"Betriebsbedingte Kündigungen bis 2030 ausgeschlossen"

20 000 Beschäftigte am Mercedes-Benz-Standort Sindelfingen bei Betriebsversammlung mit Ola Källenius

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    20 000 Beschäftigte kamen zur Betriebsversammlung beim Daimler. Am Rednerpult der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali Foto: red

Abnehmen und schlanker werden, um zukunftsfähig zu bleiben: Mit dieser Botschaft schickte Ola Källenius die Beschäftigten am Mercedes-Benz-Standort Sindelfingen in die Weihnachtsferien. Bei einer Betriebsversammlung diskutierte der Daimler-Boss mit dem Betriebsratsvorsitzenden Ergun Lümali.

Artikel vom 12. Dezember 2019 - 16:00

SINDELFINGEN (red). Als Grund für die angekündigten Sparmaßnahmen nannte Ola Källenius "Kostenbelastungen zur Erreichung der CO2-Ziele. Diese werden unsere Ergebnisse in den Jahren 2020 und 2021 belasten." Den auferlegten Diätplan des Unternehmens präsentierte er gleich mit: Ausgaben kürzen, Materialkosten senken, Investitionen kappen, die Modellpalette straffen. Vor allem die Ankündigung, dass Daimler weltweit die Personalkosten in den indirekten Bereichen um mehr als 1,4 Milliarden Euro bis Ende 2022 reduzieren müsse, lockte 20 000 Arbeitnehmer, insbesondere auch aus dem Angestelltenbereich, zur Betriebsversammlung.

"Die Belegschaft hat absolut kein Verständnis dafür, dass die Transformation auf ihrem Rücken ausgetragen werden soll", fasste der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali den Unmut und die Sorge der Kollegen in Worte. "Der Unternehmensleitung muss bewusst sein, dass die Transformation nur gemeinsam mit den Beschäftigten gelingen kann. Daimler ist mehr als nur Blech, Kunststoff und Daten. Menschen haben dieses Unternehmen erfolgreich gemacht. Deshalb muss die Zukunft des Unternehmens die Zukunft der Beschäftigten sein", forderte er. "Bei allen Verschlankungs- und Abbauplänen, die das Unternehmen kommuniziert, ist und bleibt aber die wohl wichtigste Botschaft für unsere Belegschaft: Die Zukunftssicherung 2030 und die Transformationszusage und alle tariflichen Leistungen bleiben unangetastet. Kurzum: betriebsbedingte Kündigungen bleiben bis 2030 ausgeschlossen!"

Der Gesamtbetriebsrat (GBR) steht in Verhandlungen, um die von der Unternehmensleitung geplante Personalkostenreduzierung fair und geordnet zu gestalten. "Seitens des Unternehmens gab es einige gruselige Vorstellungen, wie Kosten eingespart werden sollen. Der Begriff Horrorliste machte bei uns schon die Runde", sagte Ergun Lümali. Dazu gehörten beispielsweise Vorschläge wie die Nicht-Weitergabe von Tariferhöhungen der Tarifrunde 2020 oder eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. "Dies haben wir vehement abgewehrt. Reines Kostenschrubben und Leistungsverdichtung zu Lasten der Beschäftigten akzeptieren wir nicht! Was wir brauchen ist eine nachvollziehbare Vorwärtsstrategie für das Unternehmen, so wie wir sie am Standort Sindelfingen mit unseren Betriebsvereinbarungen zu den Zukunftsbildern haben. Da, wo die S-Klasse bereits 500 000-fach vom Band gelaufen ist, muss sie auch eine Zukunft haben", so Lümali.

"Unsere Grundsätze in den Verhandlungen sind ganz klar. Erstens: Den Beschäftigten darf nicht in die Tasche gegriffen werden! Zweitens: Wir führen keine reine Debatte über Köpfe! Drittens: Der Abbau von Kapazitäten darf nicht zu einer Leistungsverdichtung führen! Der Fokus der Personalkostenreduzierung muss auf der Verbesserung von Prozessen und Abläufen liegen. Erst dann sind strukturelle Veränderungen auch nachhaltig", unterstreicht er.

Über folgende Eckpunkte haben Vorstand und Gesamtbetriebsrat nach Angaben der Arbeitnehmervertretung Einigung erzielt:

Monetäre Attraktivierung von Altersteilzeit für bestimmte Jahrgänge

Incentivierung einer befristeten individuellen Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit

Umsetzung eines Sozialplans "MOVE", der Beschäftigten die Möglichkeit von freiwilligen Ausscheidungsvereinbarungen und Frühpensionierungen einräumt

Wahlmöglichkeit des Tariflichen Zusatzgeld (T-TUG): Auch wenn sie keiner der drei Anspruchsgruppen des Tarifvertrags angehören, können Beschäftigte das tarifliche Zusatzgeld in sechs Freistellungstage um wandeln. Voraussetzung ist, dass für die Freistellung kein Kapazitätsersatz stattfinden muss. Bisher komme der T-ZUG bei den Anspruchsberechtigten sehr gut an, so der Betriebsrat: Rund 7000 Beschäftigte haben in Sindelfingen sowohl 2018 als auch 2019 Anträge gestellt.

Insourcing statt Fremdvergaben

Alle Maßnahmen beruhen auf dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Nur wenn der Beschäftigte und die Führungskraft zustimmen, wird die Maßnahme wirksam.

Die Unternehmensseite hat zusätzlich folgende Entscheidungen im Hinblick auf den indirekten Bereich getroffen:

Reduzierung der Zahl von Arbeitnehmerüberlassungen

Verlängerung von befristeten Arbeitsverträgen nur in Ausnahmefällen

restriktive Wiederbesetzung von freiwerdenden Stellen, die durch natürliche Fluktuation vakant werden

Während der Vorstandsvorsitzende anstrebt, verstärkt Arbeit an Zulieferer zu vergeben, fordert der Gesamtbetriebsrat genau das Gegenteil. "Bevor Jobs bei Daimler verloren gehen, müssen unsere Leute anders beschäftigt werden und neue Aufgaben erhalten. Unser Weg muss sein, an erster Stelle Prozesse und Fremdvergaben auf den Prüfstand zu stellen. Wir fordern das Insourcing von teuren Fremdvergaben und ausgelagerten Tätigkeiten", so Lümali

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