Wolfgang Riehle ist Ehrenpräsident der Architektenkammer Foto: Domino/Ralph Koch

Die Baulandpreise und die Baukosten klettern immer weiter – zu Lasten der Architektur? Nein, sagt der renommierte Reutlinger Architekt und Stadtplaner Wolfgang Riehle.

Stuttgart - hier Die Baulandpreise und die Baukosten klettern immer weiter – zu Lasten der Architektur? Nein, sagt der renommierte Architekt und Stadtplaner Wolfgang Riehle, Geschäftsführer der Domino Holding GmbH+Co. KG in Reutlingen.

Herr Riehle, Baulandkosten und pure Baukosten steigen ständig weiter. Welche Folgen hat dies aus Ihrer Sicht denn grundsätzlich für die Architektinnen und Architekten im Land?

Erstaunlicherweise sind die Büros trotz der progressiven Kostenentwicklung ganz überwiegend gut ausgelastet – meines Erachtens nicht zuletzt dem Bedarf im Wohnungsbau, der Inflationsfurcht und der anhaltenden Niedrigzinsphase geschuldet. Mittelfristig dürfte aber eine Beruhigung eintreten, da die Pandemie nicht nur bei den öffentlichen Haushalten für investive Zurückhaltung sorgen wird. Jedenfalls können die aktuellen Preissteigerungen und Lieferverzögerungen nicht den Architekten angelastet werden.

„Ich glaube an die kreative Vielfalt“

Gibt es eine stärkere Polarisierung – das formal interessante Bauen für die oberen und obersten Preissegmente, ein alle und vor allem die energetischen Anforderungen berücksichtigendes, formal möglichst reduziertes Bauen für die investitionsbereite Breite, und ein betont modul-orientiertes Bauen für die Masse?

Nein, ich glaube nicht an eine stärkere Polarisierung, eher an eine kreative Vielfalt und wünschenswerte Mischung. Modul-orientiertes Bauen muss übrigens nicht gleichbedeutend sein mit Gestaltverzicht, allerdings auch nicht mit low-cost! Es kommt eben darauf an, wie man es macht. Clever kombinierte Module können nicht zuletzt Bauzeit einsparen, denn auch die ist Geld.

Rückkehr zu Low-Tech?

Gegenfrage: Provozieren die hohen Kosten vielleicht mehr, gar „vorausschauende“ Kreativität?

Genau! Kostendruck hat der Architektur noch nie geschadet, vielmehr verzichtbare und oft zeitgeistige und kurzlebige Auswüchse verhindert. Verknappung setzt zweifellos Kreativität frei, fordert aber nicht nur Architekten und Ingenieure, sondern auch Investoren und Nutzer: Das Weglassen tradierter Elemente, wie einzelner Wände und Türen oder die Rückkehr zu Low-Tech, macht erhebliche Einsparungen möglich – wenn man es will!

„Wir brauchen flexible Wohnformen“

Der bisherige Siedlungsneubau reagiert auf die steigenden Preise nicht zuletzt durch immer neue Absenkungen von Hausbreiten. Werden auch die vier Meter demnächst ganz selbstverständlich unterschritten?

Das Problem sind nicht primär die Hausbreiten, sondern die explodierenden Grundstückskosten: Bewohner von frei stehenden Einfamilienhäusern stellen ja bereits eine bedrohte Spezies dar. Wir brauchen für unsere bunte Gesellschaft viele alternative und möglichst flexible Wohnformen und es geht um vertretbare Dichte, um verträgliche Höhe, um gegenseitige Verschattung, um friedliche Co-Existenz auf knapper geschnittener Fläche. Wir müssen deshalb zunehmend dreidimensional, also räumlich und raffiniert gestapelt und verschachtelt denken und planen, um trotz Verdichtung Individualität und Gemeinschaft zugleich zu ermöglichen. Das ist die Herausforderung!

Neue Chancen im Bestand

Und umgekehrt: Machen die rasant gestiegenen Kosten nicht alle Bemühungen, das Thema Gebäudeerhalt und Bauen im Bestand zu platzieren und zu fördern zur Makulatur? Zumindest im Bereich Mehrfamilienhaus zwischen drei und sechs Wohnungen scheint Abriss unausgesprochen das Mittel der Wahl. Ist der Eindruck falsch?

Im Gegenteil: steigende Herstellungskosten erhöhen den Wert bereits vorhandener Bausubstanz! Es gilt zunehmend genauer zu prüfen, welche Gebäude oder Bauteile einem weiteren Lebenszyklus zugeführt werden können, bevor sie zum Abbruch und Neubau freigegeben werden – also nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit. Allerdings gibt es tatsächlich vor allem im Wohnungsbau der frühen Nachkriegszeit qualitativ und konstruktiv ungenügende Bestandsbauten, die mit vertretbarem Aufwand nicht zukunftsfähig neu strukturiert oder ertüchtigt werden können und die zur Nachverdichtung nicht geeignet sind.

Besser einfach und solide

Zuletzt: Im Zuge der Energiewende ist gerne davon die Rede, Deutschland müsse Innovationstreiber sein. Würden denn technologische und baustofftechnologische Innovationssprünge helfen, Architektinnen und Architekten über zeitgerechte Materialien und Verfahren die ja eigentlich gewünschten Gestalt-Spielräume (zurück) zu geben?

Innovationstreiber sind ja leider häufig auch Kostentreiber und viele Innovationen sind mit einer weiteren Erhöhung der Komplexität im Bauwesen verbunden. High-Tech veraltet schnell, ist oft störanfällig, unterhaltungsintensiv und damit auf lange Sicht teuer. Auch sind eben nicht alle Nutzergruppen „digital kids“ und Viele tun sich deshalb im Handling schwer. Es fehlt meines Erachtens nicht an Gestaltungsspielräumen, eher an der Bereitschaft oder am Konsens zum Gestalten. Und dazu gehört für mich auch der unbedingte Wille, Herstellung, Substanz und Nutzbarkeit von Gebäuden so einfach und solide wie irgend möglich zu machen. Dies wäre kostengünstig und nachhaltig zugleich.

Wolfgang Riehle

Leben und Arbeit
Geboren am 17. Mai 1953 in Reutlingen, studierte Wolfgang Riehle an der Universität Stuttgart Architektur und trat im Anschluss in das väterliche Architekturbüro in Reutlingen ein (heute Riehle + Assoziierte). Von 1998 bis 2014 agiert er als Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, überdies als Vorstandsmitglied der Bundes­architektenkammer. Seit 2014 ist er Ehrenpräsident der Architektenkammer Baden-Württemberg. Zudem ist er Vorsitzender des Kunstvereins Reutlingen und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Riehle, überregional als Vorsitzender wichtiger Preisgerichte gefragt, ist heute Geschäftsführer der Domino Holding GmbH + Co. KG in Reutlingen mit den Tochterfirmen Riehle + Assoziierte GmbH + Co. KG Architekten und Generalplaner; campus GmbH, Bauten für Bildung und Sport; Atrium Projektmanagement GmbH; Reik Ingenieurgesellschaft mbH sowie der citiplan GmbH, Stadtplanung.