Rückspiegel: Debatte versachlichen

THEMA: Neue Flüchtlingsunterkunft in der Kremser Straße

  • img
    Eine Notlösung auf Zeit: Flüchtlingscontainer in der Kremser Straße in Böblingen. Foto. Eibner/Dinges

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 07. Dezember 2019 - 06:28

Der Blick ins Innere der Holzgerlinger Flüchtlingsunterkunft tut gut. Die Asylbewerber, die dort derzeit untergebracht sind, ziehen im kommenden Jahr in die Kremser Straße nach Böblingen. Sie stehen eigentlich schon länger unter Böblinger Obhut, nur fehlten vor Ort die Räume, deshalb mietete das Böblinger Rathaus sie in Holzgerlingen ein. Der jetzt bevorstehende Umzug in die Nähe des Schulzentrums Stockbrünnele hat allerdings Wellen geschlagen. Bei den Anwohnern der Kremser Straße vor Ort und im Böblinger Gemeinderat. Diese waren weitgehend dem Angst-Reflex geschuldet, den solch eine Ansiedlung bei vielen auslöst. Und nicht den realen Bedingungen. Das zeigt die Innensicht.

Wenn der Hausmeister Modhfaer Saleh, ein Iraker, der selbst nach Deutschland geflüchtet ist, davon erzählt, dass die wöchentliche Kehrwoche eines der größten Herausforderungen in der Einrichtung darstellt, wirkt das beruhigend. Es zeigt, dass die Bewohner sich mit den gleichen Problemen beschäftigen, die auch in einem urschwäbischen Mietshaus gang und gäbe sind. Klar ist aber auch, dass das zwar ein wichtiger, aber eben doch nur ein Ausschnitt aus dem Alltag in der Unterkunft ist. Modhfaer nimmt kein Blatt vor den Mund und berichtet von Streitereien untereinander. Konflikte, die bei dieser Art der Unterbringung so gut wie programmiert sind. Auch von vereinzelten Drogenproblemen ist die Rede. Aber muss man aber deshalb in Panik verfallen? Nein.

Erstens sind dies Einzelfälle und kein Dauerzustand. Zweitens spielen sich die Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern ab – und nicht mit Außenstehenden. Das zeigt die jetzige Situation in der Unterkunft in Holzgerlingen, von der bisher lediglich ein Polizeieinsatz überliefert ist. Und auch der bezog sich auf einen internen Vorfall. Und drittens macht ein Blick auf das Kriminalitätsgeschehen bei Asylbewerbern deutlich, dass sich die meisten Vorfälle zwischen den Geflüchteten ereignen. Sorgen von Anwohnern und Eltern am benachbarten Schulzentrum dürften sich als unbegründet entpuppen.

Auch, wenn man die Bedenken der Anwohner menschlich nachvollziehen kann. Das räumt selbst Hausmeister Modhfaer Saleh – selbst Vater – ein. Sorgen und Ängste, sie sind verständliche Emotionen. Doch der Mensch ist bekanntlich vernunftbegabt. Das bedeutet in diesem Fall, die Fakten sachlich zu sehen. Sodann lichtet sich der Nebel aus Angst und Wut, Nüchternheit kehrt ein. Und die tut in der aufgeheizten Debatte Not. Man darf also gespannt sein, wie die Bürgerinformation der Stadt Böblingen zu der Unterkunft am kommenden Montag verläuft. Nur so viel ist sicher: Für die Moderatoren des Abends wird es sicher keine leichte Aufgabe. Allen Teilnehmern kann man nur den Rat geben, die Emotionen dabei nicht in den Mittelpunkt zu rücken.

Für die Bewohner der Holzgerlinger bedeutet der Umzug nach Böblingen eine Verbesserung: Aus Vier- werden Zweibett-Zimmer. Jeder, der schon mal mit drei Fremden das Zimmer teilen musste, kann sich ausmalen, was dies bedeutet. Die Bewohner des Heims sehen also einer gewissen Entspannung ihrer Situation entgegen. Immerhin. Die Erzählungen des 26-jährigen Mohammad aus Afghanistan lassen darauf schließen, wie schwierig auch für ihn die Integration ist. Für seine Arbeit in der Wäscherei des Böblinger Krankenhauses muss er täglich früh raus – zum Ärger seiner Zimmernachbarn, die keine Arbeit haben und länger schlafen wollen. Da wird der, der sich um Arbeit und Integration bemüht, zum Buhmann. Traurig.

Das könnte bald ein Ende haben. Am neuen Standort hat er es nicht mehr weit zur Arbeit – und nur noch einen Zimmernachbarn, der für den Frühaufsteher womöglich mehr Verständnis aufbringt. Bleibt zu hoffen, dass auch die anderen Bewohner der Unterkunft bald ihren Weg in ein geregeltes Leben finden. Angst und Ausgrenzung von deutscher Seite werden ihnen dabei allerdings nicht hilfreich sein. Im Gegenteil.