War früher wirklich alles besser? Der Check!

Wir wollen wissen, ob uns unser Gedächtnis nicht vielleicht doch einen Streich spielt

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    Früher… als das Telefon nur telefonieren konnte und alles noch so viel billiger war. Doch stimmt das überhaupt? Bild: fotolia.com © BillionPhotos.com

Früher, da waren die Autos noch Autos, Fußball noch Fußball und überhaupt alles besser? Doch stimmt das überhaupt oder sehen wir die Vergangenheit durch die rosarote Brille?

Von Robert Disselbohm

Artikel vom 13. September 2018 - 16:16

Nostalgie – nóstos und álgos, griechisch für Rückkehr und Schmerz. Die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und der Glaube, dass diese besser waren. Leiden wir nicht alle manchmal darunter? Etwa damals, als in Böblingen das erste Linienflugzeug landete. War die 1920er nicht noch eine weniger hektischere Zeit? Waren die 60er nicht noch voller „echter“ Bands, statt der heutigen Retortenmusiker? Nur allzu menschliche Gefühle Gedankengänge. Doch stimmt es auch mit den Fakten überein? Für den folgenden Artikel haben wir uns einige Punkte herausgesucht, die häufig mit Nostalgie in Zusammenhang gebracht werden.

1. Das Wetter

Sommer nasskalt, Winter ein Reinfall. Dagegen früher, was hatten wir da für Schneemengen und die Sonne schien den ganzen Sommer über, wurde aber immer mal wieder von ausreichenden Regentagen abgelöst, die dafür sorgten, dass es keine solchen Dürren wie in diesem denkwürdigen Sommer 2018 gab. Früher war das Wetter wirklich besser…oder etwa nicht?

Bild: fotolia.com © BillionPhotos.com

Nun ja, jenen, die das glauben, sollte schon ein Hit aus dem Jahr 1975 zu denken geben. Schon damals fragte Rudi Carell wehmütig „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ und hob auch auf den Winter ab. Schon vor nunmehr 43 Jahren gab es also Wetternostalgiker.

Und wem das zu trivial erscheint, dem seien die nüchternen Zahlen der Statistik ans Herz gelegt: Auch bei uns wird es immer wärmer, die Zahl der Sonnentage steigt – im Zuge des Klimawandels zwar, aber nichtsdestotrotz bessert sich das Wetter seit Jahrzehnten. Allerdings gilt das umgekehrt für den Winter. Denn die dicken Schneemengen, die klaren Frosttage, werden aus dem gleichen Grund immer weniger.

Fazit: Stimmt nicht für den Sommer, stimmt für den Winter.

 

2. Musik

Ein heißes Eisen. Schon deshalb, weil Musik(geschmack) ein enorm subjektives Feld ist. Daher schauen wir für diesen Punkt auf einen statistisch belegbaren Vorwurf: Heute gibt es viel mehr Eintagsfliegen, gecastete Bands, Retortenmusiker.

Doch die Antwort ist zweischneidig: Musiker, die nur einen großen Hit hatten, sind definitiv kein neuzeitliches Phänomen. Im Gegenteil, „Blue Suede Shoes“ von Carls Perkins (erst später von Elvis gecovert), „San Francisco“ von Scott McKenzie, „Lollipop“ von Ronald & Ruby oder auch „Do you love me?“ von den Contours sind nur einige Beispiele aus den 50ern und 60ern – gerade letzteres Jahrzehnt war ein wahres Füllhorn von Eintagsfliegen…

…und nebenbei auch von Castingbands: The Monkees etwa waren eine der ersten gecasteten Retortenbands. Ebenso die Village People ein Jahrzehnt später. Der Höhepunkt dieser künstlichen Gruppen waren freilich die Boyband-90er. Und obgleich die großen Musiker-Castingshows erst in den 00ern kamen, sieht es heute so aus, dass tendenziell nicht mehr oder weniger solcher Musiker die Charts bestimmen.

Fazit: Stimmt nicht.

 

3. Fußball

Das WM-Finale 1954, die „Wasserschlacht von Frankfurt“ bei der WM 1974. Für viele sind das die absoluten fußballerischen Höhepunkte – das 1:7 gegen Brasilien 2014? Schön zwar, aber doch nicht von einer solchen Klasse geprägt, wie damals – und vor allem auch nicht mehr mit solchen Chancen für Underdogs wie die Dänen 1992.

Letzteres lässt sich ziemlich leicht widerlegen. Denn rein statistisch betrachtet werden die Fußball-Großmatches EM und WM seit ihrem Beginn immer größer: Bis einschließlich 1976 bestand die Fußball-EM aus gerade mal vier Teilnehmern und ebenso vielen Spielen. Die WM 1954 sah 16 Mannschaften, die von 2018 hatte doppelt so viele Teilnehmer. Tendenz wohlgemerkt steigend. Das bedeutet gerade, dass mehr Underdogs in der Endrunde dabei sind, dass es mehr Überraschungen geben kann.  

Bleibt das Spielerische. Und obwohl das ein wesentlich subjektiveres Feld ist, haben die Nostalgiker nicht ganz unrecht.  Das liegt schon daran, dass die Mannschaften eines Matches oder einer Liga spielerisch viel dichter beieinanderstehen. Und es gibt wesentlich weniger „Charakterkopf-Teams“; Dinge, die es so nur in einer Mannschaft gibt, etwa den legendären Schalker Kreisel. Insofern stimmt es, dass Fußball „früher“ spielerisch durchaus spannender gewesen ist.

Fazit: Stimmt nicht für EM und WM, stimmt aber für das Spielerische.

 

4. Geld

Mit fünfzehn Mark aufgetankt, für zwei Zigaretten gezogen und mit hundert Mark fütterte man die Familie den ganzen Monat. Wenn es ans Geld geht, sind sich selbst solche Menschen, die nicht zum Nostalgischen neigen, überraschend einig: Früher war einfach alles billiger.
Bild: fotolia.com © Tomsickova

Oh je, dieser Punkt schmerzt, denn vieles davon ist höchst rosarot eingefärbt. Denn heute blicken so viele nur auf die Preise und vergleichen sie – oft genug auch einfach nur „mal zwei“, um auf den D-Mark-Kurs vor der Euro-Umstellung umzurechnen. Keine gute Ausgangsbasis. Fangen wir mit der Umrechnung an: Dass die D-Mark verschwand, ist bald 18 Jahre her. Wer sich da heute im Supermarkt ein Pfund Butter zu 1,75 Euro ansieht und kopfschüttelnd denkt „Dreimarkfuffzisch für Butter…“ macht schon deshalb einen Fehler, weil er 18 Jahre normale Inflation außenvor lässt. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt, wenn man die oben erwähnten fünfzehn Mark durch zwei teilt und dann glaubt, dass man für 7,50 Euro einen Tank hätte füllen können.

Und dann lässt der Vergleich des reinen Kaufpreises etwas enorm Wichtiges außeracht: die Löhne, genauer gesagt die Kaufkraft pro Lohnminute. Wie lange musste man früher für ein Paar Schuhe arbeiten, wie lange heute? Betrachtet man die Preise nämlich aus dieser realistischen Sichtweise, wird es wirklich krass. 1960 musste man für eine Flasche Bier 14 Minuten arbeiten – heute weniger als drei. Die Waschmaschine verlangte gar 215 Stunden Plackerei, heute nur 27. Und egal welche Dinge man sonst anschaut, für alle musste man früher länger arbeiten, sie waren nominell wesentlich teurer. Deshalb auch:

Fazit: Stimmt nicht.

5. Autos

Borgward Isabella, Mercedes Pagode oder gleich die zeitlos-nüchterne Coolness eines 560SEC. Früher hatten Autos einfach mehr Charakter, waren weitaus eigenständiger (natürlich auch günstiger) und hatten mehr Rasse. Kurzum: Früher waren Autos einfach irgendwie besser.

Nun ja, falsch ist das nicht, wenn man die Aspekte ins rechte Licht rückt. Denn Fakt ist, dass natürlich für jeden Autobauer die gleiche Physik gilt. Bedeutet, wenn alle Hersteller lange genug (seit nunmehr über hundert Jahren) in Richtung von Verbrauchsoptimierung, geringen Außen- aber großen Innenabmessungen, Crashsicherheit usw. entwickeln, ist es eben unvermeidlich, dass heute den Autos eigenständige Charaktermerkmale fehlen. Wo man früher auch ohne Blick aufs Herstellerschild einen Benz von einem BMW und beide von einem Toyota unterscheiden konnte, haben sich die Modelle heute optisch aufgrund der Physik viel stärker einander angenähert.


Bild: fotolia.com © ValentinValkov

Hinzu kommt, dass die meisten Autohersteller heute Global Player sind. Sie müssen die Designs also für ein extrem großes Publikum anpassen. Zumindest bei den großen Volumenbaureihen bleibt da kein Raum mehr für designtechnischen Wagemut; da ist einfach das Risiko zu groß, dass das auf irgendeinem Markt nach hinten losgeht.

Allerdings gilt dieser Kritikpunkt wirklich nur fürs Design: Bei allem anderen, sei es nun Komfort, Sicherheit, Verbrauch oder Leistung schmieren alte Autos, egal wie gut sie dabei aussehen, gnadenlos ab. Kleine Kostprobe gefällig?

Die erste offizielle S-Klasse, der Mercedes W116, holte in der stärksten Ausführung 450 SEL 6,9 aus knapp 6,9 Litern Hubraum 286PS und 550Nm Drehmoment – bei einem kombinierten Verbrauch von 20 Litern Super.

Das Topmodell der aktuellen S-Baureihe W222 S600 holt aus 6 Litern Hubraum 530PS, 830Nm und braucht dafür „nur“ 11Liter

Und was die Ausstattung bzw. Sicherheit anbelangt, muss man kein Experte sein, um sich vorzustellen, dass sich zwischen 1972 (Einführung W116) und 2013 (W222) enorm viel getan hat.

Fazit: Stimmt beim Design, stimmt aber nicht bei Ausstattung, Leistung, Sicherheit und Verbrauch.