Rückspiegel: Viel Wind um nichts

Die Planungen zum Ausbau der Windkraft verlaufen turbulent

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    Insgesamt 218 potenzielle Windrad-Standorte sieht die Landesregierung im Kreis Böblingen. Noch steht kein einziges. Foto: dpa/Archiv

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 01. November 2019 - 07:06

Der Windkraft geht die Puste aus: Eigentlich wollte die Landesregierung bis zum kommenden Jahr den Anteil der Windenergie am Strommix auf zehn Prozent steigern. Daraus wird nichts. Laut den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017 liegt der Prozentsatz bei 3,3. Spielt also nur eine untergeordnete Rolle. Der politische Wille aus dem Jahr 2012 war ohnehin sehr ambitioniert formuliert. Damals betrug der Windanteil aber auch nur mickrige 1,1 Prozent. Immerhin konnte man den Anteil also verdreifachen. Doch zu angestrebten Verzehnfachung besteht noch viel Luft nach oben.

Selbst wenn man dieses hehre Ziel irgendwann erreicht, liegt Baden-Württemberg immer noch weit unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Was viele nicht wissen: Der Wind ist mittlerweile der Deutschen wichtigste Stromquelle. Im Zuge des Atomausstiegs rangieren die Rotoren beim Anteil am Strommix heute weit vor der Braunkohle und der Kernkraft. Gut so. Schließlich sind die Windräder der Musterknabe der erneuerbaren Energien. Der Strom ist sauber, entsteht einigermaßen zuverlässig und stützt nebenbei noch die heimischen Hersteller der Anlagen. Anders als Solarzellen, die mittlerweile überwiegend aus China stammen.

Trotzdem kommt der Ausbau der Windkraft deutschlandweit und im Südwesten derzeit merklich ins Stocken. 2018 wuchsen in Baden-Württemberg immerhin noch 26 Windkraftanlagen aus dem Boden. Im ersten Halbjahr 2019 war es allerdings nur noch eines. Im Landkreis Böblingen dreht sich bis heute noch kein einziges Rotorenblatt. Umso überraschter wurde der im Frühjahr aufgelegte Windatlas der Landesregierung zur Kenntnis genommen, der auf einmal 218 potenzielle Standorte zwischen Strudelbach und Ammer auflistete. Der vorherige Windatlas aus dem Jahr 2011 sah das ganz anders. Damals hieß es, der Kreis Böblingen liege im Windschatten des Schwarzwaldes. Der Wind wehe hier nicht so stark, deshalb ergeben die Anlagen keinen Sinn. Ja, was denn nun?

Dazu muss man wissen, dass ein Windrad nicht von heute auf morgen aus dem Boden wächst. Zähe Planungen und Abstimmungen sind notwendig, bis es soweit ist. Zunächst einmal muss zweifelsfrei geklärt sein, dass die sogenannte Windhöffigkeit überhaupt in ausreichendem Maß gegeben ist. Dann kommt der Artenschutz ins Spiel sowie diverse weitere Faktoren – der Abstand zu Flugrouten etwa oder Wohngebieten. Auf den Daten von 2012 gab es auch in der Region Stuttgart diverse Planungsrunden zum Windradbau. Im Kreis Böblingen waren zuletzt drei Standorte im Gespräch. Auf dem Venusberg bei Aidlingen, beim Jettinger Wasserturm und oberhalb von Waldenbuch.

Da man aber beim neuen Windatlas die Parameter änderte, sollte der Wind vor allem in Nordkreis auf einmal kräftig blasen. Zumindest auf dem Papier. Das Hin und Her hat keinem geholfen: Hinter den bisherigen Auswahlverfahren für Standorte auf der Ebene der Region Stuttgart ist damit ein Fragezeichen zu setzen. Der Vorstoß gibt auch den Gegnern der schlanken Kraftwerke wieder Aufwind, die vor einer „Verspargelung“ der Landschaft warnen. Sie gehen mit der sehr hoch gegriffenen Zahl von 218 potenziellen Standorten im Kreis Böblingen hausieren. Manch ein Einwand gegen ein Windrad vor Ort mag ja berechtigt sein, doch in vielen Fällen lohnt ein zweiter Blick. Das Thema Infraschall etwa, bei dem die Sorge geschürt wird, die tiefen Schallwellen der Rotorenblätter seien eine Gesundheitsgefahr, gehen an der Realität vorbei. Keine wissenschaftliche Studie hat die Befürchtung je belegt.

Der neue Windatlas hat die Gemengelage also gründlich durcheinander gewirbelt. Einfacher ist der Ausbau der Windkraft im Land und im Landkreis dadurch nicht geworden. Im Gegenteil. Bleibt zu hoffen, dass am Ende aufgrund vernünftiger Planungen überall dort die sauberen Stromspender entstehen, wo ihr Betrieb zugleich wirtschaftlich und unbedenklich ist.