Satanisten, Zeugen Jehovas oder Scientology – Fabian Maysenhölder spricht in seinem Podcast „Secta“ über Sekten und neureligiöse Gemeinschaften. Foto: Eibner-Pressefoto/Sandy Dinkelacker

Satanisten, Scientologen oder Zeugen Jehova – über diese und viele weitere Sekten hat Fabian Maysenhölder, Pfarrer aus Böblingen, den Überblick. In seinem Podcast „Secta“ klärt der 37-Jährige seit 2017 über neureligiöse Gemeinschaften und so manche gefährliche Ansicht auf.

Scientology, Satanisten, Zeugen Jehovas oder Heaven’s Gate – die Liste an sektenähnlichen Organisationen ist lang und in ihrer Ausprägung in alle Richtungen offen. Während manche kultartig die an der Spitze stehenden Anführer als Messias verehren, greifen andere tief ins Privatleben ihrer Mitglieder ein. Nochmals andere üben Gewalt aus. In anderen Gemeinschaften wiederum geht es weniger spektakulär zu.

Sekten-Gemeinschaften versprechen Halt

Klar ist: Sekten lösen bei Menschen gleichermaßen Anziehung und Befremdung aus. Manche fühlen sich angezogen von Gemeinschaften, die Halt versprechen und Identität stiften. Andere können der Begeisterung für neureligiöse Bewegungen nichts abgewinnen: Zu abstrus manche Glaubenssätze, zu starr und hierarchisch einige Strukturen.

Zwischen Faszination und Ablehnung bewegt sich auch Fabian Maysenhölder, evangelischer Pfarrer aus Böblingen und Host des Podcastformats „Secta“. Seit sechs Jahren spricht der 37-Jährige regelmäßig über Sekten und neureligiöse Gemeinschaften. Angefangen hat alles nach dem Studium der Theologie im März 2017, als Maysenhölder auf der Suche nach einer neuen Aufgabe war. „Ich arbeitete damals für N-TV als Onlineredakteur. Da ich ein Projektmensch und begeisterter Podcasthörer bin, immer schon Interesse an Glaubensextremen habe, wollte ich das ausprobieren. Ich habe den Markt sondiert und festgestellt, dass es noch nichts im deutschsprachigen Raum gibt. So war die Idee geboren“, blickt der gebürtige Pforzheimer zurück.

Mit Heaven’s Gate, einem krassen Beispiel, fing alles an

Schnell hat sich der Theologe, der zu dem Zeitpunkt mit Frau und einem Kind in Berlin lebte, den ersten Fall gesucht. „Ich erinnere mich noch daran, dass ich zu allererst über Heaven’s Gate gesprochen habe. Das war eine Sekte, in der 1997 insgesamt 39 Menschen in den Suizid getrieben wurden, weil sie so der vermeintlich drohenden Apokalypse entkommen wollten. Hier interessierte mich besonders die Frage, wie kommen Menschen dazu, sich selbst zu töten – alles aufgrund einer absurden Vorstellung, dem Weltuntergang so entfliehen zu können.“

Gerade weil Maysenhölder selbst einer Kirche angehört und gläubig ist, üben die Extremen und die Bandbreite persönlicher Glaubenswelten eine besondere Bewunderung aus. „Ich war als Jugendlicher Teil einer evangelikalen Freikirche. Dies war zwar keine Sekte, in der Rückschau gab es aber auch dort problematische Ansichten“, gibt der Pfarrer Einblicke in seine religiöse Biografie.

Messias-ähnliche Verehrung von Donald Trump

Nach Heaven’s Gate beleuchtete Maysenhölder, der von 2017 bis 2019 als Vikar bei der Christusgemeinde auf der Böblinger Diezenhalde tätig war, auch weitere bekannte Sektengemeinschaften: Von Fiat Lux, der Church of Satan, den Mormonen über die Zeugen Jehovas präsentierte der 37-Jährige das Who-is-Who der globalen Sektenszene religiöser Ausprägung. Heutzutage lässt sich der etwas schwammige Sektenbegriff aber auch auf nicht-religiöse Gruppierungen erweitern: „Auch im esoterischen oder politischen Bereich gibt es sektenähnliche Gebilde, die zwar eher netzwerkartig organisiert sind, aber trotzdem sektentypische Elemente in sich vereinen“, so der Wahl-Böblinger.

Dabei seien Figuren wie Donald Trump, der in evangelikalen Kreisen und innerhalb der sogenannten QAnon-Ideologie als Heilbringer verehrt wird, genauso zu nennen, wie die Anastasia-Bewegung. Die rechtsesoterische Weltanschauung fußt auf einer Romanreihe eines russischen Autors mit reichlich antisemitischem Gedankengut. In Deutschland macht sich das lose Netzwerk durch Öko-Landsitze einen Namen. Einige der führenden Köpfe haben Verbindungen in die rechtsradikale Szene.

Religiöse Bildung soll durch „Secta“ vermittelt werden

Zu Beginn überrascht über die schiere Masse an sektenartigen Gruppierungen auf der Welt, arbeitet sich Fabian Maysenhölder – inzwischen Vater von drei Kindern und zuständig für die Pfarrersausbildung am Pädagogisch-Theologischen Zentrum Stuttgart – weiter durch die Untiefen der Sekten. Auch wenn die Podcastarbeit mit Leidenschaft gemacht wird, sie fordert auch viel Zeit ein: „Die Recherche dauert etwa eine bis zwei Wochen, das Skriptschreiben einen Tag. Das Aufnehmen drei, das Schneiden weitere zwei Stunden“, rechnet er vor.

In diesem Pensum seien bis Anfang 2023 über 40 reguläre und rund 30 Extra-Folgen entstanden. Mit dem „Secta“-Podcast erreicht der Pfarrer durchschnittlich zwischen 7000 und 10 000 Menschen. Besonders durch die Decke ging die Episode über die Zeugen Jehovas: „Die haben bis heute 25 000 Menschen abgerufen.“

Immer wieder erhält der Podcast-Host Feedback. Und das nicht nur aus der interessierten Hörerschaft, sondern auch von jenen, die Gegenstand seiner Folgen sind. „Ich habe auch schon mit Mitgliedern der in den Episoden vorgestellten Gemeinschaften diskutiert. Bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel gab es Austausch. Es gab sogar lobende Worte zu der sachlichen Darstellung in den ersten zwei Dritteln der Sendung. Nur das letzte Drittel, in dem ich über problematische Aspekte sprach, kam bei ihm nicht so gut an“, sagt Maysenhölder augenzwinkernd.

Die Vorgehensweise der vergangenen sechs Jahre will der Podcaster weiter führen: „Mein Anspruch lautet: Wissenschaftlich und neutral herangehen, erklären, woran die Gruppe glaubt, aber auch welche Punkte problematisch sein können. Denn einige halte ich durchaus für gefährlich, zum Beispiel wenn medizinische Behandlungen abgelehnt werden, stark das Privatleben kontrolliert und sanktioniert wird oder wenn Verschwörungstheorien propagiert werden. Ich sehe ‚Secta’ deshalb auch als Podcast an, der informiert und aufklärt.“