soča in Slowenien bis zum Rhein bei Philippsburg im Kreis Karlsruhe.

Vom ehemaligen Skihang führt der Rehweg etwas bergab ins hintere Sommerhofental, dort befindet sich mit der ehemaligen Marktbrunnenleitung auch die nächste kleine Attraktion. Sie ist ein Relikt aus dem 16. Jahrhundert. Vom Sommerhofental förderte sie einstmals frisches Wasser durch Deichelrohre aus Holz zum Marktbrunnen, wo heute die Schwätzweiber zu finden sind.

Geführte Wanderungen haben Vorteile

Weiter und weiter geht es zwischen den hohen Bäumen. Hier und dort kann Boger am Wegesrand auf Knabenkräuter oder Einbeeren deuten. Langsam schwillt im Hintergrund das Brausen der Autobahn an. Dort trifft die Herzogallee auf die Alte Vaihinger Straße, die einst als Verbindung zur Landeshauptstadt diente. Heute, sagt Boger, könne man dort aufgrund des noch gut erhaltenen Straßenbelags gut mit Inlineskates fahren.

An der Bernet-Kapelle – einer ehemaligen Schutzhütte für Waldarbeiter, die nach dem Krieg zur katholischen Kapelle für Geflüchtete wurde – vorbei geht es nun wieder in Richtung Startpunkt. „Ich plane Routen immer so, dass der Hin- und Rückweg ähnlich interessant sind“, sagt Boger. Für ihn ist das ein klarer Vorteil von geführten Wanderungen gegenüber Individualwanderungen. „Es ist ja nicht so, dass die Leute nicht mehr wandern“, sagt Schmauderer in Bezug auf die sinkenden Mitgliedzahlen. „Aber es wandert halt jeder für sich mit dem Handy.“ Dabei sei es doch auch schön, sich beim Wandern gehen lassen zu können und nicht auf die Route achten zu müssen. „Und man lernt oft noch etwas dabei“, wirbt Boger für Wanderungen in Gruppen.

Einkehr am Zielpunkt

Vorbei geht es auf einem Nebenweg noch am Forsthof und dem städtischen Wald-Erlebnis-Zentrum – eigentlich ein Muss für Besucher mit Kindern. Dort gibt es auch eine Vogelbeobachtungsstation – und einen Waldspielplatz. Der dortige Grillplatz ist allerdings aufgrund der Waldbrandgefahr derzeit gesperrt. Spielen werden Kinder bald auch in unmittelbarer Nähe des Schwarzwald-Vereinsheims können, zu dem man über den Einsiedelweg inzwischen wieder zurück gelangt ist. Dort baut die Stadt nämlich derzeit einen Niederseilgarten. Und damit ist die rund sieben Kilometer lange Wanderung durch den Sindelfinger Stadtwald auch schon beendet. Gute zwei Stunden ist man in gemächlichem Tempo unterwegs. Den angelaufenen Hunger stillen die Wanderer dann direkt in der Vereinsgaststätte.

Der Ausflug in den Stadtwald

Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass auch für Sie etwas dabei ist?

Anfahrt
Mit der Buslinie 708 kommt man in unmittelbarer Nähe des Vereinsheims des Schwarzwaldvereins an – nämlich am Sindelfinger Krankenhaus. Zudem gibt es kostenlose Parkplätze am Waldrand.

Kostenpunkt
Die Wanderungen sind grundsätzlich kostenlos – es sei denn, man nimmt an einer geführten Wanderung teil.

Gastronomie
Einkehren kann man direkt in der Vereinsgaststätte im Vereinsheim. Die Adresse lautet Arthur-Gruber-Straße 65 in Sindelfingen. Die Gaststätte ist eine Erweiterung des Bierstadel in der Pfarrwiesenallee.