Rückspiegel: Böblingen putzt sich raus

Nach und nach weichen wenig ansehnliche Baukörper

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    Kantig, durchlässig, gestapelt: Architekturskizze für das City-Center-Areal in Böblingen. Grafik: Steinhoff/Haehnel

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 10. November 2019 - 10:10

Böblingen und die Mär vom hässlichen Entlein – sie könnte schon in absehbarer Zukunft der Vergangenheit angehören. Stadt und Eigentümer schicken sich an, große, sehr große Projekte in Angriff zu nehmen. Das wurde auf dem Infoabend im Treff am See am Dienstag deutlich. Ein Format, auf dem die Stadt ihre Einwohner über die anstehenden Bauvorhaben in der Unterstadt auf den neuesten Stand gebracht hat. Und eines das Lob verdient. Schließlich ist man oft überrascht, wie wenig informiert manch Einwohner über viele Planungen ist, obwohl wir Medienmacher häufig darüber berichten.

Die Bürger einbinden, das soll in viel größeren Umfang auch bei der Neubebauung des Post-Areals gelingen. Noch bis 2023 läuft der Mietvertrag mit der Deutschen Post. Dann rücken die Bagger an. Schon vorher will die Stadtverwaltung in einer groß angelegten Bürgerbeteiligung auf dem Papier ein neues Gebäude formen. Kann das gelingen? Es wäre ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ein altes Sprichwort sagt: „Zu viele Köche verderben den Brei“. Das Ansinnen geht dennoch in die richtige Richtung. Allzu oft hört man bei öffentlichen Gebäuden das Bruddeln der Bürger, noch bevor Eröffnung gefeiert wurde. Allen Dauer-Bedenkenträgern könnte eine gut moderierte und klug angelegte Bürgerbeteiligung den Wind aus den Segeln nehmen.

Der Ort, an dem das demokratisch designte Haus einmal stehen soll, er ist kein unwichtiger. Wer auf der Schiene nach Böblingen rollt, stößt auf dem Bahnhofsvorplatz als erstes darauf. Ursprüngliche Pläne, dort einmal ein Zentrum mit Bürgeramt und Musikschule zu errichten, scheinen vom Tisch. Zu laut denkt man auf dem Baudezernat darüber nach, die Musikschule auf dem Schlossberg neu zu bauen. Und zu betonen, wie sehr der Schlossberg und der Marktplatz ein Ort der Kultur und Verwaltung bleiben soll. Das allerdings eröffnet auf dem Areal neue Möglichkeiten.

Bürgerbeteiligung hin oder her: Die Verantwortlichen sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie an diesem Ort das Stadtbild in hohem Maße prägen können. Das Eingangstor zur Flaniermeile und zum Bahnhofsquartier erhält ein neues Gesicht. Eine Gegend, die sich auch an anderer Stelle merklich verändern wird. Der Neubau der BB Wohnbau auf dem ehemaligen Krauß-Areal an der Ecke Bahnhof- und Wilhelmstraße bringt einen neuen Impuls. Noch viel massiver fällt die Veränderung allerdings an der Ecke Wilhelm- und Olgastraße aus.

Dort riegelt derzeit noch das nahezu geräumte City Center alles ab. Die Böblinger Baugesellschaft als Eigentümer will schon im kommenden Jahr abreißen. Ein weiteres unansehnliches Gebäude wird also fallen. Die Böblinger Bausünden: sie verschwinden nach und nach von der Bildfläche. Wo einst schnelles Wachstum schnell hochgezogene Bauten nach sich zog, wächst wohler überlegte Architektur nach. Oder sollte sie zumindest. Denn nichts wäre bedauerlicher, als in Sachen Gebäudeästhetik vom Regen in die Traufe zu geraten. Als BBG-Geschäftsführer Rainer Ganske am Dienstag von den Plänen auf dem City-Center-Grundstück berichtete, ließen seine Aussagen hoffen: Die Riegelbebauung kommt weg, es entsteht ein Durchbruch zur Wolfgang-Brumme-Allee. Das Areal wird durchlässig, luftig.

Sind die (Bau-)Sünden von gestern erst beseitigt, gilt es aber, der Unterstadt ein neues Gesicht zu geben. Eines, das möglichst ansehnlich daherkommt. Die Gegend ist im Umbruch, die Fußgängerzone wird fünf Jahre nach ihrer Eröffnung immer besser angenommen. Doch es besteht noch Luft nach oben. Die jetzigen Baustellen entlang der Bahnhofstraße machen die Situation nicht einfacher. Erst wenn alle Häuser stehen und die Bautrupps abgerückt sind, könnte die Fußgängerzone das werden, was sie schon immer sein wollte: eine lebendige, schmucke Meile ohne Autos. Und ohne hässliche Brachflächen.