Spielsucht: Was Betroffene tun können

Innerhalb der deutschen Bevölkerung hat der Anteil an Spielsüchtigen zugenommen

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    Glücksspiel macht Spaß, kann aber auch Probleme nach sich ziehen. Aus diesem Grund sollten Spieler Alarmzeichen ernst nehmen und schnell gegensteuern. Bild: stux (CC0-Lizenz) / pixabay.com

Aus einem Bericht der Suchthilfezentren der Diakonie geht hervor, dass die Zahl der Spielsüchtigen im Land in den vergangenen Jahren angestiegen ist. Was können Betroffene tun, wenn sie bei sich selbst einen auffälligen Umgang mit Glücksspielen feststellen?

Von Jens Maier

Artikel vom 20. Mai 2019 - 13:36

KREIS BÖBLINGEN. In der Vergangenheit befassten sich unterschiedliche Institute mit der Erhebung von Spielsucht-Statistiken. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass das Problem im Laufe der vergangenen Dekade an Bedeutung gewonnen hat: So ergab eine Umfrage von TNS-Emnid im Jahre 2011 einen Anteil von 0,23 % pathologischen Spielern in der Gesamtbevölkerung, während die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Raten von 0,49 % (2012) und 0,82 % (2014) ermittelte.

Laut Zahlen von 2017 leiden 0,31 Prozent der deutschen Bevölkerung unter einem pathologischen Verhalten in puncto Glücksspiel. Hier ist das Verhältnis zwischen Männern (0,25 Prozent) und Frauen (0,06 Prozent) sehr ungleich verteilt. Ein problematisches Glückspielverhalten zeigen immerhin 0,64 Prozent aller Männer und 0,47 Prozent der Frauen. Als auffällig bewerten Fachleute das Spielverhalten von 4,43 Prozent der Männer und 3,02 Prozent der Frauen.

Während nackte Zahlen wenig aussagen, wird das Bild klarer, wenn man es auf die Bevölkerung des Landkreises Böblingen bezieht: Von insgesamt 385 888 Einwohnern entwickeln statistisch gesehen 1196 Personen ein pathologisches Spielverhalten, 2160 Personen ein problematisches Spielverhalten und ganze 14 393 zeigen auffälliges Glückspiel-Verhalten.

Mit 22 Prozent besonders hoch ist der Anteil problematischer Spieler dabei beim sogenannten „kleinen Spiel“ an den Automaten einer Spielbank. Auch Bingo weist mit 18 Prozent einen erhöhten Anteil von Spielern mit Suchtproblemen auf. Dagegen liegt deren Anteil bei Sportwetten mit 3 Prozent eher im Durchschnitt.

Was können Betroffene tun?

Wer bei sich feststellt, dass er seinen Drang zu Spielen nicht mehr unter Kontrolle hat, kann selbst Erste-Hilfe-Maßnahmen ergreifen. Auch im Kreis Böblingen existieren zahlreiche Angebote für Spielsüchtige, die Betroffene kurzfristig und unbürokratisch ergreifen können. Darunter sind folgende vielfach erprobt:

Suchthilfezentren der Diakonie

Im Landkreis Böblingen ist die Diakonie im Bereich Suchthilfe vielfach tätig geworden. So unterstützte der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche im Jahre 2015 in Leonberg eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Glücksspieler. Parallel entstanden weitere Selbsthilfegruppen an anderen Stellen. Laut Auskunft der Verantwortlichen wenden sich zu 90 Prozent männliche Betroffene an die Hilfsangebote. Obgleich hier kein weiterer Anstieg der Betroffenen-Zahlen zu beobachten ist, bewegt sich die Anzahl auf einem hohen Niveau. Etwa vor 10 Jahren verzeichneten die Anlaufstellen für Spielsüchtige noch wesentlich weniger Andrang.

Suchtberatung im Jobcenter

Suchtprobleme kommen bei ALG-2-Empfängern gehäuft vor. Etwa 25 Prozent der Betroffenen, die von der Diakonie im Kreis Böblingen beraten werden, sind gleichzeitig auf ALG 2 angewiesen. Daher kooperieren die Suchtberatungsstellen eng mit den Jobcentern. Im Idealfall ist in jedem Jobcenter des Landkreises einmal pro Woche ein Experte der Suchthilfe als Ansprechpartner präsent. Dieses Vorgehen ermöglicht Betroffenen, die Schwellenangst beim Aufsuchen eines Suchthilfezentrums empfinden, einen unkomplizierten Zugang zum Thema.

Onlineberatung

Der anonyme Weg über das Netz wird von Suchtkranken besonders gut angenommen, wenn es um Beratungsangebote geht. Hier liegt der Vorteil darin, dass den Anfragenden ein Suchthilfezentrum in ihrer direkten Wohnumgebung empfohlen werden kann. Allerdings ist das Potenzial im Landkreis Böblingen hier ausbaufähig: Im Jahre 2015 erreichten lediglich 44 Anfragen online die Suchtberatungsstelle der Diakonie. Davon hatten 14 Prozent der Fälle mit Glückspiel-Missbrauch zu tun. Ein besseres Bekanntmachen des Online-Angebots in der Bevölkerung könnte hier von Vorteil sein.

Psychotherapie

Wer kurzfristig einen Termin bei einem Psychotherapeuten vereinbaren will, sollte dies über die Terminvergabestelle der Kassenärztlichen Vereinigung tun. Hier erhalten Betroffene relativ kurzfristig Zugang zu einer psychotherapeutischen Sprechstunde, die wiederum den Übergang in eine Verhaltenstherapie oder einen stationären Aufenthalt erleichtert. Wer spielsüchtig ist, kaschiert häufig Probleme der Persönlichkeit mit seinem Suchtverhalten. Werden diese aufgearbeitet und gleichzeitig konstruktive Bewältigungsstrategien entwickelt, haben Spielsüchtige gute Chancen, ihre Sucht für immer hinter sich zu lassen.

Was können Spieler präventiv tun?

Der erste Schritt heißt hier: Informationen einholen. Denn nur wenn ein Spieler die typischen Symptome kennt, kann er sein Spielverhalten selbst einschätzen und Maßnahmen zur Prävention ergreifen.

Zu den häufigsten Symptomen von Spielsucht zählen

- die kontinuierliche Beschäftigung mit Spielen und Wetten in Gedanken

- das wiederholte Erhöhen von Geldeinsätzen

- stetige Anstrengungen, ausreichend Geldmittel für das Spielen zu besorgen, selbst wenn bereits mehr investiert wurde, als vorgesehen war

- heimliches Spielen und der Versuch, das Verhalten vor Familienmitgliedern und Angehörigen zu verstecken

- Spielen als Reaktion auf negative Emotionen wie Angst, Depressionen oder Ärger

Welche Möglichkeiten haben Online-Casinos?

Glücklicherweise bietet die Technik von heute seriösen Casinos die Möglichkeiten zur Kontrolle ihrer Spieler. Sowohl Spieler als auch Anbieter können beim Online-Spiel den Einsatz und die Spielzeit begrenzen. Dieses Limit schließt aus, dass ein Spieler mehr verliert, als er sich ursprünglich zugestanden hatte, oder dass er länger spielt, als geplant war. Darüber hinaus bieten viele Casinos an, dass sich gefährdete Spieler selbst sperren. Auf diesem Portal lassen sich die einzelnen Online-Casinos vergleichen. Dabei geht es vor allem um die Bonusbedingungen und die Spielauswahl der einzelnen Online-Casinos. In einem weiteren Schritt können Spieler auch herausfinden, was diese zur Suchtprävention beitragen.

Wer ein problematisches Verhalten bei sich diagnostiziert, kann sich von einer Plattform ausschließen und währenddessen auch nicht neu registrieren. Wie lange diese Karenzzeit währt, setzt ein Spieler selbst fest. Schließlich rufen die Anbieter dazu auf, dass Spieler auf dem eigenen PC eine Kinderschutz-Software installieren. Zwar ist das Spielen nur Personen über 18 Jahren gestattet, doch sind die Zugänge für jüngere Geschwister oder Kinder teilweise frei erreichbar. Hier müssen insbesondere Eltern darauf achten, dass ihre Kinder nicht mit Glücksspielen in Kontakt kommen.

Onlineberatungen können einen ersten Schritt auf dem richtigen Weg darstellen. Bild: Mediamodifier (CC0-Lizenz) / pixabay.com

Fazit

Auch wenn es neben Alkohol, Cannabis und harten Drogen nicht als solche erscheint – Glücksspiel kann eine Sucht sein. Doch Betroffene bekommen an vielen Stellen ganz in der Nähe ihres Wohnortes professionelle Angebote der Suchtberatung. Wer sich zu diesem Schritt überwinden kann, legt damit den Grundstein für eine suchtfreie Zukunft.