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THEMA: Das Gebaren der US-Militärs im Böblinger Gemeinderat

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VON JAN-PHILIPP SCHLECHT

Artikel vom 21. Juli 2018 - 04:33

Von großen Harmoniegefühlen kann derzeit keine Rede sein. Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika ist derzeit von inniger Freundschaft vergangener Jahre so weit entfernt, wie das Berliner Kanzleramt vom Weißen Haus: 6711 Kilometer. Bei ihrem Besuch im April überbrückte Kanzlerin Angela Merkel diese Distanz zumindest physisch: Sie war auf Staatsbesuch bei US-Präsident Donald Trump. Als die beiden vor die Weltpresse traten, sagte Merkel diesen einen sehr bedeutenden Satz, der erst bei genauem Hinsehen seine ganze Wucht entfaltet: "Diese Nachkriegsordnung ist zu Ende."

Gemeint war die Grundordnung, die jahrzehntelang die deutsche Außenpolitik geprägt hat: Die USA sind Schutzmacht von Deutschland. Die transatlantische Achse war ein Grundpfeiler der Nato und damit auch für Europa. Für die westliche Hemisphäre war sie ein Garant für den Frieden. Mit dieser unumstößlichen Gewissheit scheint es nun vorbei zu sein. Mit Donald Trump hat Europa keinen guten Freund im Weißen Haus sitzen. Im Gegenteil. Trump scheint eher mit dem russischen Präsident Wladimir Putin zu sympathisieren, auch wenn ihm das im eigenen Land immer mehr zum Verhängnis wird. Dazu passt: Der Besuch der drei Vertreter der US-Army im Böblinger Gemeinderat am Mittwoch trug auch nicht unbedingt dazu bei, das Verhältnis zu den USA wieder aufzupäppeln.

Zum einen versäumten es die drei Colonels, die anwesenden Böblinger überhaupt nur halbwegs angemessen zu begrüßen. Zum anderen ließen sie auch sonst jegliche Empathie oder nachbarschaftliche Geste vermissen. Das wäre angebracht gewesen. Die Einwohner von Böblingen und Schönaich müssen seit nunmehr 23 Jahren regelmäßig den Lärm des Geballers an den Schießständen erdulden. Es wurde zwar Abhilfe in Richtung Schönaich geschaffen. Doch dadurch wurde es in Böblingen lauter. Bedauerlich, dass das beim Bau der Barrieren nicht berücksichtigt wurde. Schließlich haben die Lärmschutz-Experten der Bundeswehr diesen Effekt vorausgesagt. Es ist aber nicht der einzige Grund, weshalb man auf warme Worte gehofft hatte.

 

Schließlich schießt die Stadt Böblingen satte 300000 Euro aus dem Haushalt zu, um neue Lärmdämmungen an den Schießständen 4 und 5 zu bauen. Das hätte sie ja nicht müssen. Schließlich ist die Stadt nicht für den Krach verantwortlich. Zu alldem kommt noch die Erkenntnis, dass es eineinhalb Jahre dauern wird, bis der neue Lärmschutz kommt. So lange benötigt das staatliche Hochbauamt in Abstimmung mit der Bundeswehr und der US-Army, um schräge Holzverblendungen zu errichten. Die Mühlen der Verwaltung mahlen eben langsam. Bleibt nur die Hoffnung, dass diese Zeit sinnvoll genutzt wird und danach endlich weniger Lärm in die Wohngebiete wabert.

 

Aufhorchen ließ die Antwort von Colonel Douglas Raddatz auf die Frage des SPD-Gemeinderats Florian Wahl. Er wollte Näheres zu Abzugsplänen wissen. Raddatz antwortete ausführlich, zeigte den Vorgang auf, der mit einem Abzug verbunden ist. Er nannte sogar eine konkrete Zeitspanne, die dafür notwendig ist: Vier bis fünf Jahre. Freilich bestätigte er diese Pläne nicht. Doch er verneinte sie auch mit keiner Silbe. Stellt man diesen Auftritt nun neben den von Angela Merkel am Freitag, erhalten Spekulationen Nahrung, wonach die Amerikaner tatsächlich ernsthaft mit diesem Gedanken spielen.

 

Es wäre eine Zeitenwende für Deutschland, ganz konkret spürbar in Böblingen. Noch gehört sie in den Bereich der Spekulation. Und wer weiß: Vielleicht ist die Idee auch nur ein weiteres Hirngespinst eines ohnehin fahrig wirkenden US-Präsidenten. Der muss sich am 3. November 2020 zur Wiederwahl stellen. Die Lärmschutzwände müssten dann schon stehen. Immerhin.