Die neue Einkaufs-Kultur

Böblinger Kunstverein zeigt Werke von Berit Erlbacher und Helgard Zurmühls in den Mercaden

Artikel vom 09. Juli 2019

Von Anne Abelein

BÖBLINGEN. "Was fehlt noch in den Mercaden?", fragten sich Centermanager Edip Özerol und die Kunstvereinsvorsitzende Berit Erlbacher. "Kunst und Kultur", war ihre Ansicht. Das wollen sie ändern und haben jetzt im ehemaligen Schlafgut einen temporären Kunstraum ins Leben gerufen. Dort eröffneten Erlbacher und die Künstlerin Helgard Zurmühl am Donnerstag die Ausstellung "in motion" - gemeinsam mit internationalen Musikern der jam.DE.zentrale.

Hier Helgard Zurmühls Akte in freier Bewegung, dort Erlbachers energetische Fotografien von zeitgenössischen Tänzern. Und davor sind vorbeischlendernde Mercaden-Besucher neugierig stehen geblieben. Entgegen dem Anschein ist ein Zufall, dass die Bilder der beiden Künstlerinnen so gut zueinander passen. Erlbacher hat Zurmühl vor der Vernissage nur einmal getroffen, denn es musste schnell gehen: Erst vor vier Wochen hatten sie die Zusage erhalten, dass sie in den Mercaden ausstellen dürfen.

Die freie Mediendesignerin Berit Erlbacher sitzt sowohl im Vorstand des Gewerbe-Forums Böblingen als auch des Stadtmarketings. Bei diversen Events war sie Mercaden-Leiter Edip Özerol über den Weg gelaufen, und gemeinsam überlegten sie, was man denn in den Mercaden machen könnte. Warum nicht einen Kunstraum eröffnen - zumindest bis zur nächsten Vermietung? Gesagt, getan, und nun beleben Erlbachers Bilder tänzerisch die Wände.

Lust auf Tanz entfachten an diesem Tag auch die Mitglieder der 19-Nationen-Band der jam.DE.zentrale. Mit Percussion, Bassgitarre, einem modularen Analog-Synthesizer, Bläsern wie einem Saxophon und Sprechgesangsfetzen beschworen sie eine spannungsvoll-bebende Atmosphäre zwischen Jazz und Psychedelic Rock herauf. Neben mehreren Deutschen waren Musiker aus Simbabwe und Tschechien mit dabei.

Berit Erlbachers verwischte Bilder sind pure Bewegung und Emotion. Wie gelingen ihr diese Momentaufnahmen? Sie folgt den Körpern der Tänzer mit offener Blende und Langzeitbelichtung und fängt die Sequenzen in verschiedenen Stadien ein. Die Tänzer werfen sich zu Boden, rennen ausdrucksgeladen durch den Raum oder lassen den Oberkörper herabschnellen. Manchmal scheinen sie sich in der Bewegung geradezu aufzulösen und sind nur noch als malerische Schemen erkennbar, in anderen Fällen erkennt man prägnante Körperteile. Erlbacher hat sie im Stuttgarter Produktionszentrum für Tanz und Performance, in einer Galerie und auch im "Ost", der vorübergehenden Behausung der freien Szene Stuttgart, aufgenommen. Da die gebürtige Wienerin selbst Ballett ausgeübt hat und sich später dem lateinamerikanischen Tanz verschrieb, kann sie sich gut in die Akteure versetzen: "Ich weiß, was ich mit der Kamera tun muss, weil ich erahne, was stattfinden wird. Tanz war schon immer meines", meint Erlbacher. Die hohe Kunst ist es dabei, den Zoom und die Isos anzupassen, denn die Beleuchtung ist im Tanz häufig problematisch. Den Kontakt zur Tanzszene vermittelt hat ihr vor fünf Jahren die Choreografin und Tänzerin Petra Stransky. Diese gab auf einem Netzwerktreffen für berufstätige und selbstständige Frauen im Landratsamt einen Workshop zum Thema "Präsenz" und ist auch auf den Bildern zu entdecken.

Indische und europäische Einflüsse

Auch Helgard Zurmühls Bilder leben von locker umrissenen Silhouetten, die sich unbekümmert und frei über die Fläche bewegen. Ein weiteres Charakteristikum sind die vielschichtigen Untergründe, in die sie Zeitungsausschnitte, Stoffe, Sand, Kokosfasern, Bitumen und vieles mehr einarbeitet. Den Rat ihres Lehrers Fritz Baumgärtner - "Gute Stellen muss man übermalen, damit es noch besser wird" - hat sie sichtlich verinnerlicht. Ideen für die Posen und Bewegungen des Bildpersonals liefern ihr Aktmodelle. "Es ist eine Symbiose von indischen und europäischen Einflüssen", beschreibt Zurmühl ihre Kunst, denn sie lebt große Teile des Jahres in der indischen Zukunftsstadt Auroville, wenn sie sich nicht gerade in Tübingen aufhält. "In Indien ist man viel mehr im Jetzt", ist ihre Erfahrung, und das spiegelt sich in der Bewegung der Figuren wider.

Auch farblich schwingen indische Einflüsse mit - so im Ozeantürkis der Serie "Freiraum", der eingearbeiteten Erde in "Indian Red Earth" oder in ornamentalen Stoffmustern, die sich in weiteren Bildern abzeichnen. Mit ihren Arbeiten möchte die Diplom-Psychologin und ehemalige Realschullehrerin und PH-Dozentin den Besuchern neue Zugänge zur "eigenen Seele und dem inneren Friede" eröffnen. In der Tat entspannt die Betrachtung der schreitenden und hockenden oder gar frei im Raum schwebenden oder schwimmenden Gestalten und wirkt für die Mercaden-Kunden bestimmt als Ruhepunkt.

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