Das Ausbildungs- und Produktionszentrum CTSJ in Jérémie wurde erdbebensicher gebaut und hatte keine Schäden zu verzeichnen, aber er Turm der Kathedrale ist eingestürzt. Foto: Pro Haiti

Der Entwicklungshilfeverein mit Sitz in Aidlingen hält den Kontakt mit den Projektpartnern vor Ort und hofft auf Spendenbereitschaft für Wiederaufbau.

Aidlingen - Am Samstag, 14. August, um 8.29 Uhr Ortszeit erschütterte ein starkes Erdbeben den gesamten westlichen Teil von Haiti. Das Zentrum des Hauptbebens mit einer Stärke von 7.2 lag dabei in der Mitte zwischen den Standorten Jérémie und Léogâne. Hier wie dort unterstützt der Aidlinger Verein Pro Haiti Projekte. Der Vorstand des Entwicklungshilfevereins bemüht sich nun um direkte Kontakte zu den Projektpartnern, um Hilfsmaßnahmen vor Ort zu unterstützen. Bis Sonntagabend war bereits klar, dass es viele Hundert Tote und Tausende von Verletzten gezählt werden. „Unter den direkten Projektpartnern sind bisher glücklicherweise keine Todesopfer“, sagt der Pressesprecher Stefan Hovekamp.

Bei dem Erdbeben der Stärke 7.0 im Jahr 2010 gab es weit über 200 000 Tote in der dicht besiedelten Region um die Hauptstadt Port-au-Prince. Als Folge des damaligen Erdbebens wurde von Pro Haiti mit Unterstützung von Caritas International am Ort des Epizentrums das große Ausbildungszentrum CCFPL in Léogâne errichtet. Zusätzlich hat der dortige von Pro Haiti mitinitiierte Selbsthilfeverein Mark einige Wohnhäuser erdbebensicher aufgebaut. Geprägt von den traumischen Erlebnissen des weltweit verheerendsten Erdbebens von 2010 sind am Wochenende die Menschen dort wieder in Panik geraten.

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Projektpartner ohne Todesopfer

„Soweit bisher bekannt, sind die von Pro Haiti erstellten Gebäude jetzt alle ohne größere Schäden geblieben, und es sind auch keine Gebäude eingestürzt“, sagt Hovekamp und die Freunde ist ihm anzumerken. Wie der dortige Direktor Père Raymond bestätigte, gelte dies auch für die Gebäude des Pro-Haiti-Ausbildungszentrum CTSJ in Jérémie und für das Pro-Haiti-Haus und die Montessori-Schulen, die Pro Haiti in den 1990-er Jahren dort errichtet hat. Auch die Häuser und Dachreparaturen, die Pro Haiti seit dem Wirbelsturm Matthew 2016 mitfinanziert hat, und die vom haitianischen Selbsthilfeverein Omadej dort errichtet wurden, haben anscheinend gut standgehalten. In der Region von Jérémie sind aber jetzt schon mehr als 100 Tote zu beklagen, und das zentrale Krankenhaus ist total überlaufen.

Aber starke Schäden im Stadtzentrum

Der Turm der zentralen großen Kathedrale ist beim Erdbeben komplett eingestürzt. Das Holzdach der Kirche hat anscheinend dem starken Erdbeben widerstanden, nachdem es erst vor wenigen Jahren nach dem Totalschaden neu eingedeckt werden musste.

In der Nacht zum Sonntag ereignete sich in Jérémie ein heftiges Nachbeben der Stärke 5.8, dessen Zentrum nur 30 Kilometer südlich in den Bergen lag. Das Nachbeben in Jérémie war stärker als das Hauptbeben. Es sind viele Häuser eingestürzt und es gab weitere Tote und Verletzte. Doch auch hier blieben die Einrichtungen der Entwicklungshilfeorganisation verschont.

Das Erdbeben geschah am Samstag am späten Abend – aus Angst davor hat niemand im Haus geschlafen. „Die Leute sind hochgradig nervös, ganz viele Menschen müssen sich vor lauter Angst und Aufregung erbrechen“, melden die Projektpartner.

Aus Angst schläft niemand im Haus

Südlich von Jérémie in den Bergen in der Gemeinde Beaumont entsteht unter der Leitung der deutschen Ärztin Anke Brügmann eine Reihe von Waisenheimen und Schulgebäuden, die tatkräftig von Studierenden aus Karlsruhe vom dortigen Verein „Engineers without Borders“ (EWB) unterstützt wurde. Auch jetzt arbeitet Pro Haiti mit EWB-Mitgliedern zusammen, damit Tische und Bänke für die neue Schulküche bald in Haiti am CTSJ gefertigt werden können. Bei der Finanzierung dieses Gemeinschaftsprojektes hilft auch der Landkreis Böblingen mit.

Vermehrt Waisenkinder befürchtet

Durch das neuerliche Erdbeben ist allerdings zu befürchten, dass es wieder vermehrt Waisenkinder in der Region geben wird – so wie schon einige der jetzigen Waisenkinder ihre Eltern vor fünf Jahren beim Wirbelsturm Matthew verloren haben. Anke Brügmann hat kurz an ihren Heimatverein „Pwojè men kontre Haiti–Deutschland“ im Schwarzwald berichtet: „Ich habe alle Hände voll zu tun, die Verletzten aus Beaumont zu versorgen. Laufend werden mir Menschen gebracht, die medizinische Hilfe brauchen. Verbandsmaterial ist zu wenig da. Aber dennoch werden die Wunden irgendwie versorgt. Hütten sind eingestürzt und Häuser zum Teil beschädigt.“ Aktuell ist auch die Nationalstraße zwischen Jérémie und Beaumont durch das Erdbeben blockiert.

Regelmäßige Unterstützung und schnelle Hilfe

Übersee-Container
Durch die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit haitianischen und deutschen Projektpartnern gerade in der jetzt stark betroffenen westlichen Region Haitis hat Pro Haiti an fünf Standorten persönliche Ansprechpartner, die es schnell erlauben, die Situation vor Ort genauer zu beurteilen und die jeweils passenden Maßnahmen einzuleiten oder zu unterstützen. Aktuell wird gerade wieder ein lang-geplanter und vollgepackter Übersee-Container von Nagold aus nach Haiti geschickt, der dort Ende September ankommen soll.

Spenden
Für eine Einzel- oder Dauerspende unter dem Stichwort „Erdbeben 2021“ gibt es die Pro Haiti Spendenkonten: Vereinigte Volksbank AG IBAN: DE57 6039 0000 0004 4990 00, Sparkasse Pforzheim – Calw IBAN: DE39 6665 0085 0000 0444 07,

Kreissparkasse Böblingen IBAN: DE66 6035 0130 0000 9159 99. Für einen Spendenbeleg ist bei der Überweisung Anschrift und Email anzugeben.

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