Nils Strassburg und seine begeisterten Pariser Fans Foto: Sören Wittmann, Rocking Lens

Rock ’n’ Roll bis zur Ekstase: In der ausverkauften Pariser Kult-Location Olympia feiert Nils Strassburg den Geburtstag von Elvis Presley.

Der satte Sound strömt in den Zuschauerraum des ausverkauften Olympia in Paris – um ein Erinnerungsstück des Abends zu ergattern drängen sich vor der Bühne dutzende Frauen. Auf dieser steht aber kein Weltstar, sondern der Elvis-Presley-Tribute-Künstler Nils Strassburg aus Leonberg. In der Region geschätzt und von seiner Fangemeinde geliebt, in der Veranstaltungsbranche auch als Macher hinter den Kulissen bekannt. Diesen Meilenstein seiner Karriere mit ekstatischem Finale feierte er jetzt aber im Nachbarland. Ein Abend, der mit weiblicher Ekstase endete – fast wie bei Elvis.

Am 8. Januar, Elvis Presleys Geburtstag, steht Nils Strassburg zusammen mit seiner Band The Roll Agents und achtköpfigem Streichorchester auf der Bühne. Letzteres wurde eigens mit Pariser Musikern und Musikerinnen für den Abend zusammengestellt, um „The Musical Story of Elvis“ mit voluminösem Sound zu präsentieren. Eine Hommage an den King of Rock ’n’ Roll, die in Frankreichs Hauptstadt knapp 2000 Besucher und Besucherinnen anzog.

„Wenn du versuchst, eine Illusion zu erschaffen, bist du musikalisch ein Niemand. Sei du selbst.“

Deren Zuneigung hat Nils Strassburg von Anfang an, auch wenn sie diese zu Beginn noch eher zurückhaltend zeigen. Doch dass das Publikum in Feierlaune ist, lassen Zwischenrufe wie „I love you!“ und „Happy Birthday, Elvis!“ erkennen. Damit wird auch klar, warum die Show im kulturell verwöhnten Paris so viele Menschen angelockt hat: Noch mehr als in Deutschland dient Nils Strassburg als Projektionsfläche. Eine Differenzierung zwischen ihm als Künstler und der Ikone Elvis Presley findet nicht statt. Der Performer verschwindet aus Sicht des Publikums völlig in der Rolle des „King of Rock ’n’ Roll“, dem eine Europatour damals nicht vergönnt war. Für sie steht Elvis Presley auf der Bühne. Obwohl er die Fantasie der Fans nachvollziehen kann und für seine Show nutzt, meidet Nils Strassburg selbst den direkten Vergleich mit dem Idol. „Da kann man nur verlieren. Ich bin nicht Elvis und würde mir den Vergleich nie anmaßen. Dazu respektiere ich ihn viel zu sehr. Wenn du versuchst, eine Illusion zu erschaffen, bist du musikalisch ein Niemand. Sei du selbst.“

Auftritt in altehrwürdiger Location

Aber wie kam es überhaupt zu dem Konzert? Der Sprung von Locations wie Stadthallen oder Kurhäusern scheint gewaltig. Die Antwort ist ein glücklicher Zufall. Der Veranstalter Gérard Drouot wurde auf der International Live Music Conference in London über Nils Strassburgs Agentur Newstar Management auf den Künstler aufmerksam. Die Firma Gérard Drouot Productions veranstaltet jährlich etwa 700 Shows und ist eine feste Branchengröße in Frankreich. Einen im eigenen Land völlig unbekannten Künstler zu buchen barg selbst mit der Starpower von Elvis Presley ein Risiko. Doch der richtige Riecher für die Branche und eine Marketing-Offensive haben sich ausbezahlt. Dass das Konzert in der altehrwürdigen Location stattfindet, ist für Nils Strassburg bewegend: „Das macht schon ehrfürchtig und dankbar. Hätte mir das jemand vor ein paar Jahren gesagt, ich hätte ihn für verrückt erklärt.“

Auf der gleichen Bühne wie Edith Piaf, The Beatles oder Frank Sinatra

Ein Auftritt im Olympia gilt als Ritterschlag für jeden Künstler, was mit Blick auf die Historie deutlich wird: Die Veranstaltungsstätte wurde 1888 von Joseph Oller (dem späteren Gründer des Moulin Rouge) errichtet und ist die älteste noch existierende Music Hall von Paris. Eingeweiht von der französischen Sängerin und Tänzerin La Goulue, empfing das Olympia später namhafte Künstler wie Joséphine Baker, Céline Dion, Louis Armstrong, The Beatles, David Bowie, James Brown oder Frank Sinatra. Edith Piaf gab hier, kurz bevor sie an Krebs starb, eines ihrer denkwürdigsten Konzerte – bei dem sie sich vor Schmerzen kaum aufrecht halten konnte. Im Hier und Jetzt erklingt in der Halle als einer der letzten Stücke „Suspicious Minds“. Zugegeben, wahrscheinlich einer der beliebtesten Elvis-Songs, der ohnehin sehr emotional ist. An diesem Abend aber scheint er beinahe den Geist der damaligen Konzerte heraufbeschwören: Als Rock ’n’ Roll und Elvis Presleys Konzerte als Sündenpfuhl galten, weil sie bei Frauen Gefühle weckten, die nicht in die Öffentlichkeit gehörten: sexuelles Verlangen und Ekstase bis hin zur Hysterie.

Eine Idee der Elvis-Ekstase

Zumindest eine Idee davon spürt man an diesem Abend auch in Paris. Haben sie den größten Teil der Show noch brav auf den Stühlen gesessen, kann die weiblichen Fans nun nichts mehr halten, um ihrem „Elvis“ nahe zu sein. Nils Strassburg verteilt Schals, und die Frauen reißen sie ihm förmlich aus der Hand. Das Stück Stoff, benetzt mit ein paar Tropfen Bühnenschweiß, ist die Trophäe des Abends. Manche halten es auch genauso in die Luft, euphorisiert vom Ergattern des Souvenirs. Andere zerren gierig am Anzug des Künstlers, als wollen sie ihn ausziehen. Und auf die Frage „Voulez-vous un baiser?“ („Möchtet ihr einen Kuss?“) lassen sie sich nicht zweimal bitten. Zwar sind seine weiblichen Fans zu Hause auch leidenschaftlich, aber am Abend in Paris bekommt die Zuneigung eine neue Dimension: „Da kriegt man eine minimale Vorstellung, wie sich der echte Elvis gefühlt haben muss!“, staunt der Künstler. Wie zur Bestätigung zeigt ihm eine Frau nach der Show ihr Elvis-Presley-Tattoo und sagt: „Ich habe deinen Namen auf meinem Arm.“

Tour durch Frankreich ist angedacht

Kurze Zeit später irgendwo in den Backstage-Katakomben: Gürtel und Schmuck liegen in der Garderobe, die Anzüge werden kurz entlüftet, bevor sie verstaut werden. Das Adrenalin verwischt nach dem Auftritt die Sinne. Dennoch strahlen Nils Strassburgs Augen heute mit den funkelnden Overalls um die Wette. „Sie haben meine Energie verstanden und dass ich das lebe und authentisch bin. Ein junger Mann meinte, es war das beste Konzerte, das er hier je gesehen hat. Das ist für mich ein viel größeres Lob als ‚Du bist der beste Elvis‘. Es geht darum, eine geile Show zu spielen!“

Auch der Veranstalter war vom Konzert angetan. Für 2025 ist eine Tour durch zehn französische Städte angedacht. Bei so einem Meilenstein braucht es noch etwas Zeit, bis das Erlebte im Kopf des Künstlers angekommen ist. Vielleicht setzt die Realisierung ein, wenn er den Abend irgendwann durch das aufgenommene Livealbum noch einmal erleben kann. Bis dahin rufen der Alltag mit Auftritten in Deutschland, sein Leben als Familienvater und Regeneration. Das hat Nils Strassburg an diesem Abend mit den großen Weltstars gemein: den Balance-Akt zwischen Rausch und Ruhe.