Aus dem Gleichgewicht

THEMA: Krankenkassen horten Milliardenüberschüsse

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VON JAN-PHILIPP SCHLECHT

Artikel vom 08. September 2018 - 04:33

Die Meldung war den meisten Zeitungen kaum mehr als eine Randnotiz wert - dieser eingeschlossen. Auch folgte keine große mediale Debatte. Die Meldung besagte im Kern: Die Rücklagen der Krankenkassen in Deutschland belaufen sich auf mittlerweile 20,1 Milliarden Euro. Dies wurde Anfang der Woche bekannt. Möglich wurde die Rekordreserve durch einen Überschuss der Kassen von 720 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2018. Nimmt man noch den Gesundheitsfonds hinzu, der von Steuergeldern gespeist wird, kommen weitere 9,1 Milliarden Euro auf die ohnehin schon imposante Summe oben drauf. Knapp 30 Milliarden Euro liegen bei den gesetzlichen also auf der hohen Kante. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem Haushaltsvolumen des Landes Niedersachsen.

 

Auf der anderen Seite stehen die Beitragszahler, die seit Jahren keine Entlastung bei ihren Sozialabgaben erlebt haben. Dies lässt sich freilich politisch einwandfrei ausschlachten, weshalb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach Bekanntwerden der Zahlen auch gleich eine Beitragssenkung gesetzlich festschreiben wollte. Vergessen wurden in der Debatte aber die, die kaum eine Lobby haben. Die zweijährige Pia Müller aus Gärtringen zum Beispiel. Sie leidet an einem angeborenen Hirnschaden, der Spastiken und Krämpfe verursacht. Bekommt das Mädchen keine Hilfe, könnten bleibende Schäden für Muskeln und Skelett die Folge sein. Und ein Leben voller Entbehrungen und Schmerzen. Die Krankenkasse übernimmt zwar einen gewissen Anteil an Behandlungskosten, die einzige Therapie, die einen langfristigen Erfolg verspricht, zahlt die Kasse allerdings nicht.

 

Diese schlägt mit rund 125000 US-Dollar zu Buche und wird nur an einer Spezialklinik in St. Louis in den USA angeboten. Die Eltern des Mädchens sammeln seit Monaten dafür. Nur der Initiative privater Spender ist es zu verdanken, dass die Müllers umgerechnet bereits rund 85000 Dollar zusammen haben. Dem Laien drängt sich trotzdem die Frage auf, warum eine deutsche Krankenkasse hier keinen Weg findet, der Familie zu helfen?

 

Stutzig macht auch die Geschichte von Kinga Pongracz, von der ebenfalls diese Woche zu lesen war. Die 45-Jährige hat vor 20 Jahren ein Bein bei einem schlimmen Autounfall verloren. Und mit ihm ihren Verlobten und enge Freunde. Ein unvorstellbar harter Schicksalsschlag. Pongracz scheint mit ihrem Verlust gut zurecht zu kommen. Sie strahlt dennoch Lebensfreude aus. Wenig erfreulich findet sie allerdings, dass die Krankenkasse lediglich die Kosten für eine Standardprothese übernimmt. Mit der ist sie aber permanent auf Krücken angewiesen, ihr Bewegungsradius eingeschränkt.

 

Nun gäbe es aber die Möglichkeit, eine deutlich modernere Prothese zu bekommen, die ein würdevolleres Leben mit mehr Bewegungsfreiheit - und vor allem ohne Krücken - erlaubt. Mit der Schwierigkeit, dass auch hier die Kasse eine Kostenübernahme ablehnt. Das künstliche Bein kostet 12000 Euro. Geld, das Pongracz nicht hat. Auch hier bleibt nur der Aufruf an die Öffentlichkeit, aus freien Stücken zu spenden. Die gute Nachricht: Dem Aufruf unter dem Artikel in der Kreiszeitung sind bereits einige gefolgt. Kinga Pongracz ist der neuen Prothese und damit einem neuen Lebensgefühl einen Schritt näher gekommen.

 

Die gesetzlichen Kassen müssen sich also die Frage gefallen lassen, wie viel sie trotz prall gefüllter Kassen für die tun, die völlig unverschuldet ein schweres Los gezogen haben. Der Ruf aus der Politik, die Beiträge für alle zu senken, mag ein paar Wählerstimmen bringen. Doch Menschen wie Kinga Pongracz oder Pia Müller ist damit nicht geholfen. Sie bräuchten vielmehr ein Entgegenkommen der Kassen an anderer Stelle. Die Milliardenüberschüsse wären dort sinnvoller investiert.