Reisser investiert in Böblingen Millionen

Nach einem verheerenden Brand im Zentrallager machte das Böblinger Sanitärunternehmen Reisser aus der Not eine Tugend: Mit der neuen Halle will das Unternehmen seine Arbeitsabläufe vereinfachen und so in die Branchen-Oberklasse aufsteigen.

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    Die Lagerregale bei Reisser türmen sich in den neuen Hallen mancherorts bis auf 14 Meter in die Höhe Fotos: red
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    Vieles läuft automatisch, der Mensch greift bei Problemen ein
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    Eine Mitarbeiterin navigiert die Technik per Touchscreen

Artikel vom 05. August 2020 - 19:00

BÖBLINGEN (red). Der Brand des Zentrallagers im Jahr 2014 hatte das Logistikunternehmen Reisser vor eine große Aufgabe gestellt: Wie geht es weiter? Um die Lieferprozesse aufrecht zu erhalten, wurden externe Lagerhallen angemietet und am Standort in Böblingen alle Ressourcen ausgenutzt. Was soll ein neues Logistikzentrallager leisten, damit sowohl Kunden bedient werden als auch Mitarbeiter effizient arbeiten können?

2016 erfolgte der Spatenstich für ein neues Logistikzentrum, bereits im Sommer 2018 war der erste Bauabschnitt abgeschlossen. Dabei wurden 1200 Fertigteile und 2100 Tonnen Betonstahl verarbeitet. Zwischenzeitlich ist auch der zweite Bauabschnitt fertiggestellt und sämtliche Logistikflächen sind in Betrieb genommen, gibt das Unternehmen in einer Pressemitteilung bekannt. Daneben wurden im fünfstöckigen Verwaltungsgebäude die Disposition sowie Sanitär- und Schulungsräume eingerichtet.

"Wir haben einen Quantensprung gemacht. So viel Geld wurde in der gesamten Firmengeschichte noch nicht in die Hand genommen", sagt Thomas J. Buck, Bereichsleiter Logistik, Fuhrpark und IT. Die Investitionen belaufen sich auf eine zweistellige Millionenhöhe. Dem Unternehmen zufolge hat die Modernisierung "enorme Auswirkungen für die zukünftige Ausrichtung" des Großhandelsunternehmens. Automatisches Kleinteilelager, SAP-Dialog, Multifunktionale Arbeitsplätze. Das sollen nur einige der Neuerungen sein, die das neue Logistikzentrum des Unternehmens bietet. Das Unternehmen zählt sich damit zu den "modernsten und größten der Branche".

Mitarbeiter sollen an allen Orten auf IT-Hilfen zugreifen können

Der Konzern wurde 1871 in Stuttgart-Untertürkheim gegründet. Fünf Tochtergesellschaften formen heute zusammen die Reisser Gruppe in Familienhand. Das Unternehmen mit heutigem Stammsitz in Böblingen ist spezialisiert auf Bad- und Sanitärausstattung, Installations- und Heizungstechnik und deckt mit seinen etwa 1800 Mitarbeitern an mehr als 50 Standorten das gesamte Spektrum der Haustechnik ab.

38 000 Quadratmeter ist der neue Gebäudekomplex groß, der aus mehreren Lagerbereichen besteht. Herzstück soll das automatische Kleinteilelager sein: Zwei Drittel der Gesamtartikel lagern an den 114 000 Behälterplätzen, vom Dichtungsring bis zur Armatur. Ob Einlagerung oder Kommissionierung: Die weitestgehend automatisierten Abläufe sorgen der Firma zufolge für eine sichere Auftragsabwicklung und kurze Reaktionszeiten. 25 systemgesteuerte Shuttles bewegen sich über die Förderstrecken in fünf Gassen auf jeweils 38 Ebenen, bringen und holen die Waren vom und zum Lagerplatz.

Die Mitarbeiter an den 16 Arbeitsplätzen haben digitale Zugriffsmöglichkeiten und kommunizieren mit der Anlage per Touchscreen. Mit IT-Infrastruktur will das Unternehmen die Abläufe verschlanken. Beispiel Langgutlager: Was länger als 1,50 Meter ist, findet hier seinen Platz - momentan rund 600 Artikel, davon primär Rohre. In Kassetten wird die Ware aufbewahrt, jede davon ist 6,70 Meter lang und kann mit bis zu drei Tonnen belastet werden. Technische Unterstützung herrscht auch in diesem Warenlager. "Wenn sich das zentrale Warenbediengerät in Bewegung setzt, ist technische Präzision im Einsatz", sagt Buck.

So soll der Lieferservice verbessert werden: Aus dem Zentrallager heraus werden alle Niederlassungen versorgt, über den Nachtsprung ist es sogar machbar, dass bis 18 Uhr eingegangene Bestellungen schon am nächsten Tag um 5.30 Uhr an den Kunden ausgeliefert werden. Auch der Grad der Warenverfügbarkeit wurde im Rahmen der Logistikprozesse überarbeitet. Versorgungsartikel lägen nun auf Lager und eine Erweiterung im Artikelspektrum sei jederzeit möglich. Buck: "Das steht und fällt mit der Zentrallagerlogistik. In Sachen Schnelligkeit und Zuverlässigkeit sind wir jetzt noch breiter aufgestellt." In laufenden Projekten geht es für das Unternehmen nun um die Vernetzungen der einzelnen Standorte und die Optimierung der Logistik in den Niederlassungen.

Spezielle Fahrzeuge ersparen lange Fußwege in den Hallen

Die Neuerungen sollen auch den 120 Mitarbeitern im Logistikzentrallager zugutekommen. Wie das Unternehmen angibt, mussten vorher bestimmte Abschnitte noch draußen bei Wind und Wetter erledigt werden. Nun wird komplett in temperierten Hallen gearbeitet - inklusive Fußbodenheizung. Die langen Distanzen erledigen die Mitarbeiter mit elektrischen, speziellen Fahrzeugen, die auch in fünf Meter Höhen reichen. Wo früher die Logistikarbeiter mit Pickzetteln los liefen und mit dem Kugelschreiber einen Haken auf dem Formular setzten, helfen heute Mobile Scanner. "Das Arbeiten wurde extrem erleichtert", sagt Buck. Manuelle Palettenregale, Hochregale, Kragarmregale - für jedes Produkt hat die Firma einen bestimmten Platz bestimmt.

Die Regalrahmen türmen sich bis 14 Meter in die Höhe. "Wir bilden hocheffiziente Logistikprozesse ab und werden damit nicht nur den Anforderungen des Marktes gerecht, sondern können auch flexibel auf die Bedürfnisse unserer Kunden reagieren", verspricht Buck. Tätigkeiten, die vorher outgesourct waren, sollen jetzt wieder im Haus erledigt werden, beispielsweise Set-Bildungen aus Waschtisch, Armatur und Zuleitungen. "Wir sind in die Oberklasse der Logistik aufgestiegen", sagt Buck.