Jugendliche aus Leipheim pflegen Kindergräber in Böblingen. Foto: Eibner-Pressefoto/Sandy Dinkelacker

Deutsche, polnische und ukrainische Jugendliche aus Leipheim und Umgebung besuchen die Gräber polnischer Kinder auf dem Alten Friedhof in Böblingen. Wie kommen sie dazu?

„Einen kleinen Funken Hoffnung in die Welt tragen“ – mit diesem Gedanken im Herzen hat eine rund 20-köpfige Gruppe Jugendlicher und einiger Eltern um Adrian Fijolek und seine Frau Sabine aus Leipheim die gut 100 Kilometer Entfernung nach Böblingen zurückgelegt.

Die Gruppe gehört dem „Jugendtreff International Leipheim“ an – eine Aktion des von Fijoleks und Mitstreitern im Jahr 2022 gegründeten deutsch-polnischen Vereins „In Kontakt“, der sich Völkerverständigung und Austausch auf die Fahnen geschrieben hat. Ihr Ziel war der Alte Friedhof der Kreisstadt, genauer ein kleiner Teil, der an ein Kapitel der Stadthistorie erinnert, der nicht vielen bekannt sein dürfte: 32 Grabsteine stehen am Ende des alten Abteils des Friedhofes, nahe an der Mauer zur Innenstadt. Wenige sind alt und verwittert, andere in Quaderform sichtlich jünger. Aber auch an ihnen hat bereits der Zahn der Zeit genagt.

Bei den Gräbern, so verraten es Namen und Lebensdaten auf den Steinen, sofern sie noch zu entziffern sind, handelt es sich bis auf eines um die polnischer Kinder, die in den Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1950 gestorben sind.

Friedensarbeit hat eine aktuelle Dimension

Ausgerüstet unter anderem mit Eimern, Schwämmen, Scheuerbürsten, Steinputzmittel und einem faltbaren Pavillon, der vor dem einsetzenden Dauerregen etwas schützte, machte sich die Gruppe voller Elan daran, die Grabstätte zu pflegen. Ziel war auch, etwas für den Erhalt des gemeinsamen kulturellen Erbes von Deutschland und Polen zu leisten, aber auch zu erinnern und zu versöhnen. Angesichts der Kriegsbilder aus Odessa, Donezk oder Charkiw, die die ukrainischen Mitglieder der Gruppe als ihre Heimatstädte nannten, und der Berichte über die Gräueltaten, die die Hamas bei ihrem Terrorangriff auf Israel verübt haben, bekommt diese Friedensarbeit eine aktuelle Dimension.

Gleichzeitig wollten die Jugendlichen aber auch Antworten auf ihre Fragen: Wer waren diese Kinder? Wo lebten sie und ihre Eltern? Woran sind sie gestorben? Und diese bekamen sie unter anderem von Erika Winograd, die in Böblingen aufgewachsen ist und die Gräber bereits seit ihren Kindertagen kennt, von Hans-Jürgen Sostmann, ehemaliger Mitarbeiter im Böblinger Stadtarchiv, sowie von Ewa Weidmann. Über die gebürtige Polin, die in Böblingen lebt und die diese für sie besondere Stätte vor einigen Jahren zufällig entdeckt hat. Seitdem kümmert sie sich darum und hat Adrian Fijolek vor zwei Jahren zufällig am Rande eines deutsch-polnischen Weihnachtskonzerts in Leipheim erfahren.

Etwa 3000 Menschen haben nach Kriegsende auf dem Flughafen gelebt

Sostmann berichtete, dass bereits während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände des ehemaligen Flughafengeländes vor allem russische und polnische Kriegsgefangene in mehreren Baracken untergebracht waren, die in Böblinger Unternehmen Frondienste leisten mussten. Nach Kriegsende übernahmen dann zuerst Vereinte Nationen die Lager, die sich um die Menschen kümmerte, die durch die Wirren des Krieges und durch Verschleppung der Nazis zu Heimatlosen geworden waren – sogenannte Displaced Persons.

Circa 3000 Menschen, vorwiegend aus Polen und Russland hätten dort nach dem Krieg gelebt, berichtete Sostmann. 1950, als das Lager aufgelöst wurde, seien die verbliebenen rund 580 Personen in den umliegenden Orten untergekommen, in denen sie Arbeit gefunden hatten. Obwohl es im Lager eine medizinische Betreuung gab und die Bewohner mit Nahrungsmitteln versorgt wurden, seien die hygienischen Verhältnisse nicht gut gewesen. Einige Kinder seien auch im Böblinger Krankenhaus gestorben, unter anderem an Keuchhusten, Diphtherie oder Scharlach.

Ende der 90er-Jahre wurden die Grabsteine restauriert

„Mich haben als kleines Kind die Engelköpfchen auf den Grabsteinen fasziniert“, berichtete Erika Winograd davon, dass sie der ehemalige Kinderfriedhof seitdem begleitet. Als von den ursprünglich drei Reihen nur noch eine übrig geblieben war, habe sie sich entschlossen, für den Erhalt zu kämpfen. Bei Baubürgermeisterin Ulrike Hotz sei sie dann auf offene Ohren gestoßen: In den Jahren 1998 und 1999 wurden die noch vorhandenen Steine restauriert und nicht mehr vorhandene durch die quaderförmigen ersetzt – kindlich verspielt, lose angeordnet und nicht wie zuvor streng in Reihen.

Diese Erinnerungen nimmt die Jugendgruppe auch von einem Filmemacher festgehalten in Bild und Ton mit. Denn nicht nur die Pflege der Gräber ist Teil des Projekts, mit dem sich der Jugendtreff bei den „Jugend-Ideenlaboren“ des Deutschen Polen-Institut in Darmstadt beworben hat. Damit sollen die Perspektiven von Jugendlichen in den Gestaltungsprozess des „Deutsch-Polnischen Hauses“, das in Berlin als Ort der Erinnerung und Begegnung entsteht, einfließen. Ende November wird die Gruppe ihre Arbeit samt Video als Modellprojekt präsentieren.

Grabsteine sind gesetzlich geschützt

Sven Reisch, den Leiter des Böblinger Kulturamts, der am Samstag ebenfalls vor Ort war, haben die Jugendlichen auch interviewt. Es sei noch viel Erinnerungsarbeit zu leisten, ist eine Erkenntnis, die er mitnimmt. Dass einige Namen auf den Grabsteinen falsch geschrieben sind und der Wunsch nach einer Erinnerungstafel groß ist, waren weitere an ihn gerichtete Botschaften. Die von Henryk Sitko, Pater der Polnischen Katholischen Gemeinde in Stuttgart, zu der auch Böblingen gehört, geäußerte Sorge, die Gräber könnten verschwinden, konnte Reisch dagegen zerstreuen: Diese seien inzwischen gesetzlich vor der Auflassung geschützt.