"Die Welt öffnet sich vorsichtig"

Das Interview: Wie verreist man in einem Jahr, das durch die Corona-Pandemie geprägt ist? Die Expertin Petra Meyer vom Unternehmen TTS Trautner-Touristik gibt eine Einschätzung ab, was von dieser Urlaubssaison zu erwarten ist.

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    Einfach in den Flieger steigen und verreisen ist dieses Jahr nicht drin. Möglichkeiten, sich andernorts zu erholen, gibt es aber zu Genüge Foto: Archiv

Artikel vom 09. Juli 2020 - 18:18

Von Martin Dudenhöffer

KREIS BÖBLINGEN. Weltweit gibt es nur wenige Völker, die so fleißig reisen, wie die Deutschen. Auch im letzten Winkel der Erde trifft man sonst auf deutsche Touristen. In diesem Jahr wird bekanntlich alles anders sein. Das Stuttgarter Unternehmen TTS Trautner-Touristik veranstaltet seit zehn Jahren für die Kreiszeitung die Leserreisen. Die geschäftsführende Gesellschafterin Petra Meyer erklärt im Interview, was von dieser Urlaubssaison zu erwarten ist.

Frau Meyer, wie waren die vergangenen drei Monate für Sie und die Branche?

Es ist fast wie in einem schlechten Traum. Das Corona-Virus zwingt uns alle in die Knie. So etwas haben wir in unserer über 35-jährigen Firmengeschichte noch nicht erlebt. Die Situation ist für uns Touristiker eine starke Belastung. So ist es schmerzlich, wenn man eine Reise nach der anderen absagen muss.

Wie ist denn die derzeitige Lage auf dem Reisemarkt?

Für die Branche stellt die aktuelle Lage wirtschaftlich eine noch nie dagewesene Herausforderung dar. Viele fürchten um ihre Existenz. Für uns zahlt sich jetzt aus, dass wir als schwäbisches Kleinunternehmen umsichtig agiert haben und finanziell gesund sind. Wir sind nach wie vor optimistisch und flexibel.

Spüren Sie eine große Verunsicherung bei den Kunden?

Zweifellos sind einige Kunden sehr verunsichert. Nicht nur wegen der Angst, sich anzustecken, sondern auch, dass sie an ihrem Urlaubsort auf sich gestellt sind. Dies ist nur bedingt richtig. Bei Pauschalreisen hat der Reiseveranstalter für eine Rückbeförderung zu sorgen. Auch befürchten viele, dass sie bei Absagen ihr Geld nicht zurückerhalten. Hier gibt es leider viele negative Beispiele in der Branche. Von uns erhalten alle nach einer coronabedingten Stornierung ihre Anzahlung erstattet, sofern nicht umgebucht werden kann. Wir bieten auch die Möglichkeit, gebührenfrei auf nächstes Jahr umzubuchen. Momentan gibt es viele Menschen, die das eigene Zuhause genießen. Es kommt wohl immer auf die Länge dieses Zeitraums an, denn irgendwann muss jeder einmal raus. Das sagen auch Experten, und ich teile die Meinung.

Ist Urlaub in Deutschland mehr gefragt?

Auch wenn nun die Grenzen für die meisten europäischen Ziele wieder offen sind, werden nicht alle ins Ausland verreisen. Fast ein Drittel will laut Umfragen seinen nächsten Urlaub in Deutschland verbringen. Die Nachfrage wird also steigen.

Welche Art von Urlaub ist im Moment besonders beliebt?

Es kommt auf die Zielgruppe an: Bei Individualreisenden steigt die Zahl der Campingurlauber. Jüngere Urlauber bevorzugen derzeit Kurztrips wie Radtouren oder Aktivurlaube. Besonders bei der älteren Generation sind die Anforderungen an ihre Reisen durch Corona geprägt. Die Mehrheit hier legt großen Wert auf organisierte Reisen, wie wir sie anbieten und bei welchen die Sicherheits- und Hygiene-Aspekte erfüllt werden und erfahren Reisebetreuer sich um sie kümmern.

Welche Länder sind trotz Corona möglich?

Auch wenn wir noch immer von der Normalität entfernt sind, die Welt öffnet sich vorsichtig. Nach Aufhebung der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für nahezu alle europäischen Länder bieten wir unsere für Herbst geplanten Reisen an, so zum Beispiel Sardinien, Krakau und die Hohe Tatra in Polen, Südtirol, das wieder weitgehend coronafrei ist, oder Zentralspanien.

Wie werden die Sommerferien dieses Jahr aussehen?

Familien mit schulpflichtigen Kindern, die auf die Sommerferien angewiesen sind, ziehen Nahziele vor. So sind Appartements an der Nord- und Ostsee im Juli und August bereits zu über 90 Prozent ausgebucht. Auch am Bodensee und anderen Seen werden Unterkünfte knapp. Dasselbe gilt für den Campingmarkt, der vorher bereits boomte. Es ist abzusehen, dass die Badestrände und Freizeiteinrichtungen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen werden.

Welchen Ausblick können Sie für Ihr persönliches Geschäft wagen angesichts der anhaltenden Pandemie?

Viele behaupten, dass sich das Reisen durch die Krise dauerhaft verändern wird. Daran glaube ich nicht. Ich habe in 40 Jahren Berufserfahrung die Ölkrise, Tschernobyl, den Golfkrieg 1991 und die Anschläge vom 11. September erlebt. Immer wurden massive Einschnitte prognostiziert. Auch jetzt sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels. Wir arbeiten schon an unserem Reiseprogramm 2021. Durch Corona haben wir wieder festgestellt, wie facettenreich Deutschland und Europa sind. Nun hoffen wir, unseren Gästen bald wieder ihre Reiseträume erfüllen zu können - nach dem Motto: "Auch Corona hat ein Verfallsdatum. Der nächste Urlaub kommt bestimmt!"