Von SV Böblingen mitinitiierter Hilferuf der Sportvereine an die Politik

In ihrem Offenen Brief mahnen 50 Vereine an, dass der zweite Lockdown ihre Probleme erheblich verschärft.

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Artikel vom 24. November 2020 - 19:08

■ „Mehr als 50 Sportvereine haben intensiv über die Folgen und Auswirkungen der Corona-Pandemie beraten. Dabei wurde deutlich, dass sich mit dem zweiten Lockdown die Probleme so gut wie überall massiv verschärft haben. Wir sind überzeugt davon, dass dies auch bei vielen kleinen und mittleren Vereinen der Fall ist. Wir wissen auch, dass sich die Welt und unser Land seit vielen Monaten im Ausnahmezustand befinden und noch einige Zeit befinden werden. Die Corona-Krise verlangt uns allen enorm viel ab. Der organisierte Sport hat alle notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie solidarisch mitgetragen und in beeindruckender Weise umgesetzt. Wir werden dies auch weiter tun, denn gerade wir im Sport wissen, wie wichtig es ist, sich an Regeln zu halten. Regeln sind eben nicht nur eine Beschränkung der individuellen Freiheit, sondern vor allem Voraussetzung für ein faires sowie rücksichts- und verantwortungsvolles Miteinander in unserer Gesellschaft – in der Pandemie gilt dies mehr denn je.


■ In diesem Bewusstsein haben unsere Ehrenamtlichen mit sehr großem Aufwand Hygienekonzepte erstellt, Desinfektionsmittel organisiert, Sportgruppen aufgeteilt, etc. Umso mehr hat uns die politische Entscheidung von Bund und Ländern am 28. Oktober, mit dem Lockdown „light" für den Sportbetrieb in den Vereinen einen harten Lockdown zu erlassen, schwer getroffen. Dessen Notwendigkeit den Ehrenamtlichen zu vermitteln, nachdem diese freiwillig so viel Zeit und Energie investiert haben, um einen Trainings-, Wettkampf-und Spielbetrieb unter Pandemie-Bedingungen auf die Beine zu stellen, ist überaus schwierig. Dass unsere wichtige gesellschaftliche Arbeit gerade in den Bereichen Kinder und Jugendliche wie auch Gesundheit bei der Lockdown-Entscheidung allein dem Freizeitbereich zugeschlagen wurde, schmerzt uns sehr. Ebenso schmerzt uns die Tatsache, dass in der öffentlichen und politischen Diskussion richtigerweise viel von den verheerenden Auswirkungen auf Gastronomie, Tourismus, Kunst und Kultur die Rede ist, die Folgen für den Breitensport und dessen gemeinnützige Vereine aber kaum thematisiert werden.


Ehrenamt: Bei vielen Ehrenamtlichen in den Sportvereinen sitzt die Frustration durch die unvermeidliche Untätigkeit als auch die Perspektivlosigkeit mittlerweile tief. Und so erreichen uns im zweiten Lockdown zunehmend Stimmen auch von langjährigen Funktionsträgern, die sich ein Leben ohne Ehrenamt vorstellen können. Nach den anstrengenden Corona-Monaten hat die Motivation fürs ehrenamtliche Engagement stark gelitten, bei manchem hat auch eine Entwöhnung vom Sportverein eingesetzt. Das ist aus menschlicher Sicht für uns nachvollziehbar. Aus Vereinssicht bereitet es uns enorme Sorgen. Es sollte daher unser aller Ziel sein, dass Baden-Württemberg auch nach Corona ein Spitzensportland, Sportvereinsland und Ehrenamtsland ist. Deshalb müssen wir dieses Thema jetzt gemeinsam anpacken und nicht erst dann, wenn die Vereinsarbeit zurückgefahren werden muss, weil Ehrenamtliche reihenweise ihr Engagement aufgegeben haben.


Kinder und Jugendliche: Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr sind Kindern und Jugendlichen viele Bewegungsräume und -möglichkeiten genommen worden. Damals ließ die Jahreszeit wenigstens regelmäßiges Bewegen an der frischen Luft zu. Das ist im Winter ohnehin um einiges schwerer. Da jetzt aber auch noch der Sport im Verein fehlt, dürfte sich der Bewegungsmangel des Nachwuchses erheblich verschärfen. Wenig verwunderlich ist daher, dass viele Eltern uns gegenüber ihr Unverständnis geäußert haben, dass der Kinder- und Jugendsport auf unbestimmte Zeit pausieren muss, während die baden-württembergische Corona-Verordnung für Kinder- und Jugendarbeit zahlreiche Angebote mit pädagogischem Charakter zulässt, etwa im kulturellen Bereich. Uns ist klar, dass in dieser Pandemie nicht für alle und alles die gleichen Regeln gelten können. Aber dennoch möchten wir einen großen Wunsch äußern: Sobald die Entwicklung der Infektionszahlen es erlaubt, sollte angesichts der wichtigen sozialen Arbeit und der wichtigen Bildungsarbeit der Vereine im Nachwuchsbereich gerade der Kinder-und Jugendsport schnellstmöglich wieder zugelassen werden.


Sport und Gesundheit: Sport ist gesund für Körper und Geist und trägt maßgeblich zur Prävention von Krankheiten bei – und das in jedem Alter. So ist es nicht überraschend, dass die Sport-Motivation vieler Menschen genau darin liegt, etwas Wirkungsvolles für ihre Gesundheit zu tun. Gerade jetzt in den Corona-Wintermonaten wäre es angebracht, alles zu ermöglichen, was die Widerstandskraft und Abwehrkräfte des Körpers erhöht. Stattdessen ist das Gegenteil passiert. Deshalb sind wir mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann einer Meinung: „Gerade in der nun bevorstehenden schwierigen Phase kann und wird der Sport weiterhin Teil der Lösung und nicht des Problems sein.“ Teil der Lösung sind unsere Sportvereine auch, wenn es darum geht, die Lebensstil-Epidemie einzudämmen, von der die Wissenschaft inzwischen spricht. Dass in der Corona-Pandemie gerade Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes- und Herz-Kreislauf-Beschwerden besonders gefährdet sind, sollte uns vor Augen führen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. Die Sportvereine können hierzu einen sehr wichtigen Beitrag leisten.


■ Wünschenswert wäre, gemeinsam Zukunftsperspektiven für den Sport im Land zu schaffen. Im ersten Schritt würde es sehr helfen, wenn bald verbindliche Entscheidungen über die Verlängerung der Soforthilfe Sport ins kommende Jahr und deren finanzielle Ausstattung getroffen würden – zumal die Soforthilfe für sehr viele Vereine das einzige infrage kommende Hilfsprogramm darstellt. Zudem gehen inzwischen auch jene Vereine, die ihre Ausgaben weitestgehend aus Mitgliedsbeiträgen und Einnahmen von Veranstaltungen bestreiten, davon aus, dass das Corona-Jahr 2021 finanziell erheblich schwieriger wird als 2020. Sie fürchten, Einschränkungen beim Sportangebot, aber darüber hinaus auch im Nachwuchsbereich bei sozialen Aktivitäten wie Ausfahrten oder Zeltlagern vornehmen zu müssen. Vor diesem Hintergrund wünschen wir uns auch eine baldige und zukunftsorientierte Übereinkunft beim Solidarpakt Sport. Schließlich sind die Solidarpakt-Mittel grundlegend für die Finanzierung unseres Sport- und Vereinsalltags und sorgen seither für Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Zugleich wäre es ein überaus wirkungsvolles Zeichen der Solidarität und der Wertschätzung gegenüber den unzähligen engagierten Menschen in den Vereinen.“

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