Böblinger Kunstverein: Das Märchenhafte findet sich überall

Mitglieder des Kunstvereins Böblingen bespielen die Schleuse 16 und das Kabinett im Alten Amtsgericht

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    Heimspiel für die Kreativabteilung: Böblinger Kunstverein vor dem Alten Amtsgericht Fotos: red

Artikel vom 17. September 2019 - 18:12

Von Anne Abelein

BÖBLINGEN. Viel Raum für Phantasie bietet der Böblinger Kunstverein in der aktuellen Mitgliederausstellung "Märchenherbst". 28 Positionen sind im Alten Amtsgericht auf dem Schlossberg versammelt, die sich auf ihre ganz eigene Art und Weise nicht nur mit Grimms Märchen, sondern auch mit internationalen Sagen sowie Träumen und dem Phantastischen auseinandersetzen.

Wer derzeit in die Ausstellungsräume im Alten Amtsgericht tritt, dem tut sich eine wundersame Welt auf: In der Schleuse 16 im Untergeschoss des Künstlerhauses findet sich das Märchenhafte fast überall. Die Fotokünstlerin Birgit Unterweger hat es zum Beispiel in einem rückenfüllenden Tattoo entdeckt, das eine Frau mit Hirschgeweih und ein auf dem Kopf balancierendes Haus bevölkern. Phantastische Wesen sind auch in Ilona Trimbachers nostalgischer und detailverliebter Tusche-Aquarell-Arbeit "Garten" zu erspähen. Sie hat Pflanzennamen wie "Papageienschnabel" und "Tigerlilie" einfach mal wörtlich genommen und entsprechende Kreaturen imaginiert. Wie Kinderbuchillustrationen muten die multimedialen Filzobjekte des Trios Berit Erlbacher sowie Bärbel und Klaus Behringer an. QR-Quodes für das Smartphone führen dabei zu den entsprechenden phantastischen Erzählungen.

Mischwesen wie Blaubeermenschen und Frauen mit Hörnern tollen hier allerorten durch die Gegend: Alfred Hübschs Marmorskulptur mit dem Titel "Imitation der Schöpfung" zeigt einen Drachenflügel als Kreuzung zwischen Vogel und Fisch. Apropros Schöpfung: Erheblich pessimistischer als in den verspielten anderen Werken betrachtet Werner Rosch die paradiesische Natur oder vielmehr das, was von ihr übriggeblieben ist. In seinem Pop-Art-Acryl "Adams Vision" hockt der biblische Adam unter dem Baum der Erkenntnis und verbirgt angesichts von abgefallenen Blättern, Stacheldrahtstücken und Totenschädeln, die auf Umweltzerstörung und Krieg verweisen, den Kopf verzweifelt in den Armen.

Zwischen Ur-Ängsten und Träumen

Eine weitere Gruppe von Arbeiten widmet sich Träumen, dem Unbewussten und auch geheimen Ängsten. Christel Schneiders Frauenprofil in "Traum, wo ich bin" scheint sich in schlierenförmigen Regenbogenfarben malerisch zu verflüssigen. Augen, Ohren, Flügel und ein Vogelschnabel sind hier organisch eingewoben. Auf die tiefenpsychologischen Implikationen des Märchens, Urängste und den disziplinierenden Ge- beziehungsweise Missbrauch des Märchens von Seiten schwarzer Pädagogen macht Brigitte Staub in ihrem Objekt "Gute . . . Nacht" gekonnt aufmerksam. Da thront ein Miniaturbett über einem beunruhigenden, quietschbunten Sammelsurium von Märchennippes, darunter ein Hexenbildchen, ein Besen und ein Zwerg

Zu psychologischen Überlegungen lädt auch Agnes Schmidt-Schönes vieldeutige, suggestive Kreidezeichnung mit Transferdruck "Wie einst der Wald" ein. Dort erblickt man einen Wolf in einem Fangring, ein Blumen pflückendes Kind mit Messerhänden, eine winzige abwesende Muttergestalt und den "Zwergvater", der sie sucht. Das sind aber lediglich die Interpretationen der Künstlerin, die den Betrachter nicht einengen will. "Ich finde es ganz gut, wenn das Bild noch Raum für eigenes Erleben lässt", meint sie.

Sehr witzig und skurril präsentieren sich Linda Krimmels und Claudia Fischer-Walters Arbeiten. Fischer-Walters kurioses Wandobjekt springt beim Betreten des Kabinetts sofort ins Auge: Es handelt sich um einen Schirm, der ganz aus verketteten Plastikbindern in Rot, Weiß und Schwarz gefertigt ist. "Das Rumpelstilzchen seiner Frau ihr bester Schirm", lautet der surrealistische Titel, der zu ausgefallenen Assoziationen einlädt. Krimmel hat zwei libellenhafte Insekten namens "Max und Moritz" aus IT-Teilen zur Schau beigesteuert. "So ganz ernst geht es nicht zu", kommentiert Berit Erlbacher in ihrer Einführungsrede die unbekümmert-fröhliche Ausweitung des Märchenthemas.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Stephanie Brachtl. Ihr geht es um das, was alle Märchen gemeinsam teilen. Das Wandobjekt "Die Essenz" besteht aus einer Schublade, einer Spritze und Pfefferkörnchen in einem Tiegel. Im Zentrum ihres Interesses steht der verdichtete Gehalt, das Sammeln und die Weitergabe des Märchens, das immer auch ein "Kulturgut" transportiert. "Meine Verwandten kommen von überall her", sagt sie, deshalb auch der weitere Blick auf das Märchen. "Die Schublade ist offen", betont sie. Fazit der Ausstellung: Das Märchenhafte findet sich überall, man muss nur die Augen offen halten.

 

  Die Arbeiten können bis einschließlich 6. Oktober jeweils mittwochs von 9.30 bis 12 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung besichtigt werden.
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