Der ukrainische Präsident hat den Menschen viel Mut gemacht. Zu viel? Die Zweifel wachsen, doch der Zusammenhalt ist wichtig, kommentiert unser Autor Christian Gottschalk.
Wolodymyr Selenskyj und Vitali Klitschko werden in diesem Leben bestimmt auch keine Freunde mehr. Oft schon hat der ukrainische Präsident dem Bürgermeister seiner größten Stadt im Lande vorgeworfen, dieser schütze die Menschen nicht ausreichend vor den russischen Luftangriffen. Immer wieder schlägt der Ex-Boxer Klitschko zurück, und benennt Fehler, die angeblich im Präsidentenpalast gemacht werden. Nun hat Klitschko allerdings noch einmal deutlich nachgelegt. Er bemängelt Nachlässigkeiten zu Kriegsbeginn, Fehler während der Kämpfe und in der täglichen Kommunikation mit den Menschen in einer Deutlichkeit, wie man die bisher selten gehört hat in dem vom russischen Überfall geschundenen Land.
Zwei potenzielle Rivalen um das Präsidentenamt
Nun muss man nicht jedes Wort Klitschkos auf die Goldwaage legen, zumal im nächsten Jahr Präsidentenwahlen anstehen. Zumindest nominell ist das der Fall, denn ob sie denn auch stattfinden können, das steht in den Sternen. Klitschko hatte schon einmal den Versuch unternommen in die ganz große Politik zu gelangen, und dort will er immer noch hin. Er und Selenskyj sind ein Stück weit politische Konkurrenten, die gerne den gleichen Job hätten. Und die Ukraine ist, zumindest war sie das zu Friedenszeiten, eine überaus lebhafte Demokratie mit viel Lust am politischen Diskurs. Da ist Kritik normal. Allerdings, und das ist auch ein Teil der Besorgnis erregenden Wirklichkeit hinter Klitschkos Worten, liegen zu Beginn des zweiten Kriegswinters die Nerven in großen Teilen des Landes inzwischen blank.
Die Lasten des Kampfes sind ungleich verteilt
Selenskyj hat in der Vergangenheit in seinen täglichen Ansprachen viel Mut verbreitet und viel Hoffnung gemacht. Das war mutmaßlich mit ein Grund dafür, dass die tapferen Ukrainer so lange und so erfolgreich Widerstand gegen den Kriegstreiber aus dem Kreml leisten konnten. Doch nicht nur Klitschko fragt sich allmählich, ob die Hoffnung nicht ein wenig überdimensioniert geraten ist. Ob die tatsächlichen Ergebnisse nicht all zu sehr hinter den erwarteten Erfolgen hinterher hinken. Die Krim wird derzeit jedenfalls nicht von der Ukraine kontrolliert. Das hatte Selenskyj im April für den Winter angekündigt.
Und bei aller Begeisterung, bei allem nach wie vor vorhandenen Engagement zur Verteidigung der eigenen Heimat, weisen immer mehr Frauen darauf hin, dass die Lasten des Kampfes überaus ungleich verteilt sind. Es sind die Frauen der Männer, die seit eindreiviertel Jahren nahezu ohne Pause in den Schützengräben liegen, während andere dort noch nie im Matsch robben mussten. Die Korruption in den Einberufungsbüros ist in der Ukraine viel diskutiertes Thema.
Zweifel an den Verbündeten wachsen
Für viele Ukrainer wirkt die „Wir schaffen das“-Mentalität des Präsidenten jedenfalls lange nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn des russischen Überfalls. Zudem wachsen die Zweifel an den Verbündeten. Ziemlich offen haben ukrainische Medien nun die Frage gestellt, ob denn der Westen wirklich alles tue, um das Land zu unterstützen, oder ob nicht doch die russische Strategie Erfolge zeitige. Nicht die russische Strategie auf dem Schlachtfeld, wo täglich die Menschen sterben, und wo es nicht so recht vorwärts geht, für keine Seite. Wohl aber die Strategie des Kremls, in den Hauptstädten Europas und in Washington auf Abnutzungs- und Ermüdungserscheinungen zu setzen.
Wenn kein Wunder geschieht, dann wird ein langer, ein sehr langer Abnutzungskampf, die Ukrainer und ihre Verbündete noch lange zum Zusammenhalt zwingen. Ob das am Ende halbwegs gut ausgeht ist kaum vorhersehbar. Sicher ist jedoch, dass Einigkeit und Einheit die Chancen auf einen Erfolg steigen lassen. Das gilt für die Verbündeten des überfallenen Landes, und natürlich erst Recht für die Ukrainer selbst.