Mit bunten Plakaten strömen die Demonstrierenden am Samstagnachmittag auf den Rathausplatz. Je länger die Veranstaltung voranschreitet, desto lauter wird der Applaus. Foto: /Gottfried Stoppel

Nach der Demonstration gegen die AfD am Samstag in Waiblingen zeigen sich die Initiatoren zufrieden. Rund 1000 Teilnehmer haben gegen Rassismus und Faschismus demonstriert. Wir zeigen Fotos – auch von der unerwarteten Polizeiaktion.

Am Tag danach ist Vincent Leuze sehr zufrieden damit, wie die Demonstration gegen die AfD in Waiblingen verlaufen ist. Für den Samstagnachmittag hatte ein Bündnis aus Gewerkschaften, Vereinen und Initiativen, deren Sprecher der 26-Jährige ist, unter dem Motto „Die rechte Welle brechen“ zu einer Kundgebung auf den Rathausplatz gerufen.

Vincent Leuze fühlt sich von dem großen Andrang in seinem Tun bestätigt

Auch oder besonders um ein Zeichen zu setzen gegen die Pläne, welche bei einem geheimen Treffen von Rechtsextremisten und Politikern in Potsdam geschmiedet und durch das Recherchenetzwerk Correctiv bekannt wurden. „Ich habe vorab 300 Teilnehmende angemeldet. Im Nachgang geht die Polizei von etwa 1000 Besuchern aus. Das freut und bestätigt uns“, sagte der junge Waiblinger Krankenpfleger, der in der Geschäftsführung der Verdi-Jugend im Bezirk Stuttgart aktiv ist.

Im Gepäck haben die Teilnehmer kreative Plakate, Fahnen und auch mal ein Eis

Nachdem der Andrang erst noch etwas verhalten gewesen war, strömten kurz vor Beginn der rund einstündigen Versammlung immer mehr Menschen auf den Rathausplatz und den Weg vor den umliegenden Geschäften – im Gepäck hatten sie bunte Plakate mit eindrücklichen Sprüchen, manche waren zudem in eine regenbogenfarbige Fahne gehüllt. Wieder andere wollten wohl das sonnige Wetter für einen entspannten Bummel nutzen, entdeckten dann die Demonstration und reihten sich spontan mit der ersten Eiswaffel des Jahres dicht gedrängt in die Kundgebung ein, um sich gemeinsam mit den anderen gegen Rassismus und Faschismus stark zu machen. „Nie wieder ist jetzt“, „Respekt, Vielfalt, Demokratie“ oder „Kein Platz für Nazis“ – die Teilnehmer hielten ihre kreativ gestalteten Plakate in die Höhe.

Dem Applaus nach zu urteilen, war es wohl besonders die Rede von Danial, die die zahlreichen Teilnehmer berührte und sie darin bestärkte, sich gegen Rechtsextremismus starkzumachen und auf die Straße zu gehen. Danial, der nur mit Vorname in der Zeitung stehen möchte, musste mit seiner politisch verfolgten Familie vor zehn Jahren aus dem Iran fliehen. Seine eindrücklichen Schilderungen von seinen Erlebnissen als Migrant ließen die Parole des Nachmittags „Alle zusammen gegen den Faschismus“ deutlich lauter und stärker werden. „Als ich am Waiblinger Bahnhof die Flugblätter für diese Demo verteilt habe, wurde ich mehrfach angegangen. Bald sei die AfD an der Macht und würden solche wie mich als Erstes aufräumen, drohten sie mir“, sagte Danial und wurde mit Buhrufen darin gestärkt, dass so ein Verhalten nicht sein darf. Danial, der entgegen den Vorhersagen seiner Lehrerin in Deutschland Abitur gemacht hat, aber noch immer keinen deutschen Pass bekommt, kam auch auf den Anschlag in Hanau im Jahr 2020 zu sprechen, bei dem ein 43-jähriger Täter neun Menschen mit Migrationshintergrund, danach seine Mutter und schließlich sich selbst erschoss. Er zählte die Opfer mit Namen auf und beendete seine eindrücklichen Schilderungen damit, dass neun Leute auf der Rednerbühne sich die Gesichter der Ermordeten als Plakat vors Gesicht hielten.

„Die Angehörigen der Opfer müssen heute noch für Aufklärung kämpfen, zum Glück tun sie das“, sagte Danial und fügte noch eine Info direkt für die Bundesregierung hinzu: „Olaf Scholz möchte ich als sogenannter Flüchtling sagen, wer gegen Rechts sein will, darf nicht deren Rhetorik und deren Agenda übernehmen. Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht und nicht verhandelbar.“

Zwischen den eindringlichen Redebeiträgen bringt Musik Zeit zum Verschnaufen

Zwischen den Redebeiträgen von Betroffenen wie Danial sowie von Gewerkschaftern, Rednern lokaler Initiativen oder dem Offenen Antifaschistischen Treffen Rems-Murr sorgten passende Musikbeiträge – entweder aus den Boxen oder von einem griechischen Künstler auf der Gitarre gespielt – für ein paar Minuten zum Durchatmen. Die Organisatoren hatten auch eine Stellwand mit rechtsextremen Vorfällen im Rems-Murr-Kreis sowie einen Tisch mit Infomaterial vorbereitet. „Macht reichlich davon Gebrauch und steckt auch was in unsere Spendenbüchsen, denn das hier ist kein Sprint, sondern ein Marathon, und wir werden noch viel Geld für Veranstaltungen wie diese brauchen“, sagte Vincent Leuze, der sich freute, dass die Kundgebung trotz starker Meinungsäußerungen die gesamte Zeit über friedlich blieb.

Eine Polizeiaktion sorgt für Ärger und Unverständnis nach Ende der Kundgebung

Umso überraschter waren der 26-Jährige und die übrigen Organisatoren der Waiblinger Initiative – ein überparteiliches Waiblinger Bündnis für Demokratie soll mit einer Gründungsversammlung am heutigen Montag aus der Taufe gehoben werden – von einer Polizeiaktion, die sich erst nach Ende der Demo ereignete. So seien Mitglieder des Offenen Antifaschistischen Treffens Rems-Murr nach Auflösung der Versammlung noch als Gedenkaktion wegen Hanau in einem Aufzug durch die Stadt gelaufen. „Im Zuge dessen haben sie auch einen Rauchtopf entzündet, was die Polizei dazu veranlasste, einen Aktivisten direkt in Handschellen abzuführen“, sagte Leuze, der die Aktion nicht nachvollziehen kann. „Alles lief toll und friedlich ab, deshalb verurteilen wir das Vorgehen und hätten uns mehr Fingerspitzengefühl von der Polizei gewünscht, andererseits bleibt alles dadurch auch noch mehr in Erinnerung“, sagte der Organisator der Gewerkschaftsjugend.

Weitere Infos und Termine sowie die Möglichkeit, Termine für ein Netzwerk einzuspeisen, gibt es unter: www.remsmurr-gegenrechts.de