Spezialkamera eröffnet neue Welten

Der Böblinger Tibor Dana geht mit der Ein-Mann-Firma "Get Vizuel" an den Start: Mit einer speziellen 360-Grad-Kamera bannt er Räume in dreidimensionale Bilder. Damit lassen sich die fotografierten Objekte später betreten - in der virtuellen Welt.

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    3D-Ansicht der Alamannen-Apotheke in Holzgerlingen: Nutzer können das Ladengeschäft virtuell betreten Grafik: Get Vizuel/Tibor Dana

Artikel vom 26. November 2020 - 17:48

Von Jan-Philipp Schlecht

BÖBLINGEN. Tibor Dana schwebt von oben heran. Mit seiner Computermaus steuert er auf die Alamannen-Apotheke in Holzgerlingen zu. Die erscheint am PC-Bildschirm zunächst wie eine Puppenstube, dann wie ein 3D-Modell und plötzlich steht man mittendrin. "Dank der Technik können wir jetzt virtuell durch die Apotheke laufen", sagt der 40-Jährige. Dabei sitzt er am Schreibtisch seines Büros in der Böblinger Bahnhofstraße. Die Apotheke in Holzgerlingen ist zwar Luftlinie rund fünf Kilometer entfernt. Und doch steht man in diesem Moment mittendrin.

Per Mausklick lässt sich mühelos durch den Verkaufsraum gleiten, sogar jedes einzelne Produkt im Regal ist gut erkennbar. Möglich macht das eine Spezialkamera, mit der Dana die Apotheke vorher aufgenommen hat. Dana: "Dafür muss ich das Gerät an mehreren Punkten im Raum platzieren und jeweils 360-Grad-Bilder aufnehmen. Eine Aufnahme dauert 18 Sekunden." Der Clou: Neben den Bildaufnahmen scannt das Gerät per Infrarot-Messung auch gleich den Raum - und erhält so einen exakten Grundriss. Abweichung: maximal ein Prozent.

Per Software lassen sich am Computer später die gesammelten Daten zusammensetzen. Es entsteht ein perfektes 3D-Abbild der Räumlichkeiten, die sich - vergleichbar mit Googles Streetview-Technik - bequem am Bildschirm erkunden lassen. Dana war von Anfang an von dieser Technik fasziniert. Und das, obwohl er eigentlich aus der Druckbranche kommt. Bis 2010 steht der gebürtige Böblinger in den Diensten einer Druckerei im Kreis Böblingen, bis er sich selbstständig macht.

Technisch zunächst noch einfacher gestrickt, fotografiert er auch öffentliche Plätze und setzt sie händisch zusammen. Doch die technologischen Sprünge sind gewaltig, und so investiert er vor drei Jahren in die Spezialkamera. Warum? "Weil wir heute alles sehen wollen", ist seine einfache Antwort. "Viele Kunden suchen heute vor dem Einkaufen erstmal auf ihrem Handy nach dem Geschäft", sagt er. Dabei sei es dann entscheidend, dass dieses gut auffindbar und vor allem sichtbar sei.

Bedeutet: Die Kunden von heute betreten einen Laden gerne vorher virtuell und wollen wissen, wie es dort genau aussieht, bevor sie in realiter hinfahren. Das zeigt Dana auch anhand von statistischen Daten. Kürzlich hat er für ein Böblinger Optik-Fachgeschäft dessen Online-Auftritt optimiert. Und siehe da: Die Online-Zugriffszahlen stiegen deutlich an. Die meisten davon gehen auf das Konto der Fotoaufrufe. "Keiner hat heute mehr Lust, lange Texte zu lesen. Viele wollen nur noch Bilder sehen", sagt der Digital-Experte. Dreh- und Angelpunkt sei dabei der Suchmaschinen-Riese Google, über den weit über 90 Prozent aller Suchanfragen laufen.

Dana: Google nicht der Feind der Einzelhändler - im Gegenteil

Trotzdem sieht Dana diesen nicht als Feind des Einzelhandels, sonder als wichtigen Unterstützer. "Google macht so viel und verbindet alles miteinander", sagt er. Und sieht sich als Ansprechpartner gerade für den Einzelhandel, der derzeit eine extrem schwere Phase durchmache. Umso mehr freue es ihn, wie aktiv der Gewerbe- und Handelsverein auf der Schönbuchlichtung auf diesem Feld sei.

Mit einem eigenen Online-Shop und Lieferservice am gleichen Tag hätten es die Händler trotz Corona-Krise geschafft, Umsätze zu generieren oder sogar zu steigern. Dana will mit seinen Bildern daran mitwirken und hat schon die nächste Idee im Kopf: "Wir können sogar schon so weit gehen, dass die Kunden einzelne Artikel in dem 360-Grad-Bild anklicken und direkt bestellen können." Das käme dem realen Einkaufserlebnis noch mal ein Stück näher.