Braune Brühe schwappt über

THEMA: Ein Tweet der AfD kann nicht unwidersprochen bleiben

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VON MICHAEL STIERLE

Artikel vom 01. September 2018 - 04:33

Wissen Sie noch, wer Markus Frohnmaier ist? Nie gehört? Oder vielleicht schon wieder in Vergessenheit geraten? Zur Erinnerung: Der 27-Jährige aus Schafhausen ist Bundestagsabgeordneter für den Kreis Böblingen. Zum Direktmandat reichte es ihm bei der Wahl heute vor rund einem Jahr nicht, aber über die Landesliste der Alternative für Deutschland, kurz AfD, war er an Position vier abgesichert. Exakt 21825 Wähler gaben ihm damals ihre Erststimme, das waren 11,2 Prozent. Was er seither für den Kreis getan hat? Gehört hat man nicht viel von ihm, gesehen hat man ihn kaum, auf der großen Bühne in Berlin fühlt er sich wohler als in den Niederungen von Böblingen. Was auch kein Wunder ist, wenn man sich noch einmal den Kandidaten-Check der Kreiszeitung mit ihm anschaut, als es darum ging, die beiden durch den Kreis führenden Autobahnen auf einer Karte einzuzeichnen. Die zwei dünnen Striche lagen so was von daneben.

 

Einmal trat er doch in Erscheinung, als er Anfang des Jahres eine Belohnung in Höhe von 500 Euro aussetzte, nachdem ein 75-Jähriger in seinem Heimatort Schafhausen Opfer einer Trickdiebin geworden war. Ansonsten haut er ganz gerne mal ordentlich einen über die Sozialen Medien raus, die in diesem Fall doch eher asozial sind. Wie jetzt wieder nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen während des Chemnitzer Stadtfestes, als zwei Flüchtlinge danach als Tatverdächtige festgenommen wurden. Erst marschierten hunderte gewaltbereite Rechte durch die Innenstadt, veranstalteten eine Hetzjagd auf Ausländer. An den Tagen danach demonstrierten sogar Tausende, die Polizei war überfordert. Die beklemmenden Fernsehbilder dieser marodierenden Horden lassen einen fast sprachlos zurück, für das Bild, das Deutschland in diesen Tagen abgegeben hat, kann man sich nur schämen. Dazu Frohnmaiers Kommentar auf Twitter: "Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selbst. Ganz einfach." Da wird mal kurz der Rechtsstaat in die Tonne getreten und zur Selbstjustiz aufgerufen, was selbst einigen seiner AfD-Kollegen aus Sachsen, sonst gewiss keine Kinder von Traurigkeit, zu weit ging. Doch Frohnmaier legte nach: "Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringende ,Messermigration' zu stoppen! Es hätte deinen Vater, Sohn oder Bruder treffen können!" Damit brachte er es sogar in die "heute"-Nachrichten. Ziel erreicht also: Maximale Aufmerksamkeit mit einem einzigen Tweet. Und gleichzeitig der gelungene Arbeitsnachweis für den August - da ist jeder Cent der aufrechten, deutschen Steuerzahler für seine Diäten gut investiertes Geld. Politiker als Hetzer und Spalter. Dabei gehört es zu ihren auch moralischen Aufgaben, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken, deren Repräsentant sie sind.

 

Wie geht es bei solchen Aussagen eigentlich seinen 21825 Wählern im Kreis Böblingen? Fühlen die sich von "ihrem" Bundestagsabgeordneten noch gut vertreten? Sage hinterher keiner, er hätte nicht gewusst, wen er nach Berlin geschickt hat. Dass Frohnmaier inzwischen zurückruderte, von "unschönen Bildern" spricht und Zwischenfälle, bei denen Gewalt im Spiel ist, genauso ablehnt wie Selbstjustiz, ist gängige Praxis der AfD. Und macht den Umgang mit ihr so schwer. Deshalb äußert sich auch Marc Biadacz, Bundestagsabgeordneter der CDU im Wahlkreis Böblingen, eher selten zu ihm, weil er dem AfD-Populismus keine Plattform bieten will. "Diesmal aber hat er den Bogen überspannt. Selbstjustiz ist keine Bürgerpflicht, sondern eine schwere Straftat", sagt Biadacz. "Die Aufgabe von Politikern ist es, Missstände zu benennen und zu verändern. Aber sie müssen sich dabei - wie alle in Deutschland - auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen, unsere Demokratie und den Rechtsstaat achten."

 

Ob diese wohlfeilen, aber auch pflichtschuldigen Worte ausreichen? Ob es nicht langsam Zeit wird für einen echten Aufstand der Anständigen? Die braune Brühe schwappt jedenfalls immer höher. Und keiner ist da, der sie auslöffelt.