Viel Lärm um nichts

THEMA: Auf Marktplätzen darf es auch mal lauter zugehen

  • img

VON JAN-PHILIPP SCHLECHT

Artikel vom 25. August 2018 - 04:33

Die Stimmung beim Konzert der AC/DC-Coverband "Big Balls" am vergangenen Mittwoch auf dem Sindelfinger Marktplatz steuerte gegen 21 Uhr ihrem Höhepunkt entgegen. Rund 4000 Fans jubelten der Bandkopie auf der Bühne zu und hatten sichtlich Spaß. Doch in das Jubelgeschrei mischten sich Frusttöne. Im dritten Set nach 21 Uhr regelte der Veranstalter die Lautstärke abrupt herunter, nachdem sich der bandeigene Tontechniker der Vorgabe des Ordnungsamts widersetzt und die Lautstärke von Anfang an höher gedreht hatte, als mit der Stadt abgestimmt.

 

Der Ruf nach mehr Schalldruck wurde dann immer lauter, sodass Big-Balls-Sänger Ollie Frommhagen das Wort ergriff und ein paar Seitenhiebe losließ. Er wetterte wortgewaltig in Richtung Stadtverwaltung respektive Anwohner, die sich schon bei den vorherigen Konzerten der Reihe "Sindelfingen rockt" über den Krach beklagt hatten. "4000 wollen feiern, nur einer nicht", rief er in die Menge - und erntete freilich Applaus. Veranstalter und Ordnungsamt wetterten im Nachgang gegen dieses Verhalten, sahen in dem Aufwiegeln sogar eine Gefahr für die ganze Konzertreihe. Darin offenbart sich ein grundsätzliches Problem: Die einen wollen feiern, die anderen ihre Ruhe.

 

Nun kann man die frechen Ansagen des Sängers verurteilen, ihm vorwerfen, Öl ins Feuer einer hitzigen Debatte gegossen zu haben. Doch in einem zentralen Punkt hat der Rocker nicht Unrecht: Die Zahl derer, die auf dem Marktplatz laut, aber friedlich feiern wollten, überstieg die der sich beschwerenden Anwohner um ein Zigfaches. Müssen also viele zurückstecken, damit ein paar wenige ungestört sind? Besser nicht. Denkt man das nämlich zu Ende, müsste das Konzert gleich ganz woanders stattfinden. Darüber hinaus stünden dann aber auch andere Veranstaltungen wie Straßenfeste oder Märkte auf wackeligen Füßen. Dies wäre der falsche Weg. Das zeigen Beispiele in unmittelbarer Nachbarschaft.

Auf dem Böblinger Marktplatz herrscht - abgesehen vom alljährlichen Stadtfest - zu allen Tages- und Nachtzeiten eine fast gespenstische Stille. Während am Schlossbergring in den Abendstunden das Leben vor allem am Wochenende pulsiert, geht es auf dem Marktplatz zu wie im Auge eines Orkans: weitgehend windstill. Das kann den Böblingern eigentlich nicht gefallen. In ihrer Stadtmitte herrscht wenig bis gar kein Leben mehr. Schön ist das nur für die, die dort wohnen: Sie haben ihre gesegnete Ruhe. Dabei wäre es doch wünschenswert, dass im Herzen der Stadt der sprichwörtliche Bär steppt.

 

Man stelle sich nur mal an einem Samstagabend auf den Stuttgarter, Tübinger, oder noch näher: den Herrenberger Marktplatz. Hier brummt das Leben. Man geht aus, trifft sich, flaniert, das Stadtleben hat dort seinen Dreh- und Angelpunkt. Marktplätze sollten doch auch genau diese Funktion erfüllen: lebendiger Mittelpunkt sein, Herz eines Ortes, Begegnungsstätte, zentraler Treffpunkt. Wer all das aus der unmittelbaren Ortsmitte verbannt haben will, raubt einem Ort auch einen großen Teil seiner Identität. Den Platz, an dem alle Fäden zusammenlaufen.

 

Wer sich aber dafür entscheidet, in der unmittelbaren Ortsmitte zu wohnen, erhält zwar den Vorzug der idealen Lage, muss aber in Kauf nehmen, dass es ab und an auch mal lauter wird. Und wer das partout nicht will, muss eben in eine ruhigere Gegend ziehen. Das Problem ist natürlich nicht neu und wurde längst vor dem Bundesgerichtshof verhandelt. Im Jahr 2003 hatten die Richter in einem Fall zu urteilen, bei dem sich Anwohner von einem einmal im Jahr stattfindenden Rockkonzert gestört fühlten. Sie wiesen die Klage ab. Begründung: Anwohner müssen den Lärm hinnehmen, wenn die Veranstaltung für die Stadt eine besondere Bedeutung hat oder nur einmal jährlich stattfindet. Eine richtige Entscheidung. Das gemeinsame Feiern auf dem Marktplatz sollte Vorrang vor Einzelinteressen haben.