Auf der Baustelle wird eifrig gewerkelt, ab dem 28. März sollen wieder Züge über das neue Viadukt rollen. Doch dafür muss die tonnenschwere Brücke erst noch an ihren richtigen Platz rücken. Ein Besuch auf der Baustelle.
Gewaltig ragt die neue Bahnbrücke über die Würm in Ehningen in die Höhe. Bauarbeiter in orangefarbenen Westen kraxeln auf ihr herum. Es regnet leicht, der Boden ist matschig, Baustellenlärm erfüllt die Luft. Noch steht der Überbau der neuen Brücke nicht an seinem endgültigen Platz, sondern neben der Bahnstrecke, auf einem provisorischen Gerüst. Die Bahn lässt derzeit das alte Eisenbahnviadukt gegen eine neue, knapp 100 Meter lange Brücke tauschen. Für rund drei Monate fahren deshalb auf der Gäubahnstrecke zwischen Herrenberg und Ehningen keine Züge.
Ausgerüstet mit Helm und Warnweste geht es zusammen mit Bauleiter Robin Ernst vom Bauunternehmen Implenia und einer Sprecherin der Deutschen Bahn über eine wacklige Treppe hoch hinauf auf die künftige Fahrbahn der Brücke. Kaum vorstellbar, dass hier in wenigen Wochen Gleise liegen sollen.
Brücke bringt beeindruckendes Gewicht auf die Waage
Die weitläufige, betonierte Fläche ist fast leer und überdacht von einem großen, weißen Zelt. „Das hier ist unser Partyzelt“, scherzt Ernst. Fügt aber gleich an: „Nur, dass hier keine Partys gefeiert werden.“ Stattdessen diene das Zelt dem Schutz. „Damit sind wir von der Witterung unabhängig.“ Platz genug für ein Fest gäbe es allerdings und genug Gäste auch, arbeiten doch gerade 50 Menschen auf der Baustelle.
Vom künftigen Gleisbett geht es eine Etage tiefer. Unter der Fahrbahn erstreckt sich ein Gang, die Brücke ist innen hohl und bleibt es auch. Geschickt für mögliche Wartungsarbeiten, aber vor allem der Bauart geschuldet. Bauleiter Ernst nennt den Fachbegriff: Hohlkastenbrücke. Trotz dieser Aussparung bringt der Überbau ordentlich Gewicht auf die Waage: insgesamt etwa 4000 Tonnen. Rund 200 Tonnen Stahl und 1500 Kubikmeter Beton seien hier verarbeitet worden.
Beim Bewegen der Brücke ist Fingerspitzengefühl gefragt
Aktuell laufen die Arbeiten an den Widerlagern, auf ihnen liegt später rechts und links der Überbau auf. Sie stehen bereits an der Stelle des alten Viadukts, aber noch nicht an der richtigen Position. Laut Bauleiter Ernst sollen sie innerhalb der kommenden zwei Wochen an ihren Platz geschoben werden. Sind sie an Ort und Stelle, muss noch der Rest des alten Viadukts weg – allerdings nicht komplett. Ein Teilstück bleibt voraussichtlich in der Gemeinde. Dafür machen sich der Heimatgeschichtsverein Ehningen, der Förderverein „Denkmal Ehningen!“ sowie die Bürgerbeteiligung Historische Gebäude stark.
Ende Februar/Anfang März soll die neue Brücke an ihren Platz rücken. Das bedeutet: 4000 Tonnen Gewicht müssen 14 Meter weit bewegt werden. „Dafür brauchen wir einen ganzen Tag“, sagt Ernst. Das Vorrücken der Brücke müsse genaustens überprüft und immer wieder angepasst werden. Das geschehe Zentimeter für Zentimeter. „Man sieht fast nicht, dass es vorangeht.“ Statt zwei Pfeilern wie bisher stützt dann nur noch ein Pfeiler die neue Brücke. Er steht bereits an seinem Platz.
Arbeiten liegen jetzt im Zeitplan
Wenn die Brücke verschoben ist, beginne der Ausbau der beiden Gleise, der Leitungen und der Geländer. Außerdem werden Lärmschutzwände erneuert beziehungsweise neue auf der Seite zur Gemeinde hin aufgestellt. Die Bahnsprecherin zeigt sich zuversichtlich, dass die Arbeiten gut im neuen Zeitplan liegen. Für viele Pendler, aber sicher auch für Anwohner eine gute Nachricht.
Die Brücke steht nämlich dicht an der ersten Häuserreihe. Der Lärm muss vor allem während der Abbrucharbeiten im Januar Robin Ernst zufolge sehr laut gewesen sein. Gravierende Beschwerden hätten sie allerdings nicht erreicht, berichten Bahnsprecherin und Bauleiter.
Warum es zu Verzögerungen kam
Ursprünglich hätte die Brücke im September 2023 fertig werden sollen. Doch das klappte nicht. Die Bahn macht dafür Veränderungen in der Ausführungsplanung verantwortlich. Bei einigen Details hätte sich gezeigt, dass sie, wie im Entwurf ursprünglich vorgesehen, so nicht umsetzbar waren. Als weiteren Grund für die Verzögerungen nennt die Bahnsprecherin eine neue Verordnung des Eisenbahn-Bundesamts vom Frühjahr 2023. Die Bahn ging offenbar davon aus, dass diese Regelung für die Brücke noch nicht gelte, weil die Baustelle offiziell bereits seit Ende 2022 läuft. Sie galt aber doch und zog weitere zeitintensive Anpassungen nach sich. Ob es trotz Verzögerungen bei den Kosten von rund 21 Millionen Euro bleibt, kann die Bahnsprecherin zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen.
Die Folge all dessen: Die neue Brücke wurde zwar schon im vergangenen Jahr gebaut, doch die alte bekam noch eine Gnadenfrist. Nun hat sie aber bald ausgedient: Ab 28. März sollen die Züge über die neue Brücke rollen – sogar zehn Kilometer pro Stunde schneller als über das alte Viadukt.
Nordwestliche Randstraße drei Wochen gesperrt
Zeitraum
Die Nordwestliche Randstraße (K1002) in Ehningen wird laut Landratsamt zwischen Montag, 26. Februar, bis Sonntag, 17. März, im Bereich des Würmtalviadukts gesperrt. Umleitungsstrecken sind demnach ausgeschildert, für Lkw gibt es eine separate Umleitung.
Grund für Sperrung
Innerhalb dieses Zeitraums soll das neue Würmtalviadukt an seine endgültige Position geschoben werden. Außerdem stehen Hinterfüllungsarbeiten an. Dabei wird der Hohlraum zwischen Brücke und Erdreich aufgefüllt.