Böblingen wird elektrisiert

THEMA: Daimler plant Batteriemontage auf der Böblinger Hulb

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VON JAN-PHILIPP SCHLECHT

Artikel vom 04. August 2018 - 04:33

Es ist eine Aussage mit Neuigkeitswert, die der Daimler-Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali im heutigen Interview mit der Kreiszeitung getroffen hat. Mercedes-Benz will neben dem Stammsitz Untertürkheim auch in Böblingen Batterien für seine neue Elektroauto-Reihe "EQ" und weitere Modelle produzieren. Zuvor war nur bekannt geworden, dass man dies im Werk Sindelfingen plane. Lümali wurde aber jetzt noch etwas konkreter: Laut dem Betriebsrat-Chef siedelt die Marke mit Stern die Batterieproduktion auf dem Böblinger Teil des Werks an. Bis dato befinden sich dort auf der Hulb die Sitzfertigung und die Motoren-Endmontage. Für Böblingen und die Region ist diese Ansiedlung eine gute Nachricht.

Schon lange schwelt die Diskussion um die deutschen Autohersteller, die mit Ausnahme von BMW lange gewartet haben, bis sie sich für Elektroautos erwärmen konnten. Lange wurde lamentiert, abgewiegelt und stattdessen lieber mit Hochdruck daran gearbeitet, aus den herkömmlichen Antrieben noch das letzte Quäntchen Effizienz herauszupressen. Allen voran aus dem Diesel. Dessen Abgase erreichten dann aber nur auf dem Prüfstand die geforderte Reinheitsgrade - dank trickreicher Software in der Motorsteuerung. Dieser Weg erscheint rückblickend also nicht unbedingt als der Königsweg. Zumal das Image der deutschen Autoindustrie einige Kratzer, wenn nicht gar tiefe Schrammen durch die Schummeleien abbekam.

Besser spät als nie sprangen die Hersteller dann reihum auf den Zug der E-Mobilität auf. Daimler verkündete etwas hastig den Start einer eigenen E-Baureihe namens "EQ" - und sah sich auf einmal mit Protest aus den eigenen Reihen konfrontiert. Gefährden die technisch simpler gestrickten E-Fahrzeuge nicht tausende von Arbeitsplätzen?, fragten die Betriebsräte zwischen Neckar und Schwippe. Was passiert, wenn man für die Autos keine Kolben, Motorblöcke und Zylinderköpfe mehr montieren muss? Droht dem Autostandort dann der Ausverkauf? Wandert Know-How ab?

All dies sind berechtigte Fragen aus Arbeitnehmersicht. Doch deshalb grundsätzlich gegen die Neuausrichtung zu sein, wäre mehr als verkehrt. Die Sichtweisen zwischen Management und Arbeitnehmern mögen in diesen Fragen weit auseinander liegen: Fortschrittsdrang auf der einen, Angst vor Arbeitsplatzabbau auf der anderen Seite. Und doch gelang ein erster, gemeinsamer Schritt in die richtige Richtung. Die Ansiedlung der Batteriemontage in der Region sichert Arbeitsplätze. Und, was noch viel wichtiger ist: Sie bringt Know-How und technologische Kompetenz in Sachen E-Mobilität nach Böblingen beziehungsweise Sindelfingen.

Der amerikanische Elektroauto-Pionier Tesla unter dem charismatischen Gründer Elon Musk gilt vielen als Vorreiter. Und das, obwohl der Hersteller mit seinen schnittigen Strom-Limousinen noch keinen einzigen Dollar verdient hat. Im Gegenteil: Die Anleger jubeln schon, wenn der Quartalsverlust wie zuletzt geringer ausfällt, als erwartet. Daimler, VW, Porsche und Co. dagegen eilen von einem Umsatzrekord zum nächsten - verkaufen Elektroautos aber nur in homöopathischen Dosen. Der deutsche Weg ist also einer der kleinen, wohlbedachten Schritte. Mag sein, dass viele dies als Trägheit empfinden. Doch zumindest ist man mit diesen Tippelschritten bis dato enorm erfolgreich.

Tesla kann das von sich nicht wirklich behaupten. Das lange ersehnte und mit derzeit 420000 Vorbestellungen gestartete Model 3 läuft nur äußerst schleppend von den Bändern im kalifornischen Fremont. Erst langsam nähern sich die Amerikaner ihren ehrgeizigen Zielen. Zuletzt verließen immerhin schon rund 5000 Exemplare pro Woche die sogenannte Gigafactory. Glaubt man den Medienberichten, will Tesla in den kommenden Jahren einen Produktions-Standort in Europa errichten - womöglich sogar in Deutschland. Heißt für die hiesigen Autobauer: Die Konkurrenz schläft nicht. Und sie kommt näher.