Chef der deutschen Billie Jean King Cup-Mannschaft: Rainer Schüttler mit Eva Lys. In unserer Bildergalerie blicken wir auf die Karriere von Rainer Schüttler zurück. Foto: imago

An diesem Wochenende treten Deutschlands beste Tennisspielerinnen in Stuttgart gegen Brasilien im Billie Jean King Cup an. Teamchef Rainer Schüttler analysiert die Situation im deutschen Damentennis – und erklärt, warum andere Nationen häufiger in die Weltspitze vorstoßen.

Ein Titelgewinn im Nationenwettbewerb liegt schon lange zurück: 1992 war Deutschland mit Steffi Graf und Anke Huber letztmals siegreich. Im Billie-Jean-King-Cup, wie der Wettbewerb mittlerweile heißt, trifft Deutschland am Freitag (16 Uhr) und Samstag (14 Uhr) in der Stuttgarter Porsche-Arena auf Brasilien. Vor dem Duell äußert sich Teamchef Rainer Schüttler zur Situation im deutschen Tennis.

Herr Schüttler, im Fußball ist Deutschland gegen Brasilien ein Klassiker. Was dürfen die Tennisfans am Freitag und Samstag von diesem Duell erwarten?

Ich hoffe, viele schöne, spannende Spiele mit dem besseren Ende für uns. Wir haben ein sehr komplettes Team, wir haben einen guten Teamgeist und freuen uns sehr auf dieses Heimspiel. Es ist das erste seit über vier Jahren, was die Mädels doppelt motiviert.

Mit einem Sieg können Sie sich für das Finale der besten zwölf Teams qualifizieren. Ist der erste Mannschaftstitel seit 1992 ein Ziel, von dem Sie träumen?

Wir wollen jetzt erst einmal die Hürde Brasilien nehmen und uns für das Finalturnier qualifizieren. Um am Ende den Titel zu gewinnen, muss viel zusammenkommen und alles perfekt laufen. Aber wenn man solch einen Traum als Sportler nicht lebt, macht man etwas verkehrt.

Vor 20 Jahren standen Sie als „Speedy Schüttler“ im Finale der Australian Open gegen Andre Agassi. Wie oft werden Sie eigentlich noch auf den größten Erfolg Ihrer Einzelkarriere angesprochen?

Noch ab und zu. Mir ist das aber auch gar nicht so wichtig. Es war eine schöne Zeit, und die Erinnerungen bleiben. Ich bin aber keiner, der in der Vergangenheit lebt. Ich schaue lieber nach vorne.

Mit Ausnahme von Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Alexander Zverev gab es in den vergangenen 20 Jahren keine Grand-Slam-Finals mit deutscher Beteiligung mehr. Warum bleibt das deutsche Tennis hinter seinen Möglichkeiten zurück – in einem Land mit 1,5 Millionen aktiven Spielerinnen und Spielern?

Grundsätzlich würde ich den Maßstab nicht allein an Erfolgen bei Grand Slams anlegen wollen. Das deutsche Tennis verfügt über eine breite Basis, hat eine hervorragende Turnierlandschaft – und mit Angie Kerber und Sascha Zverev auch zwei absolute Weltklasseprofis.

Kerber ist 34 und macht gerade eine Babypause. Danach kommt lange nichts. In den Top 100 der Frauen stehen nur drei Deutsche, in den Top 50 gar keine.

Hätte es im Wimbledon vergangenes Jahr Punkte gegeben, sähe die Weltrangliste für Jule Niemeier und Tatjana Maria, die im Viertelfinale aufeinandertrafen, deutlich freundlicher aus. Aber es stimmt schon: Im Damentennis durchleben wir im Moment eine kleine Talsohle. Mit Noma Noha Akugue und Eva Lys haben wir zwei vielversprechende Talente, die uns auch am Wochenende im Billie-Jean-King-Cup begleiten werden. Sie sind aber noch jung und brauchen noch Zeit. Nicht zu vergessen Anna-Lena Friedsam, Jule Niemeier und Nastasja Schunk, die sich gerade von einer schweren Verletzung erholt.

Warum bringen andere Nationen wie Russland, Polen oder Tschechien in schöner Regelmäßigkeit Spielerinnen in die Top Ten?

Das ist vor allem eine gesellschaftliche Frage. In Deutschland hatten und haben wir immer viele gute Jugendliche. Die dann aber an der Schwelle zum Aktivenbereich häufig hängen bleiben. Ich wollte damals nach der elften Klasse die Schule abbrechen, dann haben meine Eltern gesagt: Du machst schön Abi! In vielen Ländern Osteuropas hingegen führen 14-Jährige schon ein Leben wie ein Profi. Während hierzulande eben mehr Wert auf Schule und Ausbildung gelegt wird. Ich halte das auch grundsätzlich nicht für falsch.

Aber?

Das deutsche System ist eben nicht ideal für Leistungssportler. Das bezieht sich ja nicht nur aufs Tennis und hat auch mit dem Stellenwert des gesamten Sports zu tun – außerhalb des dominierenden Kosmos Fußball. Als ich die Nummer 20 der Welt war und erzählt habe, dass ich Tennis spiele, wurde ich gefragt: Ok, und was machst du beruflich? Wenn du in Amerika oder Australien erzählst, du bist Tennisprofi, sagt jeder: Wow!

Auf der anderen Seite sind die Voraussetzungen in Deutschland für einen angehenden Profi viel günstiger als in Osteuropa oder Südamerika: Es gibt Tennisinternate, Stützpunkte, jede Menge Fördergelder und potente Sponsoren.

Das ist richtig. Garantiert aber noch lange nicht, dass das System jedes Jahr eine Top-Ten-Spielerin ausspuckt. Dafür ist die Weltspitze zu eng beisammen, was man in ständig neuen Grand-Slam-Siegerinnen sieht. Im Bereich der Top 100 – wir reden von den einhundert besten Spielern der Welt – kommen einfach so viele Komponenten zusammen. Mentale Dinge, der Körper. Sehen Sie, wäre Sascha Zverev vergangenes Jahr in Paris nicht umgeknickt, wäre er wahrscheinlich die Nummer eins der Welt geworden.

Wie definiert der Deutsche Tennis Bund Spitzentennis – und was ist vom deutschen Nachwuchs in den kommenden Jahren zu erwarten?

Wir haben von den jüngeren Spielerinnen mit Jule Niemeier eine, die mit ihrer Viertelfinalteilnahme in Wimbledon im vergangenen Jahr schon bewiesen hat, was sie draufhat. Aktuell hat sie ein paar Probleme, aber eigentlich bringt sie alles mit. Darüber hinaus haben wir in Noma, Eva und Nastastja drei sehr vielversprechende Talente, von denen sicher die eine oder andere nach oben durchschießen kann.

Haben Sie ein persönliches Ziel?

Letztlich ist Tennis ein Einzelsport, aber die Erwartungshaltung in Deutschland sollte schon sein, dass in den nächsten ein, zwei Jahren zwei Spielerinnen in den Top 20 aufschlagen. Das würde dem gesamten deutschen Tennis enormen Auftrieb geben.