Rückspiegel: Gut gerüstet?

Großübungen erzeugen mulmiges Gefühl und sind doch richtig

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    Bilder, wie man sie nur zu Übungszwecken sehen will: Polizisten bei der Amok-Übung in Aidlingen in Schutzausrüstung. Foto: Eibner/Zichy

Von Jan-Philipp Schlecht

Artikel vom 26. Oktober 2019 - 10:09

Amok-Ausrüstung, massenhaft Verletzte, Blaulicht – wer das vergangene Wochenende Revue passieren lässt, bekommt leicht den Eindruck, im Kreis Böblingen herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. In Aidlingen simulierte man einen Amoklauf mit Brandstiftung und 43 zum Teil schwer Verletzten, in Waldenbuch einen Unfall unklarer Art mit 25 Versehrten und in Stetten am kalten Markt spielten Polizei und Bundeswehr gar ein Horrorszenario ungekannten Ausmaßes durch. Alles nicht echt – und doch kein schöner Anblick. Großübungen wie diese erzeugen Bilder, Bilder erzeugen Emotionen und eine davon ist ganz klar: Angst.

Angst, dass aus dem Testlauf auf einmal doch Ernst wird. Dass der Terror auf einmal vor der eigenen Haustüre stattfindet. Ist das so gewollt? Oder nur eine unschöne Nebenwirkung? Ja und nein. Denn auf der anderen Seite geben die Übungen ja auch ein Stück Sicherheit. Sie vermitteln den Eindruck, dass die Blaulicht-Organisationen für den Ernstfall gerüstet sind, den freilich niemand erleben will. Außerdem sind sie ein klares Signal an all jene Hirnverbrannten, die potenziell zum Täter werden könnten. Und dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Ist die Bedrohung tatsächlich schon so real?

Die Sicherheitsbehörden sagen: Ja, die Gefährdungslage steigt. Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass der fanatische Rechtsradikale Stephan Balliet einen bewaffneten Anschlag auf eine Synagoge in Halle verübte und wahllos Passanten niederschoss. Zwei Menschen starben. In Anbetracht dessen mag man den Verantwortlichen im Innenministerium kaum widersprechen. Die Übungen sind also ein notwendiger und richtiger Schritt, um für das Undenkbare so gut wie möglich gerüstet zu sein. Zwar hatte es das Ausmaß der Szenarien und auch ihre zeitliche Ballung bisher so nicht gegeben. Doch die Auswirkungen der erhöhten Alarmbereitschaft sind kein neues Phänomen. Wenn bald wieder die Weihnachtsmärkte das Volk anlocken, wird es vielerorts von Betonpollern begrüßt.

Als die Sicherheitswände vor zwei Jahren erstmals vor dem Weihnachtsmarkt am Böblinger Elbenplatz standen, hieß es aus dem Rathaus, das diene dem Schutz vor Angriffen mit Fahrzeugen. Glühwein und gebrannte Mandeln in Böblingen als potenzielles Terrorziel, so sieht die Realität mittlerweile aus. Ausschlaggebend für die Betonmauer dürfte der Anschlag des IS-Terroristen Anis Amri gewesen sein, der am 19. Dezember 2016 am Berliner Breitscheidplatz elf Menschen mit einem Lastwagen totfuhr. Und der noch immer nicht lückenlos aufgeklärt ist. Das zeigen die Sitzungen des derzeit tagenden Untersuchungsausschusses des Bundestags zu dem Fall.

Nach wie vor ist nicht klar, warum es den Sicherheitsbehörden vor dem 19. Dezember nicht gelang, den Amokläufer Amri schon im Vorfeld als solchen zu identifizieren. Am Rande der Anti-Terror-Übung in Aidlingen war aus Sicherheitskreisen zu hören, dass nach dem Anschlag rund um den Breitscheidplatz für acht Minuten Funkstille herrschte. Offenbar hat der dortige Sendemast nicht richtig funktioniert. Die Polizei konnte also nicht richtig kommunizieren, wertvolle Zeit verstrich. Die Zusammenarbeit in solchen extremen Einsatzlagen sollen die Übungen verbessern helfen – innerhalb der Polizei und mit den Rettern von Rotem Kreuz und Feuerwehr.

Hier besteht in der Tat Nachholbedarf. So hat es Jahre gedauert, bis neben der Polizei auch die Feuerwehren endlich digitale Funkgeräte erhalten werden. Das Projekt befindet sich derzeit in Vorbereitung, geplanter Betriebsstart ist im kommenden Jahr. Zeit wurde es. Eklatante Mängel bei der Kommunikation wurden schon bei der Katastrophenübung „Heißer Süden“ am 14. Oktober 2017 im Schönbuch offenkundig. Polizei und Rettungskräfte konnten kaum vernünftig miteinander funken. Gut, wenn durch Großübungen solche Missstände ans Tageslicht kommen. Noch besser, wenn Bedrohungen erkannt werden, bevor Schlimmes passiert.

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