Afrikanische Lebensfreude im Pavillon

Weltmusik voller Rhythmus: IG Die Kultur holt senegalesischen Balafon-Spieler Djiby Diabate und Band nach Sindelfingen

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    "Das groovt wie Hulle!": So beschreibt Ruhrpott-Gewächs Susanne Frische (Piano) die Musik von Balafon-Meister Djiby Diabate (Mitte) Foto: Epple

Artikel vom 26. November 2019 - 17:48

Von Bernd Epple

BÖBLINGEN. Von den fünf im Programmflyer angekündigten Musikern, blieben vier übrig. Dafür kamen sechs neue dazu. Nicht die einzige afrikanische Improvisation am vergangenen Samstagabend, personell dafür eine äußerst effektive. Die IG Kultur hatte das richtige Näschen, diese Truppe zu engagieren. Rund 100 Besucher tanzten am Ende fröhlich zwischen den Stühlen

Um es vorweg zu nehmen: Es war ein Abend der Superlative. Wahnwitzige Rhythmen, große Besetzung und spontane akrobatische Tanzeinlagen. Der Leiterin des Tübinger "Afrikor" Chors Susanne Frische und dem IG Kultur-Vorsitzenden Ingo Liedtke war es zu verdanken, dass diese Ausnahmemusiker den Weg nach Sindelfingen gefunden haben. Frische, am Samstagabend auch Pianistin der Djiby Diabate-Band, hatte bei einem Auftritt des Projektchores Shosholoza mit der SWR Bigband bei der Bundesgartenschau in Heilbronn Shosholoza-Chorsänger Liedtke kennengelernt. Der zögerte nicht, Frische einzuladen, die mit dem Balafon-Meister Djiby Diabate und weiteren Musikern gerade eine CD aufgenommen hatte.

Beide zusammen begrüßten nun das gespannte Publikum und Susanne Frische war anzumerken, dass sie es kaum erwarten konnte, mit dieser Formation den Pavillon zu rocken. "Das groovt wie Hulle!", strahlte sie. Eine Ausdrucksweise die der Ruhrpottler benutzt, wenn ihm differenzierte sprachliche Umschreibungen aufgrund der Eindrucksfülle ausgegangen sind.

Sie hatte nicht zu viel versprochen, denn in der Tat dauerte es nicht lange bis Diabate mit rasender Geschwindigkeit über die Holzplatten seines Doppel-Balafons tanzte; ein westafrikanisches Xylophon, das hierzulande kaum bekannt ist. Sein Klang ist wohl dem eines Marimbafons am nächsten. Diabate hatte zwei Instrumente hintereinander aufgebaut, wobei die Stimmung des einen den weißen-, die Stimmung des anderen den schwarzen Tasten eines Klaviers entsprach. Somit war er an keine Tonart gebunden, wie sonst bei diesem Instrument üblich. Diese Freiheit nutzte er virtuos und konnte auf eine Band zurückgreifen, die rhythmisch seinesgleichen sucht. In wechselnden Besetzungen war die Formation schließlich auf der Bühne; lediglich die Rhythmusgruppe blieb konstant. Dass Djiby Diabates afrikanischen Kollegen den Rhythmus wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen hatten, war mit jedem Beat zu spüren.

Am augen- oder ohrenscheinlichsten war das bei Pape Samory Seck zu erleben. Der in Bonn lebende senegalesische Trommler trat immer wieder in ein Frage/Antwort-Duell mit Diabate, was bei den Besuchern spontane Begeisterungslaute auslöste. Komplexe Rhythmen, in schwindelerregend schnelle messerscharfe Unisono-Passagen mit dem Saxophonisten Oliver Wendt eingebaut, erinnerten an Frank Zappas legendäre "Mothers of Invention"-Besetzung, die mit rhythmischen Schmankerln ebenfalls nicht geizte. Die übrige afrikanische Abteilung der Band mit Mamour Seck (Drums), Benson Itoe (Bass) und Aly Mbaye (Keyboards) würzte die Rhythmik der erwähnten beiden Frontmänner mit abwechslungsreich scharfen Groove-Chilis, sodass es manche afrikanische Gäste nicht mehr auf den Stühlen hielt. Vor der Bühne tanzten sie immer wieder in ausladend akrobatischen Bewegungen, ganz von der Musik getragen.

Im Eifer des Gefechts geht dem Band-Chef ein Schlägel zu Bruch

Die großartige Stimmung wurde nur einmal durch eine Zwangspause unterbrochen. Im Eifer des Gefechts trommelte Diabate einen seiner Schlägel entzwei. Während einer knapp halbstündigen Reparatur wurde das Publikum aufgefordert, doch nochmal einen Drink an der Theke zu bestellen oder die hörenswerte neue CD "Pour Toi" am Verkaufsstand zu erwerben. Tatsächlich schafften es die Ehrenamtlichen der IG Kultur mit Draht und Flüssigkleber, den Schlägel wieder zusammenzuflicken und die Party konnte weitergehen.

Die in Paris lebende afrikanische Sängerin Banta Cissocok war erst vor kurzem zur Band gestoßen und begeisterte mit gewaltiger und raumfüllender Solostimme, flankiert von den Backingvocals Jenni Piloth und Matthias Karlbauer, die wie Wendt (Saxophon und Querflöte) in Tübingen zuhause sind. Stilistisch bewegte sich das Ensemble vorwiegend in süd- und westafrikanischen Gefilden. Dennoch waren auch afro-cubanische und jazzige Einflüsse unüberhörbar.

Letztlich spielte die Stilfrage auch gar keine Rolle, es war einfach Musik und Rhythmus pur! Das sorgte dafür, dass es am Ende bei den Zugaben niemand mehr auf den Stühlen hielt und alle im Glück zu schwelgen schienen.

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