Woher kommt der zusätzliche Strom für E-Autos?

Leserbrief vom 28. November 2019 - 18:06

Zum Leserbrief von Klement Giesel "Mit Halbwahrheiten und Doppelmoral gegen E-Autos" vom 27. November

Zum Thema E-Mobilität scheint mir ein Argument unbeachtet zu bleiben, das ich gern erklären möchte: Der Vergleich von E-Autos und Verbrennern hinsichtlich des durch sie verursachten CO2-Ausstoßes wird meist auf der Basis des "Strommixes" angestellt, also dem durchschnittlich von in Deutschland erzeugtem Strom produzierten CO2. Da fließen Stand heute die knapp 40 Prozent aus Kohle ebenso ein wie die gut 40 Prozent aus Erneuerbaren.

Nun sollte es Ziel einer Politik zur Bekämpfung des Klimawandels sein - der in erster Linie durch CO2-Ausstoß verursacht ist - diesen CO2-Ausstoß schnellstmöglich zu reduzieren. Und das wiederum müsste im Bereich der Stromerzeugung heißen, Kohlekraftwerke - die mehr als doppelt so viel CO2 ausstoßen wie moderne Gaskraftwerke und das hundertfache wie Windstrom - schnellstmöglich abzuschalten. Das ist nach meinem Verständnis auch der Plan, da aber der Strombedarf bei weitem noch nicht erneuerbar abgedeckt werden kann, wird es Kohlekraftwerke laut "Kohlekompromiss" wohl noch bis mindestens 2038 geben; eine Studie in der aktuellen ADAC Motorwelt prophezeit für 2050 sogar noch 20 Prozent Kohlestrom.

Nun verbrauchen aber E-Autos zusätzlichen Strom; eine Million E-Autos verbrauchen nach meiner Rechnung in etwa soviel Strom, wie ein 300-Megawatt-Kraftwerk produziert. Ohne diese E-Autos könnte man also diese Stromproduktion einsparen und könnte damit ein mittleres Kohlekraftwerk früher abschalten. Diese Überlegung soll verdeutlichen, dass man, solange es noch Kohlekraftwerke in Deutschland gibt, den durch E-Autos verursachten CO2-Ausstoß auf der Basis von Kohlestrom rechnen sollte und eben nicht auf Basis des Strommixes oder gar auf Basis von regenerativ erzeugtem Strom - man muss eine Grenzwert- und keine Durchschnittsbetrachtung anstellen!

Wenn ich den CO2-Vergleich nun auf Basis von Kohlestrom durchführe, komme ich bei einem VW Golf 1.6 TDI (also Diesel) auf 12,9 Kilogramm CO2 je 100 Kilometer, bei einem VW E-Golf auf 19 Kilogramm CO2 je 100 Kilometer. Gasbetriebene Verbrenner sind nach den mir vorliegenden Zahlen nochmal 30 bis 40 Prozent besser. Die Argumentation berücksichtigt weder das Thema Batterieproduktion (nicht nur die Abbaubedingungen, sondern auch den hohen CO2-Ausstoß zur Batterieproduktion) noch das Thema Feinstaub/Stickoxyd-Emission in den Städten und ich verstehe auch, dass die Einführung von Elektromobilität, die natürlich nachhaltig ist, sobald der Strom komplett nachhaltig produziert wird, auch nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Das Thema E-Mobilität ist komplex, aber der CO2-Ausstoß scheint mir hinsichtlich des Klimawandels der überragende Faktor zu sein.

Daher ist meine persönliche Schlussfolgerung, dass, solange es noch Kohlekraftwerke in Deutschland gibt, eine große E-Mobilitätsinitiative eher klimaschädlich ist. Und wenn dies noch mindestens 20 Jahre der Fall ist, scheint mir eine solche Initiative zum heutigen Zeitpunkt mehr als verfrüht. Ich möchte noch erwähnen, dass ich keiner "Lobbygruppe" angehöre, und lediglich versuche, mir Gedanken zu einer möglichst effektiven Klimapolitik zu machen. An Gegenargumenten bin ich sehr interessiert.

Jürgen Uhl, Böblingen