Während in Deutschland Attentate auf die Stromversorgung von Automobilherstellern die Sorge um das Investitionsklima vorantreibt, erlebt das lateinamerikanische Land eine Investitionsboom.
Erst Anfang dieser Woche kündigte der japanische Autokonzern Toyota eine Megainvestition auf brasilianischem Boden an: Bis Ende 2026 soll umgerechnet eine Milliarde Euro in die Produktion investiert werden, bis Ende 2030 sollen es sogar mehr als zwei Milliarden sein. Nur zwei Tage später legte der Autogigant Stellantis nach. Die Gruppe, zu der etwa die Marken Fiat, Jeep, Peugeot, Citroën und Opel gehören, will von 2025 bis 2030 eine Investition von umgerechnet sechs Milliarden Euro nach Südamerika pumpen und unter anderem auch nach Brasilien. Das ist gleichbedeutend mit der größten Investition in der Geschichte der brasilianischen und südamerikanischen Automobilindustrie insgesamt. Tage zuvor hatte Brasiliens Präsident Lula da Silva angekündigt: Auch der koreanische Autobauer Hyundai investiert rund eine Milliarde Euro im größten Land des Kontinents.
Brasilien profitiert von der räumlichen Nähe zum „Lithium-Dreieck“
Während es aus Deutschland Bilder von Anschlägen auf die Stromversorgung von Tesla in die lateinamerikanischen Wirtschaftsmagazine schaffen, überbieten sich seit Monaten Autobauer aus aller Welt mit Investitionszusagen in Übersee. „Diese Ankündigung unterstreicht unser Vertrauen und unser Engagement für die Zukunft der südamerikanischen Automobilindustrie und ist eine Reaktion auf das günstige Geschäftsumfeld, das wir hier vorgefunden haben“, erklärte Stellantis-Manager Carlos Tavares. Gemeint sind damit niedrigere Lohn- und Energiekosten sowie kaum Proteste gegen Investitionen in große Fabriken. In Brasilien ist die Industrialisierung ausdrückliches Regierungsziel.
Brasilien profitiert auch von der räumlichen Nähe zum „Lithium-Dreieck“ Argentinien, Bolivien und Chile und verfügt zudem über eigene Lithium-Vorkommen. Der Rohstoff wird unter anderem für die Produktion von E-Autos benötigt. „Der Zugang zu Rohstoffen ist für den Markthochlauf der Elektromobilität und damit für die Erreichung der EU-Klimaziele von höchster Bedeutung“, heißt es dazu vom Verband der deutschen Automobilindustrie. Die in Südamerika bestehenden Lithium-Reserven seien allerdings kaum erschlossen.
Auch Volkswagen stockt seine Investitionen in Brasilien auf
Der erhoffte Freihandelsvertrag zwischen der EU dem südamerikanischen Handelsbündnis Mercosur, zu dem unter anderem auch Argentinien, Brasilien und seit Kurzem auch Bolivien gehören, ist allerdings erneut gescheitert. In Südamerika ist die Enttäuschung über die Europäer groß, besonders Frankreich blockiert bislang eine Einigung. Dennoch darf sich derweil Präsident Lula nicht nur über einen schmucken neuen E-SUV des chinesischen Autoherstellers BYD freuen, den er für ein Jahr nutzen darf. Es gab auch die Ankündigung einer Investitionen in Höhe von umgerechnet etwa 600 000 Millionen Euro, die der rasant wachsende chinesische Autohersteller BYD in eine Produktionsanlage in Camacari im nordöstlichen Bundesstaat Bahia stecken will. Der brasilianische Wirtschaftswissenschaftler Felipe Rodrigues von der Universität Fluminense erkennt darin eine Machtverschiebung: „Was überall in der Welt passiert, passiert auch in Lateinamerika: Chinesische Hersteller drängen andere Hersteller zurück.“
Gute Nachrichten für Lula gab es indes auch von VW: Die Wolfsburger kündigten an, ihre geplanten Investitionen bis 2026 auf umgerechnet drei Milliarden Euro mehr als zu verdoppeln.