Hohe Energiekosten, gestiegene Tierarzt-Honorare, teures Futter und eine Flut von abgegebenen, vernachlässigten oder beschlagnahmten Tieren: Die Lage bei den beiden Tierheimen in Böblingen ist außerordentlich angespannt.
Steigende Kosten für Heizöl, Strom, Futter und Tierarztbesuche – für die beiden Tierheime im Kreis Böblingen wird allein die Existenz immer teurer. Dazu kommt eine Flut von abgegebenen oder beschlagnahmten Tieren.
Vor allem das vom Tierschutzverein Böblingen getragene Tierschutzheim an der Herrenberger Straße in Böblingen hat an den höheren Preisen zu knabbern. „Heizöl kostet uns aktuell das Doppelte“, sagt die Vorsitzende Annette Lehmann. Bei den Tierärzten seien nach Inkrafttreten der Fortschreibung der Tierarztvergütung im November einzelne Positionen für Behandlungen bis zu zehn Mal so teuer geworden.
Die Unterhaltskosten sind kaum zu erwirtschaften
Auch die laufenden Kosten für das 1977 erbaute Haus seien hoch. „Und wenn dann mal die Heizung ausfällt, drängt die Zeit, weil man die Tiere nicht im Kalten lassen kann.“ Sowohl die Mitgliedsbeiträge als auch die Vermittlungsgebühren hat das Tierschutzheim darum schon vor einiger Zeit erhöht.
Etwas anders sieht es beim benachbarten und öffentlich finanzierten Kreistierheim aus. Das ist zwar nicht auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen, aber auch hier machen die veränderten Rahmenbedingungen zu schaffen. „Wir erkennen aber auch, dass wir es manchmal leichter haben als andere Tierheime“, sagt der Vorstand des Kreistierheims, Wolf Eisenmann.
Kreistierheim leistet sich keine eigene Tierärztin mehr
Doch auch sie müssen teils kleinere Brötchen backen, um noch wirtschaftlich arbeiten zu können. So musste das Angebot der eigenen Tierärztin vor Ort aufgegeben werden. „Man hat nie den gleichen Bedarf von Woche zu Woche“, sagt der Leiter des Kreistierheims, Torsten Alzinger. Von daher lohne sich eine fest angestellte Tierärztin nicht. Etwa acht Stunden in der Woche sei aktuell ein Tierarzt oder eine Tierärztin auf Honorarbasis im Kreistierheim tätig. „Wir müssen so wirtschaftlich wie möglich arbeiten, ohne den Tierschutz zu vernachlässigen“, erklärt Eisenmann. Ein schwieriger Spagat. Auch streunende Katzen werden aus Kostengründen nicht mehr aufgenommen. Das Modell rentiert sich nicht. „Wir betreiben aber noch einige Futterstellen im Landkreis“, sagt Alzinger.
So unterschiedlich die beiden Tierheime sind, verbindet sie doch eine gemeinsame Geschichte. Bis 2019 nämlich war das Tierschutzheim das einzige Tierheim im Kreis Böblingen, und bekam dementsprechend auch Kostenerstattungen für Fundtiere. „Das ist mit dem Bau des Kreistierheims weggefallen“, bedauert Schriftführerin Petra Deyringer-Kühnle.
Die beiden Nachbarn kommen sich nicht mehr ins Gehege
Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten hätten sich zerschlagen, fasst Eisenmann die Vorgeschichte knapp zusammen. Teilweise hätten sich auch ehemals im Tierschutzheim Tätige für das neue Kreistierheim verpflichten lassen. Auch er selbst sei früher im Tierschutzheim aktiv gewesen.
Mittlerweile hätten sich die beiden Tierheime allerdings miteinander arrangiert, beteuert Eisenmann. So halte man sich bei der Spendenakquise zurück und betreibe keine eigene Hundetagesstätte, um dem Tierschutzheim nicht das Wasser abzugraben. „Wie bei geschiedenen Eheleuten“, so Eisenmann, funktioniere die Koexistenz mal besser, mal weniger gut.
Nach Corona kommen vermehrt Problemfälle ans Tageslicht
Doch noch andere Themen einen die beiden Tierheime. So zum Beispiel Corona. Die Pandemie ist – zumindest in den Köpfen vieler und bei den weggefallenen Homeoffice-Regelungen – vorbei, aber der Fallout trifft beide Tierheime nun umso härter.
„Viele Leute waren in der Pandemie und gerade im Lockdown nur zu Hause und haben sich einen Hund angeschafft, ohne sich ausreichend Gedanken darüber zu machen“, weiß Alzinger. Oft seien Tiere aus dem Ausland gekauft worden, es habe keine Nachbetreuung oder Beratung bei Problemen gegeben. Viele Halter seien überfordert. „Oft werden private Lösungen gefunden, wo ein Hund unterkommen kann, aber die schwierigen Fälle kommen dann zu uns.“ Auch das Tierschutzheim merkt einen deutlichen Effekt der Pandemie. „In der Phase nach Corona kommen jetzt oft Anfragen an unsere Hundetagesstätte, wo die Hunde gar keine Artgenossen kennen und keinerlei Erziehung haben“, sagt Vereinschefin Lehmann.
Auch der hohe Kostendruck in Privathaushalten führt zu immer mehr Abgaben
Und noch mal zurück zu den gestiegenen Tierarztkosten. Die machen nämlich nicht nur den Tierheimen zu schaffen, sondern auch den Tierhaltern. „Das verursacht langfristig, dass immer mehr Tiere abgegeben werden“, sagt die zweite Vorsitzende Elke Hudler. „Wir müssen gewappnet sein für einen Ansturm“, vermutet auch Eisenmann. Das Kreistierheim will deshalb seine Hundezwinger mit Gittern zur Teilung der Räume aufrüsten, damit bei Bedarf mehr Hunde dort gehalten werden können.
Zwei Böblinger Tierheime in direkter Nachbarschaft
Das Kreistierheim
Das Tierheim des Landkreises ist für Fund- und Abgabetiere aus dem Landkreis Böblingen zuständig. Es wurde Anfang 2019 eröffnet in der Herrenberger Straße 210 in Böblingen und erstreckt sich auf einer Fläche von rund 7000 Quadratmeter. Auf dem Gelände gibt es eigenen Angaben zufolge Platz für 60 Hunde, 120 Katzen und bis zu 150 Kleintiere.
Das Tierschutzheim
Das Tierheim in Trägerschaft des Böblinger Tierschutzvereins befindet sich in direkter Nachbarschaft: in der Herrenberger Straße 204. Dort werden Hunde, Katzen und Kaninchen aufgenommen – unabhängig davon, aus welchem Landkreis sie kommen. Hilfsbedürftige Wildtiere finden dort ebenfalls einen Unterschlupf. Hunde und Katzen können vorübergehend in Pension gegeben werden, und für Hunde gibt es eine Hundetagesstätte.