Rückspiegel: Rohdiamanten?

Städte sollten alte Gebäude erhalten, aber nicht um jeden Preis

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    Ältestes Wohnhaus in Böblingen: Was soll damit passieren? Bild: mis

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 29. November 2019 - 17:31

Zunächst die gute Nachricht: Die Stadt Böblingen ist jetzt im Besitz von vier der ältesten Gebäude der Stadt. Mit der kürzlich erfolgten Unterzeichnung des Kaufvertrags für die Untere Gasse 9 ist nun ein Quartett komplett, das viel über Böblingens Geschichte erzählen kann. Dazu gehören auch Böblingens ältestes Wohnhaus in der Poststraße 18, der Grüne Turm und das ehemalige BBG-Gebäude neben der Stadtkirche. Doch bis die Gebäude wieder aufblühen, sind noch manche Hürden zu nehmen. Die Häuser sind zum Teil in einem mehr als desolaten Zustand. Die Kosten für eine Sanierung dürften schnell in die Millionen gehen. Geld, dass Böblingen zwar hat. Aber soll oder muss man wirklich horrende Summen in die Relikte stecken?

Diese Frage mit Ja beantwortet hat unlängst die Stadt Sindelfingen beim Gasthaus Traube in der Langen Straße. Das 550 Jahre alte Haus soll zu einer „Cuvée“ heranreifen, um im Bild zu bleiben. Das renovierte Gefäß werden die Sindelfinger Wohnstätten füllen mit Gastronomie, Kultur und Wohnraum. Alles unter dem Dach einer durchdachten und schmucken Architektur, die die historische Gebäudesubstanz in neuem Glanz erstrahlen lassen dürfte. Eine gute, eine mutige Entscheidung, die aber freilich nicht billig ist. Das Vorgehen zeigt aber, dass ein Gebäude, und sei es noch so herrlich alt, ohne eine passende Nutzung im wahrsten Wortsinne nutzlos ist. Das gilt auch für die vier Böblinger Rohdiamanten.

Der historische Reiz des 524 Jahre alten Hauses in der Unteren Gasse 9 liegt vor allem darin, dass es auf einem Teil der alten Stadtmauer sitzt. Doch ob diese Tatsache wirklich zur Sensation taugt, sei mal dahingestellt. Soll das Gebäude einmal Magnetwirkung entfalten, braucht es ein Konzept, das erfolgversprechend genug ist, die zu erwartenden Kosten auch zu rechtfertigen. Denn mit einem teuer sanierten Schmuckkasten, der am Ende kaum genutzt wird, wäre keinem geholfen. Ein Modell wie im Fall der Traube in Sindelfingen ist aber durchaus vorstellbar. Gastronomie, Kultur und Wohnraum – alles drei wäre auch unterhalb des Böblinger Rathauses gut aufgehoben. Die Nutzungsfrage stellt sich auch bei Böblingens ältestem Wohnhaus in der Unteren Poststraße 18. Bis vor kurzem war es tatsächlich noch bewohnt, mittlerweile steht der windschiefe Fachwerkbau mit der aschfahlen Fassade leer. Die Debatte über die Nutzung ist in der Tat spannend. Denn das Gebäude befindet sich an einem markanten Übergang zwischen Schlossbergring und Seepromenade.

An jeder Gebäudeseite gibt es einen Durchgang für Fußgänger zum See hin, die bisher aber wenig genutzt werden. An das Gebäude angebaut wurde ein wenig schmucker Flachbau, der den Seaside Club (ehemals Seestudio) und Geschäfte beherbergt. Vor allem die Rückseite zum See hin bietet wenig Charme. Hier besteht eine große Chance, nein, eine große Notwendigkeit für eine Aufwertung. Doch muss das Uralt-Gebäude in einer neuen Nutzung wirklich eine Rolle spielen?

Bevor sich darüber vernünftig entscheiden lässt, müssen zunächst Fakten auf den Tisch: Wie gut ist die Bausubstanz noch? Wie teuer käme eine Sanierung? Und vor allem: Wie soll in die alten Mauern neues Leben einziehen?

Denn eine gute und nachhaltige Architektur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie den späteren Nutzen von anfang an konsequent mitdenkt. Das beweist ein Gebäude, dass diese Woche zu Recht positive Schlagzeilen gemacht hat: Die Böblinger Mineraltherme. Der Arbeit der damaligen Architekten Karl-Otto Rödl und Georg Kieferle ist es mit zu verdanken, dass die Therme floriert. Sie haben ein Bau geschaffen, in dem man und frau sich wohlfühlen, gerne wiederkommen. Gepaart mit dem Prinzip der konsequenten Verbesserung und Erweiterung, wurde die Therme bis heute ein Erfolg. Ein Ansatz, der auch bei den vier historischen Häusern in Böblingen zum Tragen kommen sollte.