Rückspiegel: Es grünt so grün

Neue Verkehrsführung am Elbenplatz zieht das Rad dem Auto vor

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    So soll der neu gestaltete Elbenplatz einmal aussehen - dem Entwurf nach. Grafik: Bauchplan

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 22. November 2019 - 17:58

Der Böblinger Elbenplatz – ist er die eigentliche Stadtmitte? Der Dreh- und Angelpunkt, an dem das Leben maximal tobt? Am Mittwoch ließen eine Handvoll Kinder der Türkischen Gemeinschaft dort gelbe Luftballons in die Luft steigen. Sie machten auf 864 Kleinkinder aufmerksam, die wegen ihrer inhaftierten Mütter in türkischen Gefängnissen leben müssen. Am Mittwoch rang der Böblinger Gemeinderat in voller Besetzung rund eineinhalb Stunden um eine neue Verkehrsregelung für den Platz. Und das, obwohl der Technische Ausschuss schon am Vortag die doppelte Zeit um Abbiegespuren, Begrünung und Ampelphasen diskutiert hat. Der Elbenplatz, er ist das heimliche Herz der Stadt.

Folglich gleicht seine jetzt beschlossene Umgestaltung auch einer Operation am offenen Herzen. Aus zwei Fahrspuren je Oberrichtung wird jeweils nur noch eine, Radfahrer bekommen im Gegenzug dafür einen breiten Fahrstreifen. Außerdem sollen Baumreihen und Grün das an seiner weitesten Stelle über 30 Meter breite Asphaltband teilen. Das Signal der grünen Politik ist klar: weniger Platz fürs Auto, mehr fürs Rad. Des einen Freud, des andern Leid. Die PS-Fraktion flucht, die Pedal-Fraktion jubelt. Dabei ging es den Verkehrsplanern nicht darum, die beiden Gruppen gegeneinander auszuspielen. Vielmehr wurde intensiv um das optimale Miteinander auf der Straße gerungen. Und das mit Erfolg.

Denn eine durchgehende Radverbindung über den Elbenplatz war längst überfällig. Stadt und Kreis Böblingen bauen für Millionen Euro eine neue Radschnellverbindung zwischen Herrenberg und Stuttgart und lassen das Stückwerk am Elbenplatz wie es ist? Das passt nicht zusammen. Bisher nämlich war am Elbenplatz gar kein durchgängiger Radweg vorhanden. Dass er jetzt kommt, war also höchste Zeit. Außerdem soll die Asphaltwüste durch die gesamte Maßnahme eine leichtere und luftigere Optik erhalten. Der Eingang zur Altstadt bekommt so ein neues, ein ansehnlicheres Gesicht. Gut so.

Während hier die Verbesserung klar erkennbar wird, muss die neue Lösung für die Autos erst noch überzeugen. Der Elbenplatz wird täglich von zigtausend Fahrzeugen überströmt, Staus zur Stoßzeit sind die Regel. Und da will man noch weiter verengen? In der Tat wirkt es paradox. Doch die Maßnahme macht ja auch nur Sinn, weil Fahrzeuge aus der Stadtgrabenstraße nur noch nach rechts dürfen. Eine Ampelphase, die den Abfluss der Autos bisher empfindlich gestört hat, entfällt. Das kann funktionieren – für den Elbenplatz.

Problematisch wird es am nachgelagerten Listkreisel, der schon jetzt unter den Verkehrsmengen ächzt. Der Kreisverkehr an der Kreuzung Brumme-Alle und Liststraße wird die zusätzlichen Autoströme nur schwer verkraften. Das geben selbst der Tiefbauamtsleiter Frank Bader und der beauftragte Verkehrsexperte unumwunden zu. Die Simulation einer Verkehrsstunde zur Stoßzeit zeigte die Staus eindeutig am Bildschirm. Zu diesem Fakt sollten die Verantwortlichen auf dem Rathaus auch stehen. Alles andere würde bedeuten, den staugeplagten Autofahrern in die Tasche zu lügen. Denn die müssen noch mal eine lange Durststrecke verkraften.

Der Elbenplatz-Umbau wird vor allem auch deshalb jetzt forciert, da ab Februar 2021 die Bagger zum A-81-Ausbau anrücken. Die Blechlawine wird häufiger ausweichen – auf einen dann schon verengten Elbenplatz. Entspannung ist erst in Sicht, wenn der Autobahnausbau dereinst abgeschlossen sein wird. Und die Nordumfahrung entlang der Leibnizstraße fertig ist. Im Jahr 2027 soll es soweit sein. Dann stehen genug Bypasse zur Verfügung, um die Böblinger Unterstadt spürbar zu entlasten. Die Zeit bis dorthin wird für die Autofahrer aber zur Durststrecke. Vielleicht wird mancher vor lauter Frust also auf andere Transportmittel umsteigen? Bus und Bahn etwa. Oder natürlich das Fahrrad. Die grüne Verkehrspolitik hätte dann gefruchtet.