Fehlende Perspektive für Pharmazeuten? In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Anzahl der selbstständigen Apotheken in Deutschland beinahe halbiert. Foto: dpa/Jan Woitas

Aus Protest bleiben am Mittwoch, 14. Juni, auch viele Apotheken im Rems-Murr-Kreis geschlossen. Patienten wird geraten, sich rechtzeitig mit wichtigen Medikamenten einzudecken. Warum sind die Pharmazeuten so wütend?

Wer auf ein dringend notwendiges Medikament angewiesen ist, sollte sich in der Apotheke seiner Wahl in den kommenden Tagen besser noch eindecken. Denn für den Mittwoch kommender Woche kündigt die sonst stets um die Gesundheit der Kundschaft bemühte Branche ein ungewöhnliches Ereignis an.

Notdienst-Apotheke bleibt geöffnet

Aus Protest gegen die Preispolitik und den offenbar immer stärker wachsenden bürokratischen Aufwand treten die Apotheken bundesweit in den Streik, zumindest für einen Tag bleiben die Türen geschlossen. Das hat zur Folge, dass die Patientinnen und Patienten auch im Rems-Murr-Kreis nur schwer an Medikamente kommen werden.

„In Fellbach werden alle sieben örtlichen Apotheken am kommenden Mittwoch geschlossen bleiben, auch die drei Kollegen in Kernen öffnen nicht“, sagt Thomas von Künsberg Sarre aus der Stadtapotheke an der Bahnhofstraße. Nur die Apotheke in Stetten stehe im Rahmen des Notdiensts für die Versorgung dringender Akutfälle zur Verfügung – abgeholt werden kann Arznei nur durch die Notdienstklappe.

Vergütung wurde nicht angepasst

Dass die Branche so geschlossen hinter dem Protest steht ist aus Sicht der Apotheker kein Wunder. „Immer weniger Apotheken müssen nicht nur immer mehr Patienten versorgen. Sie bekommen vom Staat bei massiv steigenden Kosten auch immer mehr unbezahlte Aufgaben aufgeladen – und das zu einer Vergütung, die sich immer noch auf einem Jahrzehnte alten Stand bewegt“, nennt Künsberg Sarre die Gründe für den Unmut von sich und seinen Kollegen.

Laut den Apothekern ist zwar im Jahr 2004 für Arzneimittel ein neues Vergütungssystem eingeführt worden, zehn Jahre später wurden die in dem Modell hinterlegten Beträge mit dem sogenannten Festzuschlag auch leicht erhöht. Doch durch den zusätzlichen Rabatt, den die Branche seit Februar an die Krankenkassen abführen muss, sei der Festzuschlag inzwischen wieder aufs Jahr 2004 zurückgefallen. „Auch für uns sind die Gehälter, die Mieten und die Energiekosten deutlich teurer geworden. Aber wir erhalten keine höhere Vergütung als vor 20 Jahren – während die Vergütung für unsere Bundestagsabgeordneten im gleichen Zeitraum um 43 Prozent gestiegen ist“, ätzt der Apotheker.

Anderswo gebe es Fiebersäfte, in Deutschland nicht

Mindestens ebenso wie die Verdienstlage frustriert die Branche, dass den Apothekern immer mehr Arbeit aufgebürdet werde. Seit 2007 würden die Beschäftigten von den Krankenkassen gezwungen, kostenlos das günstigste Arzneimittel herauszusuchen. Die im Laden stehenden Patienten würden die Ersatzwirkstoffe aber vielfach nicht als gleichwertig akzeptieren – was eine enorme Überzeugungsarbeit notwendig mache.

Auch die in Deutschland existierenden Engpässe beispielsweise bei Fiebersäften für Kinder führen die Apotheker auf den Kostendruck der Krankenkassen zurück. „Weil die Preise nicht mehr der Realität entsprechen wird von manchen Arzneimittelherstellern schlichtweg nichts mehr für den deutschen Markt produziert. Deshalb ist Fiebersaft auf der ganzen Welt problemlos zu erhalten, nicht aber für Kinder in Deutschland“, heißt es in einer Stellungnahme der lokalen Apotheker zum geplanten Streiktag.

Apotheker sprechen von Perspektivlosigkeit

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Apotheken würden die genannten Lieferengpässe zwar abfedern, indem sie stundenlang nach Alternativen für die medizinische Versorgung der Patienten suchen würden. Bezahlt werde der Mehraufwand den Beschäftigten allerdings nicht, heißt es. Das erinnert die Pharmazeuten an die Coronapandemie, als die Apotheken nicht nur versucht hätten, durchgängig geöffnet zu bleiben, sondern vielfach aus dem Stand heraus einen Botendienst und teils sogar eine Testinfrastruktur aufgebaut hätten.

Ein besonderer Dorn im Auge ist der Branche außerdem das Securpharm-System. Weil einige wenige ausländische Versand-Apotheken gefälschte Arzneimittel in Umlauf gebracht hätten, müssten auch lokale Apotheken seit 2019 jede einzelne Arzneimittelschachtel gesondert verifizieren, um Fälschungen vorzubeugen. Auf den Kosten für Software und EDV-Schnittstellen seien die Apotheken sitzen geblieben.

Dass die Branche unter dem Spardruck längst von Perspektivlosigkeit spricht, lässt sich aus Sicht der Apotheker auch mit Zahlen untermauern. Vor 20 Jahren habe es bundesweit noch fast 22 000 selbstständige Apotheker gegeben. Inzwischen sei die Zahl der Betriebe auf etwa 13 000 gesunken. Für die Gesundheitsversorgung bedeute der Schwund, dass ein Apotheker mittlerweile rechnerisch 6300 Menschen mit Medikamenten versorgt – und Belastung wie Verantwortung von Jahr zu Jahr steigen, heißt es.