Entschärft diese Straße!

Rückspiegel THEMA: Die B 464 fordert schon seit Jahren viel zu viele Opfer

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    Bei diesem Unfall Ende November ließen drei Menschen ihr Leben / Foto: SDMG/Dettenmeyer

Artikel vom 13. Dezember 2019 - 18:06

Von Siegfried Dannecker

Jedesmal, wenn an unseren PC-Monitoren die neuesten Polizeimeldungen per Mail aufpoppen, wird bei KRZ-Redakteuren Adrenalin ausgeschüttet. Nicht nur gefühlt alle "Nase lang" sehen wir dort einen Unfallort häufiger als jeden anderen: die B 464. Eine Häufung von Unfällen, die statistisch belegt ist. 420 Mal hat es in den letzten fünf Jahren zwischen dem Schaichhof in Weil in Schönbuch und Renningen gekracht. In (zu) vielen Fällen heftig. Die vier Toten binnen elf Tagen zuletzt sind der traurige Höhepunkt dieser unseligen Entwicklung.

Was müssen die Feuerwehrleute, DRK-Sanitäter und Notärzte durchgemacht haben, als sie am Abend des 29. November mit Blaulicht und Martinshorn an die Unfallstelle geeilt sind. Gerade hatten sie an diesem Freitag den Weihnachtsbaum vor ihrer Wache aufgestellt. Hatten gelacht, weil er krumm stand, sich in Vorfreude auf Weihnachten eingestimmt. Da kam der Alarm: Verkehrsunfall, Stufe 2. Eingedeutscht: Beteiligt sind ein Lkw und mehrere Personen.

Was geht in den Feuerwehrleuten aus Sindelfingen, Maichingen und Darmsheim, in den DRK-Rettungskräften und auch in Kreisbrandmeister Guido Plischek in so einem Moment vor? Es ist kalt, nass, dunkel, als sie zu einer völlig unübersichtlichen Horrorsituation gelangen. Und dort funktionieren mit aller Routine und Disziplin. 58 Leute, ein eingespieltes Team. Sie müssen bergen, retten, mindestens drei Menschen reanimieren. Ganze Fahrzeugbesatzungen wechseln sich darin ab. Zeugenaussagen widersprechen sich. Eine Person gilt als vermisst. Ein Zeuge sagt, die Person sei unter Schock aufs Feld gerannt; ein anderer sagt, er habe sie auf der Straße gesehen. Klingt wie ein Hollywood-Schocker. Und ist doch ganz real. Wie gesagt, was mag in den Köpfen der Retter in diesem langen Moment vor sich gehen? Und danach! "Da ist hinterher die halbe Mannschaft traumatisiert", sagt später im Gespräch mit der KRZ Stadtbrandmeister Rainer Just. "Es war die Hölle", meint ein Feuerwehrmann aus Darmsheim. Kein Wunder. Was sie mit ansehen müssen, ist schon in Schilderungen oft schwer zu ertragen. Auch unsereins fallen da wieder Unfallszenarien ein, die denen, die live dabei waren, unvergesslich sind. Die Oma und ihre Enkelin, die auf der alten B 14 von einer Eiche im Fahrzeug erschlagen worden sind, beispielsweise.

Das Foto- und Textarchiv der Kreiszeitung ist voll von zerstörtem B 464-Blech und schlimmsten Schilderungen. Die neue Bundesstraße war noch gar nicht lange eröffnet, da starben in einer Januarnacht 2012 zwischen Sindelfingen-West und Magstadt zwei Frauen durch eine Frontalkollision - die eine 29, die andere 43 Jahre alt. Wie muss es Polizisten gehen, wenn sie die Todesnachricht Angehörigen überbringen sollen? Man wollte nicht an deren Stelle sein. Vielleicht aber auch nicht täglich auf so einer kleinen Autobahn mit ihrem hohen Fahrzeugaufkommen und unzähligen schweren Lkw pendeln müssen. Sie lesen es - das Thema treibt einen um. Unsere Leserschaft auch. Darunter hat sich diese Woche einer zu Wort gemeldet, Ex-CDU-MdB Clemens Binninger, der als ehemaliger Polizist ganz klar sagt: Es gibt Straßen, die Fehlverhalten fördern oder verschärfen. Dann müsse man rasch handeln und Gefahrenpunkte entschärfen.

Das scheint - endlich - auch bei denen angekommen zu sein, die in Sachen Verkehrssicherheit etwas zu sagen haben. Sindelfingens Baubürgermeisterin Corinna Clemens etwa fordert in einem Schreiben ans Regierungspräsidium, "dass diese Unfallereignisse nicht einfach hingenommen werden, sondern zu konkreten Reaktionen führen". Und Landrat Roland Bernhard kündigt an, das Überholverbot mittels durchgezogener Mittellinie abschnittsweise auszudehnen. Eine teilstationäre Geschwindigkeits-Messanlage soll dauerhaft Raser einbremsen. Auch die Polizei beabsichtige, Tempomessungen und Abstandskontrollen auf der B 464 zu verschärfen. Traurig, dass erst so viel passieren musste, bis endlich etwas passiert.