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    [titel] => Wo Talente eine wertvolle Währung sind: Zeittauscher feiern 10. Geburtstag
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Was tun, wenn man zwei linke Hände und keinen Helfer hat, aber im Häusle nach dem Malern ein paar Lampen wieder aufzuhängen sind? Man aber umgekehrt für jemanden was nähen, stricken oder häkeln könnte? Solche Anbieter und Talente zusammenzuführen, war Anlass, den Tauschring im Kreis Böblingen zu gründen.

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KREIS BÖBLINGEN. Jetzt wird die Initiative zehn und will diesen runden Geburtstag auch gebührend feiern (siehe Hintergrund).

Spitzholz in Sindelfingen. Zwischen dräuenden Regenwolken und Sonnengeblitzel sind zwei Menschen im Garten eines Einfamilienhauses an der Täte. Christa Gieser braucht das, was man im Schwäbischen einen "Geherda" nennt. Eine hilfreiche Hand. Die schwere Erde eines Komposthaufens ist umzuschichten. Denn einmal schräg gegenüber der Kompostlege hat Christa Grieser ein Hochbeet, in dem sie Salat und Rettiche anpflanzen will.

Große Eimer übers Grundstück zu schleifen, das wäre der 75-Jährigen zu beschwerlich. "Da däd i mir 's Kreuz ausrenka", schmunzelt die Seniorin, die seit sechs Jahren Mitglied im Tauschring Sindelfingen und dort die Kassiererin ist. Gut also, dass ihr Roland Stober zur Hand geht. Der 78-jährige Sindelfinger, Vizevorsitzender des Vereins, ist ein zähes Naturell, das anpacken kann. Ob am Spaten oder an den Henkeln der mit Erde beladenen Eimer. Die Arbeit in Griesers Garten geht flott vorwärts.

Christa Grieser nutzt die Muskelkraft Stobers, der ihr auch jederzeit bei Computer-Problemen helfen oder eine Mitfahrgelegenheit bieten könnte. Die Tauschgeschäfte über eine Plattform auf der Homepage des Vereins sind schier unerschöpflich. Tauschen geht sowohl direkt als auch "über Eck". "Als ich mal Geburtstag feierte, hat mir jemand abgespült und die Deko gemacht", lacht die Mittsiebzigerin. Sie selbst bietet im Gegenzug an, Kuchen zu backen, etwa "Schwarzwälder Kirsch", ihre Spezialität. Für fotografierte Kunstwerke hat Christa Grieser auch schon erklärende Texte geschrieben. Und frisch geschorene Schafwolle bekommen; Vorstandsmitglied Claudia Stretz, Hobbyfotografin und Marketingfrau im Verein, brachte die von Krügerland in Magstadt mit.

Ortswechsel. Schwabstraße Böblingen. Auch hier wechseln "Talente", die Währung des Tauschrings, ihren Besitzer. Gisela Heckner-Haaf hat eine Jeans unter ihre Nähmaschine genommen, die bei Gartenarbeiten am Knie ruiniert worden ist. Einen blauen Bindfaden und einige Stiche später ist das Utensil geflickt zur Weiterverwendung. Gisela Heckner-Haaf hat es nie bereut, vor vier Jahren in den Böblinger Zeittausch eingetreten zu sein. Das findet sie was Sinnvolles "für jemanden mit einem Helfersyndrom", wird die Böblingerin selbstironisch. Wenn ihr jemand handwerklich zur Hand geht oder einen Sat-TV installiert, hat sie Gebackenes zu tauschen: Linzer Torte, Apfel-, Streusel-, Mandelkuchen. Oder selbstgemachte Marmelade vom Zwetschgen-Gsälz mit braunem Zucker und Rum bis hin zum "Caipi"-Gelee. "Ich hab mich im Netz über Tauschringe informiert. So kam ich zu den Böblingern", strahlt Gisela Heckner-Haaf. Das Selbst-Verbuchen über die Mitgliedsnummer und eine Geben-und-Nehmen-Datenbank funktioniere via Homepage sicher und "total simpel".

Beim Zeittausch fühlt sie sich wohl - und auch beim Stammtisch alle vier Wochen im Mehrgenerationenhaus am See. Daraus seien regelrechte Freundschaften entstanden, sagt sie: "Dann trifft man sich auch mal daheim zum Kaffee oder geht zusammen ins Thermalbad." Der Zeittausch - er ist auch ein Moment des Füreinander-Zeit-Habens, sozialer Klebstoff. Geselligkeit statt Einsamkeit. Man macht als Ortsverband viel gemeinsam - Ausflüge, Radtouren oder ähnliches. Und einmal im Jahr gibt es den großen Stammtisch der Ortsgruppe Sindelfingen (rund 70 Mitglieder), Böblingen (rund 60) und Bondorf (rund 30 Personen).

Einen Wunsch freilich hätte die Böblingerin gerne zum Zehnjährigen frei: "mehr Männer". Der Frauenüberschuss sei beträchtlich bis bedenklich, schmunzelt die Dame, was handwerkliche Talente unnötig reduziere. Und auch die Jugend sei zu selten vertreten. In Sindelfingen ist der Altersdurchschnitt der Mitglieder bei 60plus.

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Von Siegfried Dannecker

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07.05.2019 16:18
    Kreis Böblingen

Wo Talente eine wertvolle Währung sind: Zeittauscher feiern 10. Geburtstag

Modell des Gebens und Nehmens: Die Börse "Zeittausch im Kreis Böblingen" feiert ihr Zehnjähriges

ZoomMit der Hand am Arm: Zeittausch-Vizevorsitzender Roland Stober hilft der Sindelfingerin Christa Grieser bei schweren Gartenarbeiten. Der Inhalt eines Komposthaufens muss umgelagert werden, damit der Salat in einem Hochbeet nebenan gedeiht Fotos: Dannecker

Was tun, wenn man zwei linke Hände und keinen Helfer hat, aber im Häusle nach dem Malern ein paar Lampen wieder aufzuhängen sind? Man aber umgekehrt für jemanden was nähen, stricken oder häkeln könnte? Solche Anbieter und Talente zusammenzuführen, war Anlass, den Tauschring im Kreis Böblingen zu gründen.

KREIS BÖBLINGEN. Jetzt wird die Initiative zehn und will diesen runden Geburtstag auch gebührend feiern (siehe Hintergrund).

Spitzholz in Sindelfingen. Zwischen dräuenden Regenwolken und Sonnengeblitzel sind zwei Menschen im Garten eines Einfamilienhauses an der Täte. Christa Gieser braucht das, was man im Schwäbischen einen "Geherda" nennt. Eine hilfreiche Hand. Die schwere Erde eines Komposthaufens ist umzuschichten. Denn einmal schräg gegenüber der Kompostlege hat Christa Grieser ein Hochbeet, in dem sie Salat und Rettiche anpflanzen will.

Große Eimer übers Grundstück zu schleifen, das wäre der 75-Jährigen zu beschwerlich. "Da däd i mir 's Kreuz ausrenka", schmunzelt die Seniorin, die seit sechs Jahren Mitglied im Tauschring Sindelfingen und dort die Kassiererin ist. Gut also, dass ihr Roland Stober zur Hand geht. Der 78-jährige Sindelfinger, Vizevorsitzender des Vereins, ist ein zähes Naturell, das anpacken kann. Ob am Spaten oder an den Henkeln der mit Erde beladenen Eimer. Die Arbeit in Griesers Garten geht flott vorwärts.

Christa Grieser nutzt die Muskelkraft Stobers, der ihr auch jederzeit bei Computer-Problemen helfen oder eine Mitfahrgelegenheit bieten könnte. Die Tauschgeschäfte über eine Plattform auf der Homepage des Vereins sind schier unerschöpflich. Tauschen geht sowohl direkt als auch "über Eck". "Als ich mal Geburtstag feierte, hat mir jemand abgespült und die Deko gemacht", lacht die Mittsiebzigerin. Sie selbst bietet im Gegenzug an, Kuchen zu backen, etwa "Schwarzwälder Kirsch", ihre Spezialität. Für fotografierte Kunstwerke hat Christa Grieser auch schon erklärende Texte geschrieben. Und frisch geschorene Schafwolle bekommen; Vorstandsmitglied Claudia Stretz, Hobbyfotografin und Marketingfrau im Verein, brachte die von Krügerland in Magstadt mit.

Ortswechsel. Schwabstraße Böblingen. Auch hier wechseln "Talente", die Währung des Tauschrings, ihren Besitzer. Gisela Heckner-Haaf hat eine Jeans unter ihre Nähmaschine genommen, die bei Gartenarbeiten am Knie ruiniert worden ist. Einen blauen Bindfaden und einige Stiche später ist das Utensil geflickt zur Weiterverwendung. Gisela Heckner-Haaf hat es nie bereut, vor vier Jahren in den Böblinger Zeittausch eingetreten zu sein. Das findet sie was Sinnvolles "für jemanden mit einem Helfersyndrom", wird die Böblingerin selbstironisch. Wenn ihr jemand handwerklich zur Hand geht oder einen Sat-TV installiert, hat sie Gebackenes zu tauschen: Linzer Torte, Apfel-, Streusel-, Mandelkuchen. Oder selbstgemachte Marmelade vom Zwetschgen-Gsälz mit braunem Zucker und Rum bis hin zum "Caipi"-Gelee. "Ich hab mich im Netz über Tauschringe informiert. So kam ich zu den Böblingern", strahlt Gisela Heckner-Haaf. Das Selbst-Verbuchen über die Mitgliedsnummer und eine Geben-und-Nehmen-Datenbank funktioniere via Homepage sicher und "total simpel".

Beim Zeittausch fühlt sie sich wohl - und auch beim Stammtisch alle vier Wochen im Mehrgenerationenhaus am See. Daraus seien regelrechte Freundschaften entstanden, sagt sie: "Dann trifft man sich auch mal daheim zum Kaffee oder geht zusammen ins Thermalbad." Der Zeittausch - er ist auch ein Moment des Füreinander-Zeit-Habens, sozialer Klebstoff. Geselligkeit statt Einsamkeit. Man macht als Ortsverband viel gemeinsam - Ausflüge, Radtouren oder ähnliches. Und einmal im Jahr gibt es den großen Stammtisch der Ortsgruppe Sindelfingen (rund 70 Mitglieder), Böblingen (rund 60) und Bondorf (rund 30 Personen).

Einen Wunsch freilich hätte die Böblingerin gerne zum Zehnjährigen frei: "mehr Männer". Der Frauenüberschuss sei beträchtlich bis bedenklich, schmunzelt die Dame, was handwerkliche Talente unnötig reduziere. Und auch die Jugend sei zu selten vertreten. In Sindelfingen ist der Altersdurchschnitt der Mitglieder bei 60plus.




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