"Dr. Internet" löst kein Schlafproblem

Jürgen Körner spricht am 10. Mai über die "Kraftquelle Schlaf" - und im Vorfeld mit der KREISZEITUNG

Ein halbes Leben lang befasst sich Jürgen Körner (53) schon mit dem Thema Schlaf. Der Begründer der Sindelfinger Schlafschule gilt als Experte, was die Nacht aus Menschen macht. Am 10. Mai hält er darüber einen Vortrag - und ist im Interview mit der KRZ eines: hellwach.

Artikel vom 27. April 2016 - 17:48

Von Siegfried Dannecker

Herr Körner, der moderne Mensch wird immer ruheloser. Moderne Medien, Dauerbeschallung, Dauerbeleuchtung, Dauerstress im Job, in der Familie: Wird Ihr Publikum mit Schlafstörungen in letzter Zeit jünger?

Ja, leider. Es sind längst nicht mehr nur ältere Semester, die unter Schlafentzug leiden, die nicht mehr richtig regenerieren. Die "Digital Natives" zwischen 16 und 29 haben zunehmend Störungen mit dem vegetativen Nervensystem. Kein Wunder, wenn einer um elf abends noch im Fitnessstudio den Körper auf Hochtouren bringt oder am PC hockt. Das blaue Licht von Smartphones, Laptop und Computer reduziert das unverzichtbare Einschlafhormon Melatonin. Bluthochdruck schon bei Schulkindern kommt nicht nur von der Ernährung. Es kommt auch aus diesem Verhalten.

 

Vorhin hatten Sie hier in Ihrem Geschäft Betten-Körner aber einen älteren Mann zur Beratung, der sah nicht nach exzessiver Mediennutzung aus - und hat auch Schlafprobleme.

Ja, dieser Senior ist ein gutes reales Beispiel. Radler, topfit, kein Übergewicht, keinerlei Herzprobleme. Und doch hat er neurologische Ausfallerscheinungen, eingeschlafene Hände etwa, pelzige Füße. Ihm ist Vitamin B 12 angeraten worden, was ihm vermutlich nicht helfen wird.

 

Was haben Sie ihm empfohlen?

Ein neues Bett. Seine Matratze ist acht Jahre alt. Das ist schon grenzwertig. Schlimmer ist sein Lattenrost - um die 30. Da wundert mich nichts. Vor allem kam bei der Bettenberatung ans Tageslicht, dass die Probleme und Ausfallerscheinungen immer nur in der Nacht oder nach dem Aufstehen da sind, also ein direkter Zusammenhang mit dem Liegen und Schlafen besteht. Ich schätze, dass 40 Prozent aller Patienten beim Orthopäden mit Problemen - Blockaden und Fehlstellungen - von der Halswirbelsäule bis zum Tinnitus eigentlich ein liegetechnisches Problem haben. Lägen die nachts anatomisch für Sie jeweils optimal, hätten die Orthopäden leerere Wartezimmer. Der Mensch hat sieben Hals-, zwölf Brust- und fünf Lendenwirbel. Jeder einzelne davon hat eine Zuordnung zu einem Organ. Liegt man hier schlecht, kann es zu Befindlichkeitsstörungen kommen - bis hin zu Symptomen, die einem Herzinfarkt ähneln.

 

Gutes Stichwort. Wer dauerhaft schlecht schläft, ist diesbezüglich auch viel stärker gefährdet, oder?

Genau. Viele Schlafstörungen kommen schleichend. Sind sie erst mal massiv da, steigen die Risiken von Herz-/Kreislauf-Störungen, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall. Wessen innere Uhr aus dem Gleichgewicht ist, wer nicht mehr runterkommt, nicht richtig ein- und durchschläft, verkürzt nachweislich sein Leben. Das besagen schlafmedizinische Langzeitstudien.

 

Sie haben ein Buch geschrieben, das Ihre Erfahrungen aus 26 Jahren bündelt und viele - auch lustige - Alltagsfälle schildert. Fünf Monate Arbeit stecken darin. Hatten Sie deshalb schlaflose Nächte?

(Lacht) Nein, überhaupt nicht. Es konnte nur sein, dass ich morgens um fünf einen guten Einfall hatte und an den Schreibtisch bin. Ich bin ein Lerchen-, kein Eulentyp, also Frühaufsteher. Aber ob Lerche oder Eule. Ein Drittel des Lebens braucht man guten, gesunden Schlaf. Der raubt einem nix. Der gibt einem was - Lebenskraft, Lebensqualität!

 

Was ist mit dem Nickerchen, dem Mittagsschläfle, neudeutsch: Power-Napping?

Unbedingt. Das mache ich, wenn es geht, seit 30 Jahren. Aber höchstens zehn, 20 Minuten, sonst fängt der Tiefschlaf an. Dann wird's kontraproduktiv und unser Kreislauf kommt nicht mehr auf Touren.

 

Sie sagen in dem Buch provokativ, Ein- und Durchschlafstörungen machten dick, dumm und krank.

Das ist auch so. Wenn nachts nicht die nötige Zellregeneration stattfindet und Stresshormone ausgeschüttet werden, entstehen Hungergefühle, wird das Hirn nicht mehr aufgeräumt und der Blutdruck fährt nicht runter. Im Extrem kann das eine um fünf bis sieben Jahre kürzere Lebenserwartung nach sich ziehen.

 

Was ist mit Hausmittelchen?

Baldrian, Hopfen, Melisse . . . - die sanfte Pflanzentherapie reicht bei den meisten Menschen mit Schlafstörungen nicht mehr. Die müssten das literweise in sich rein kippen. Übrigens kennt man in der Wissenschaft 88 mögliche Schlafstörungen. Hier macht es Sinn, sein Schlaf-Wach-Verhalten zu analysieren und Grundregeln der sogenannten Schlafhygiene zu beachten. Überhaupt sind Regelmäßigkeiten beim Zu-Bett-Gehen und Aufstehen oder auch gezielte Zeitinseln am Tage sehr wichtig.

 

Viele googeln irgendwann angesichts des Leidensdrucks.

Stimmt. Aber "Dr. Google" und "Dr. Internet" ist die falsche Medizin. Da kriegen Sie eine Million Treffer und wissen hinterher erst recht nix.

 

Dann doch besser in Ihren Vortrag kommen?

Ich kann dort natürlich nicht auf alles eingehen, was ich auf 312 Buchseiten schildere. Aber die Natur, Architektur des Schlafes erklären. Wie sich bei gutem Schlaf die Zellen erneuern, die Festplatte geleert, das Gedächtnis gefestigt wird. 30 Prozent der Schlafstörungen sind organisch bedingt - Stichwort Atemaussetzer -, 70 Prozent kommen aus dem internistischen, neurologischen Bereich.

 

Apropos Schlafapnoe: Da raten Mediziner zur Maske.

Weil sie nach wie vor Goldstandard bei der Therapie von schlafbezogenen Atmungsstörungen ist, für eine kontinuierliche Sauerstoffsättigung sorgt und damit Langzeitrisiken wie Tagesmüdigkeit, Schlaganfall und Herzinfarkt verhindern kann.

 

So mancher schläft schlecht, weil neben ihm jede Nacht ein ganzer Wald abgeholzt wird?

Oh ja, insbesondere sensible Schläfer leiden neben solchen Holzsägewerken mit bis zu 90 Dezibel. Da helfen getrennte Betten, wie das immer mehr Eheleute auch tun. (Schmunzelt) Das Liebesleben leidet dadurch nicht.