Mit Jakob Bräckle durch die Felder

Lesung mit Autor Arno Stadler setzt starken Schlusspunkt unter aktuelle Ausstellung in der Städtischen Galerie Böblingen

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    Ein großer Bewunderer von Jakob Bräckles Arbeit: der Autor Arno Stadler Foto: Abelein

Arno Stadler hat einen starken Bezug zu Jakob Bräckle, den er in einem Buch über den Künstler thematisiert. Am Sonntag war der Autor und Büchnerpreisträger bei der Finissage der Jakob-Bräckle-Ausstellung in der Städtischen Galerie in der Böblinger Zehntscheuer zu hören.

Artikel vom 09. Juli 2019

Von Anne Abelein

BÖBLINGEN. Arno Stadler ist in dem 472-Seelen-Örtchen Rast bei Meßkirch im Kreis Sigmaringen zu Hause, Jacob Bräckle (1897 bis 1987) lebte in Winterreute bei Biberach und verewigte dort das oberschwäbische Landleben in seinen Bildern. In ihnen hat Stadler sein eigenes Erleben wiederentdeckt und es in seinem Buch "Auf dem Weg nach Winterreute. Ein Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle" festgehalten.

Die oberschwäbische Landschaft Jacob Bräckles erfährt man am intensivsten wandernd: So ist der Kulturamtsleiter Peter Conzelmann im Jahr 2018 mit dem Kulturpreis-Träger Michael Kleeberg an den Bodensee gezogen und geriet dabei auch in die Richtung Meßkirch. "Da wohnt doch Arno Stadler", fiel es Conzelmann auf einmal ein. Er rief ihn an, und tatsächlich empfing ihn der Schriftsteller.

"Das war ein Willkommen fast schon altbiblischer Art", erinnert sich der Kulturamtsleiter. In Stadlers "Wunderkammer" im Dachgeschoss eines Bauernhofs aus den 1770ern entdeckt er auch Mobiliar des Malers Jakob Bräckles - dem großen Porträtisten des kargen Landlebens Oberschwabens. So erzählt es Peter Conzelmann dem reichlich herbeigeströmten Publikum zur Einstimmung auf Stadlers Lesung an diesem Sonntagnachmittag.

Auch Arno Stadler, mit dem die Städtische Galerie schon bei der Vorbereitung der Kooperationsausstellung mit Biberach in Kontakt kam, näherte sich Jakob Bräckle wandernd. In 70 Kilometern von seinem Wohnort Rast bis Winterreute. Erst vor rund 20 Jahren ist er auf Bräckle gestoßen, der ihn 2012 den kleinen Band "Auf dem Weg nach Winterreute. Ein Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle" verfassen ließ. Stadlers Begründung, warum er erst so spät mit dem Maler in Berührung kam, gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die oberschwäbische Geschichte: "1806 wurde Oberschwaben gevierteilt, und es gab fast 200 Jahre keine Verbindung mehr", sagt der bedächtig sprechende Dichter.

Die Landstriche wurden Württemberg, Baden, Bayern und Österreich zugeschlagen und zentral von den Hauptstädten aus verwaltet; man las natürlich auch unterschiedliche Zeitungen. Bräckle saß in Württemberg, Stadler in Baden, und im "Südkurier" war von dem großen Maler keine Rede.

Als Stadler aber dann Bräckles Bilder sah, hinterließen sie sofort einen nachhaltigen Eindruck: "Woran erkenne ich ein Kunstwerk? Daran, dass es unvergesslich ist", lässt er in seinem Buch einen Professor sagen. "Bräckle ist kein Provinzmaler, sondern ein Weltmaler und kann an jeder Museumswand bestehen", betont Stadler.

Von Heimatkünstlern grenzt er Bräckle wie auch sich selbst ab: Für Stadler kann "die Heimat nur in der Beschreibung der Heimatlosigkeit enthalten sein", obschon er sich in seiner Trilogie, beginnend mit "Ich war einmal", für die er 1999 den Büchner-Preis erhielt, auch auf seine Heimat bezog. Auf seinem Weg nach Winterreute erinnert sich Stadler einprägsam an seine Kindheit mit Badeerlebnissen in Weihern und Schlittenfahren zurück. Und natürlich ist er selbst auf holpernden Pferdefuhrwerken mitgefahren - eben so wie sie Bräckle zeigt.

Maler und Autor verbindet so manche Gemeinsamkeit

"Nur keine Verklärung!", fordert er andererseits, denn er weiß sehr wohl um die vielen dunklen Flecken der Geschichte Oberschwabens. So wurden die einstmals blühenden katholischen Klöster - Stadler ist wie Bräckle Katholik - in Anstalten und in der NS-Zeit dann in Zwischenlager für Grafeneck umgewandelt. Literaturgeschichtliches mischt sich natürlich auch in Stadlers Erinnerungen und gehaltvolle kulturgeschichtliche Betrachtungen, so war Bad Saulgau Tagungsort der "Gruppe 47".

Wie Bräckle hat Stadler die Veränderung der Landschaft mit bis zur "Unkenntlichkeit" flurbereinigten Feldern erfahren. Der Menschenschlag habe sich aber schon früher gewandelt, findet Stadler und kommt sogar zu folgendem Schluss: "Die Menschen hier haben sich seit dem Bauernkrieg nie wieder gewehrt."

Stadler und Conzelmann wanderten - nur einer wanderte nicht: Jakob Bräckle selbst, denn der Bauernsohn hatte in jungen Jahren eine Beinbehinderung erlitten und verlegte sich dann auf die Ölmalerei. Auf Heuballen sitzend, hielt er in einfacher Formensprache fest, was er sah: das langsame Entschwinden der traditionellen Landwirtschaft. Stadler faszinieren dabei vor allem "die Klarheit, Einfachheit, Gelassenheit und Stille" seiner Kunst, wie auch das Gefühl des Verlorenseins im Novembernebel oder des großen "Einsseins" in den Schneebildern.

Bis auf die Akademiejahre in Stuttgart verbrachte Bräckle sein ganzes Leben in seiner Heimat, nahm aber Einflüsse von van Gogh, Millet, dem magischen Realismus der 20er und Malewitsch auf. Zusehens schwanden die Bauern in seinen Bildern, stattdessen tauchten Zeichen der fortschreitenden Industrialisierung wie etwa Telegrafenmasten auf. Während der Ausstellung wie auch der Lesung sind viele Besucher beeindruckt wieder in die Vergangenheit eingetaucht.

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