Schiene statt Stau

Rückspiegel THEMA: Mehr Bus und Bahn für Pendler aus dem Schwarzwald

Artikel vom 08. Dezember 2018

Von Matthias Weigert

Der Landkreis Böblingen ist ein Jobmotor. Die Kehrseite: Daimler, Porsche, IBM und Bosch sorgen auch für riesige Waren- und Pendlerströme, die sich über den Asphalt wälzen und für die Mobilität der Zukunft die größte Herausforderung sind. Denn Stau ist Stillstand und damit völlig unproduktiv. Kürzere Wege zum Arbeitsplatz sind eine Möglichkeit. Wer sich aber nach Wohnraum in nächster Nähe zum Arbeitsplatz umschaut, damit er nicht täglich im Stau steht, muss ordentlich schlucken - bei den galoppierenden Preisen für Mietwohnungen oder Bauland im Landkreis Böblingen und in der Region Stuttgart. Die große Nachfrage erhöht zugleich den Siedlungsdruck. Die Kommunen im Kreis geben dem oft nach und weisen ein ums andere Baugebiet aus - mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Landschaftsbild. Trotzdem steigen die Baupreise weiter. Das schmucke Häuschen in Richtung Schwarzwald ist und bleibt deshalb für den schmalen Geldbeutel die Alternative - ob in Althengstett, Ostelsheim oder Tiefenbronn. Preiswertes Wohnen hat aber auch seinen Preis. Pendler lassen viel Lebenszeit auf der Strecke, und der tägliche Stau zehrt an den Nerven.

Umsteigen auf Busse und Bahnen ist im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) mit einem immer verzweigteren S-Bahn-Netz deshalb heute schon für viele Verkehrsteilnehmer die richtige Entscheidung. Die Zukunft soll weitere Verbesserungen bringen. Schließlich setzt nicht nur die Landesregierung auf den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, sondern auch die kommunalen Entscheidungsträger. Die anstehende Tarifreform im VVS und die neuen Busfahrpläne sind wichtige Wegmarken. Für Pendler aus dem Landkreis Calw sind es aber immer noch die Ost-West-Verbindungen im Straßennetz, die sie in den Raum Böblingen-Sindelfingen führen und dabei viele Ortsdurchfahrten belasten. Dagersheim und Aidlingen können davon ein Lied singen.

Die Verkehrspolitiker haben diese Herausforderung angenommen. Der neue Fahrplan für Buslinien weist Verbesserungen bei den landkreisüberschreitenden Verbindungen auf. Wer ab Sonntag in Böblingen in den Bus nach Calw einsteigt, hat eine Direttissima in die Hermann-Hesse-Stadt. Die geplante Taktverdichtung auf der S 6-Strecke erhöht zudem die Chance auf mehr Fahrgäste und eine höhere Wirtschaftlichkeit der geplanten Hermann-Hesse-Bahn und einer S-Bahn-Verlängerung nach Calw. Deshalb und um das Verkehrsprojekt Hesse-Bahn von Calw bis Weil der Stadt trotz dieser Veränderung sicherzustellen, fordert der Renninger Bürgermeister Wolfgang Faißt zurecht eine schnelle Aktualisierung der Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt. Denn mit der S-Bahn-Verstärkung im Zwischentakt der S 6 und der damit verbundenen Kapazitätserweiterung und Attraktivierung des S-Bahn-Angebotes würde auch die Wirtschaftlichkeit der Hesse-Bahn bis Weil der Stadt einen entscheidenden Schub bekommen - auch was die Förderfähigkeit anbelangt. Die von Regionalrat Bernhard Maier als goldene Brücke für die Hesse-Bahn bis nach Weil der Stadt beschriebene Taktverdichtung würde ein ungleich besseres Ergebnis für das Verkehrsprojekt in den Schwarzwald bringen als eine dieselbetriebene Hesse-Bahn bis Renningen. Und es würden laut Faißt nicht allein siebenstellige Investitions- und Betriebsaufwendungen vermieden. In der Bevölkerung wäre das Reizthema Hesse-Bahn komplett befriedet.

Druck aus dem dampfenden Kessel will auch der Böblinger Landrat nehmen. Roland Bernhard setzt weiter auf das Zweistufenkonzept und wird bei Verkehrsminister Winfried Hermann in der ersten Stufe für die Hesse-Bahn von Calw bis Weil der Stadt werben. Das verkündete er jetzt, als er sich mit der Initiative "Pro-S-Bahn" traf, die innerhalb weniger Wochen fast 2000 Unterschriften für eine S-Bahn-Verlängerung bis nach Calw sammelte. Landrat Bernhard sieht den Landesverkehrsminister am Zug, der hoffentlich bald den Weg frei macht für das Schienenprojekt für Pendler aus dem Raum Calw.