Wenn Kinder traumatisiert werden, kann das oftmals schwere Folgen für ihr restliches Leben haben. Um das zu verhindern, hat ein Arzt aus dem Landkreis Calw ein Projekt ins Leben gerufen, das nun auch nach Böblingen kommt.
Sandelnde Kinder – das ist nichts Besonderes. Auf jedem Spielplatz sieht man sie: Kleine Mädchen und Buben, die Sandburgen bauen, Kuchen backen oder tiefe Gräben schaufeln. Rolf Johnen, ein Arzt für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalyse aus dem Landkreis Calw, wendet diese Art des Spiels an, um traumatisierten Kindern zu helfen. In Böblingen organisieren der evangelische Diakonieverband und die Caritas Schwarzwald-Gäu am 8. Juni für Ehrenamtliche eine Schulung für das Projekt – im Herbst soll das neue Angebot dann an den Start gehen.
In seinem Leben hatte der 82-jährige Arzt Rolf Johnen es oft mit Menschen zu tun, die während ihrer Kindheit Traumatisches erlebt haben. Als Erwachsene wurden sie davon eingeholt. „Dann sitzen die Leute da und können nicht mehr“, sagt er. Das therapeutische Sandspiel bietet laut Johnen eine Chance: genau das zu verhindern.
Das Projekt „Seite an Seite“ setzt das Konzept bereits erfolgreich um
„Ende 2018 begegnete ich Professor Thomas Loew, dem Leiter der psychosomatischen Universitätsklinik Regensburg“, erzählt Rolf Johnen über die Entstehungsgeschichte des Projekts. Gemeinsam mit seiner Frau Professor Beate Leinberger hat dieser das „Trauma-fokussierte Sandspiel“ und das „Trauma-fokussierte Malen“ begründet. Anfang des Jahres 2019 fand im Kreis Calw bereits eine erste Schulung für Ehrenamtliche statt. Daraus entstand dann das Projekt „Seite an Seite“ des Vereins Stadt-Land-Kultur. Bundesweit ist Rolf Johnen mittlerweile unterwegs und schult Ehrenamtliche: Was ist ein Trauma? Wie kann man betroffenen Kindern helfen? Jaqueline Sachse aus Leonberg hat solch eine Schulung bereits absolviert. Im vergangenen Jahr hat die 60-jährige Projektmitarbeiterin der Robert-Bosch-Stiftung ehrenamtlich ein ukrainisches Kind beim therapeutischen Sandspiel begleitet und sagt: „Es ist eine direkte Möglichkeit, Kindern etwas mit auf den Weg zu geben.“
Die erwachsene Begleitperson greift nicht in das Spiel des Kindes ein
Doch wie funktioniert das Trauma-fokussierte Sandspiel eigentlich? Aus verschiedenen Boxen dürfen sich Kinder, die zwölf Jahre oder jünger sind, Spielsachen aussuchen. Da ist alles mit dabei: Tiere, Züge, Traktoren, Murmeln, Steine Muscheln aber auch Panzer und Soldaten. Dann setzt sich das Kind gemeinsam mit der ehrenamtlichen Person an einen Tisch, auf dem eine Sandbox steht. Das Besondere daran: Die erwachsene Person greift nicht in das Spiel ein oder leitet gar an, wie das Kind spielen soll – sie sitzt einfach nur da und schaut zu. Hinter diesem Ansatz steckt eine Methode: Durch das Spiel sollen sich die Kinder aus eigenem Antrieb heraus selbst schützen, indem sie sich nur so weit auf ihre traumatischen Erinnerungen einlassen, wie sie es selbst verkraften können, erklärt Rolf Johnen. Die Rolle der ehrenamtlichen Person ist dabei nur, dem Kind einen gewissen Schutzraum zu geben und das Gefühl, dass jemand da ist, sagt Jaqueline Sachse über ihre Aufgabe.
In zehn Terminen spielen die Kinder für rund eine Stunde, die in zwei Phasen unterteilt ist. Am Anfang und zwischen den beiden Spielphasen gibt es je eine kurze Pause, in der die Kinder gemeinsam singen und sich bewegen, erzählt Jaqueline Sachse. Den Rest der Zeit spielen die Kinder ungestört.
Die Heilung entsteht durch die Beziehung zwischen Kind und Ehrenamtlichen
Was die eigentliche Heilung bewirke, sei letztlich nicht die therapeutische Technik, sondern die Beziehung zwischen Therapeut und Patient, erklärt Rolf Johnen. Das hat auch Jaqueline Sachse bemerkt: Die Kinder bauen langsam Vertrauen zu ihren Bezugspersonen auf – selbst über die Sprachbarriere hinweg. Die innere Teilnahme der Ehrenamtlichen sei das Entscheidende an dem Konzept. Eine wichtige Rolle dabei spiele die funktionelle Entspannung, die von Marianne Fuchs begründet wurde und im Sandspiel von den Ehrenamtlichen angewendet wird. Der grundlegende Gedanke dieser Technik ist, dass durch bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und Atemtechniken psychische Blockaden gelöst werden können. Laut dem Konzept soll diese Technik letztlich auch Auswirkungen auf die Kinder haben und sie davor schützen, dass ihr Trauma Krankheitssymptome auslöst. Die Traumaarbeit bei den Kindern läuft also während des Spiels mehr oder weniger auf einer unterbewussten Ebene ab.
Jaqueline Sachse findet, dass diese Art der Arbeit eine tolle Möglichkeit für Menschen ist, die ihre ersten Schritte im Ehrenamt tun wollen. „Es ist sehr erfüllend“, sagt sie. Außerdem werde kein Vorwissen benötigt, um einzusteigen.
In Böblingen soll ab dem neuen Schuljahr eine solche Sandspielgruppe mit etwas zehn Terminen im Haus der Begegnung in Böblingen angeboten werden. Das Angebot richtet sich an Kinder mit Fluchterfahrung, Einladungen sollen allerdings auch an Schulen gerichtet werden, sodass Eltern und Lehrende ebenfalls informiert werden. Sprachliche Kenntnisse spielen bei dem Projekt keine Rolle.
Ausbildung von Ehrenamtlichen
Wann und wo?
Um über da Projekt zu informieren und ehrenamtliche Sandspielbegleiter und -begleiterinnen zu gewinnen, findet am Samstag, 8. Juni, von 9 Uhr bis 16.30 Uhr im Caritaszentrum Böblingen, Sindelfinger Str. 12, 71032 Böblingen, eine Schulung statt. Bei der Schulung vermittelt Rolf Johnen Grundlagenwissen zu den Themen Stressbelastung und Trauma und gibt einen Überblick über die Methode des begleiteten Sandspiels. Am Nachmittag wird die Methode praktisch eingeübt.
Anmeldung
Personen, die sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit als Sandspielbegleiter interessieren, sind eingeladen, unverbindlich an der Schulung teilzunehmen. Abgesehen von der Freude an der Zusammenarbeit mit Kindern gibt es für die Teilnahme an der Schulung keine Voraussetzungen. Interessierte können sich bis Montag, 3. Juni anmelden bei Denny Bausch, Bausch@diakonie-Leonberg.de, Telefonnummer 0 71 52 / 33 29 40 26, oder Nora Braun, braun.no@caritas-schwarzwald-gaeu.de, Telefonnummer 0162/ 6 32 75 85.