Schauspieler Jörg Pollinger von Q-rage mimte lebensecht Szenen, die sich tagtäglich so ereignen, bei denen aber viel zu oft niemand einschreitet Foto: Stefanie Schlecht

Was tun, wenn in Bus oder Bahn Zivilcourage gefragt ist? Aus Angst oder Unwissen mischen sich Passanten häufig nicht ein. Das Mitmachtheater Q-rage aus Ludwigsburg gastierte jetzt in Böblingen, um das zu ändern – und machte einen Omnibus zur Bühne.

Jutta hatte heute einen schlechten Tag an der Uni. Niedergeschlagen nimmt sie den Bus in Richtung Heimat. An der nächsten Haltestelle steigt plötzlich ein älterer Mann ein. Zunächst beachtet sie ihn nicht weiter, hat aber das Gefühl, er komme ihr bei jeder Gelegenheit ein bisschen näher. Irgendwann fühlt Jutta sich so unwohl, dass sie ihm ausweicht. Doch der Herr folgt ihr. „Können Sie bitte weggehen“, sagt sie verunsichert. „Wieso denn, da am Eingang kann ich nicht stehen, da müssen Leute einsteigen“, entgegnet er und kommt der jungen Frau noch ein Stückchen näher.

Linienbus wird zur Bühne

Ein Senior, der der Geschehen beobachtet hat, greift nun ein. „Haben Sie nicht gehört, was die junge Dame gesagt hat? Lassen Sie sie in Ruhe“, fordert er den Mann auf. „Wieso, ich mache doch gar nichts. Das hier ist ein öffentlicher Bus, ich kann stehen, wo ich will“, pöbelt der Belästiger weiter. Der Senior wird wütender. Eine ältere Dame beteiligt sich. Sie bietet Jutta einen Platz neben sich an, sodass sie dem Täter entkommt. „Okay, das war doch super“, unterbricht Schauspielerin Sandra Hehrlein vom Theater Q-rage die Szene. Die Frau, die gerade noch in die Rolle der Studentin Jutta geschlüpft war, zeigt sich erfreut über den Einsatz der Senioren.

Vor dem Einkaufszentrum Mercaden in Böblingen diente ein Linienbus in dieser Woche ausnahmsweise mal nicht als Transportmittel, sondern als Bühne für eine Theateraufführung zum Thema Zivilcourage. Den ganzen Nachmittag improvisierte die Truppe aus Ludwigsburg Szenen zusammen mit Erwachsenen, Schülern oder Senioren. Bei dem Programm „Wir, hier und jetzt!“ durften die Zuschauer selbst bestimmen, welche Situation das Theater-Trio – bestehend aus Sandra Hehrlein, Jörg Pollinger und E-Pianist Daniel Neumann-Schwarz – darstellten.

Die Teilnehmer waren dann aufgefordert, in den Szenen so zu agieren, wie sie es für richtig hielten. Wann ist der beste Zeitpunkt, um einzuschreiten? Soll ich überhaupt eingreifen? Was kann ich tun? Wie vermeide ich es, mich selbst in Gefahr zu bringen? Einige dieser Fragen konnten die Theaterpädagogen beantworten. „Sprecht am besten gezielt andere Leute an, um euch zu verbünden“, riet Sandra Hehrlein. Wenn man allein ist, solle man sich beim Busfahrer melden oder gleich die Polizei rufen. „Die meisten Menschen konzentrieren sich zu sehr auf den Täter. Dabei ist es viel wichtiger, das Opfer aus der Gefahrenzone zu bringen“, fügte ihr Schauspielkollege Jörg Pollinger hinzu. Das könne ein Beobachter zum Beispiel tun, indem er sich zwischen Täter und Opfer stelle oder dem Opfer seinen Platz anbiete.

Theater animiert zum Mitmachen

Dieses so genannte „Präventionstheater“ ist ein Teil der Arbeit von Hehrlein und Pollinger, die das Theater Q-rage 2004 gegründet haben. Sie haben auch pädagogische Stücke zu modernen Medien, Radikalisierung und Extremismus oder Mobbing im Programm. Das Ziel des Zivilcourage-Stücks sei es hauptsächlich, die Leute einzubinden und selbst handeln zu lassen, um ihnen zu vermitteln, wie sie sich in einer Situation richtig verhalten.

Die Ludwigsburger Theatergruppe hat in der Vergangenheit schon oft im Rahmen dieses Präventionstheaters mit der kommunalen Kriminalprävention zusammengearbeitet. Diese besteht aus Polizei, verschiedenen Bereichen der Böblinger Stadtverwaltung, dem Präventionsbeauftragten des Landkreises und mehreren Bereichen der Jugend- und Seniorenarbeit.

Als Leiter der Schutzpolizei im Präsidium Ludwigsburg war Markus Geistler vor Ort, von Böblinger Seite als Leiterin des Bürger- und Ordnungsamtes Gisa Gaietto sowie Oberbürgermeister Stefan Belz. „Zivilcourage ist Grundlage unserer Freiheit. Deshalb wollen wir sie heute trainieren“, sagte der Oberbürgermeister. „Unser Ziel ist es, dass die Menschen sich wieder mehr umeinander kümmern. Geben Sie das Wissen von heute an Freunde, Bekannten und Familie weiter, nur so können wie etwas verändern“, fügte Sandra Hehrlein abschließend hinzu.

Zivilcourage: Sechs Regeln für den Ernstfall

Ich helfe,
ohne mich selbst in Gefahr zu bringen

Ich fordere
andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf

Ich beobachte
genau und präge mir Täter-Merkmale ein

Ich organisiere
Hilfe unter Notruf 110

Ich kümmere
mich um das Opfer

Ich stelle
mich als Zeuge zur Verfügung