Kommentar: Play-offs? Eine sachliche, leise und innovative Diskussion

Wie soll die Saison im Amateurfußball zu Ende gespielt werden. Eine Frage, die derzeit alle Vereine beschäftigt. Die Diskussion wird von den Funktionären im Verband und den Vereinen auf einer sachlichen und innovativen Ebene geführt. Eine schöne Abwechslung, findet unser Sportredakteur Michael Stierle.

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    Die Sportplätze sind im Moment verwaist. Foto: Eibner

Von Michael Stierle

Artikel vom 21. November 2020 - 07:35

Es sieht ein bisschen nach Kaffeesatzleserei aus, dem berühmtem Blick in die Glaskugel: Wann rollt der Ball wieder? Endet der Mini-Lockdown für den Amateurfußball tatsächlich Ende November, dafür spricht angesichts immer neuer Höchststände bei den Infektionszahlen eher nicht viel, oder wird er verlängert? Und vor allem: Wie kann es danach mit der sowieso schon überdimensionierten Saison überhaupt weitergehen?

Die Meinungen der Trainer und Verantwortlichen aus den Kreisvereinen dazu sind wohltuend. Sachlich, leise, differenziert, einfallsreich und innovativ. Keine Selbstverständlichkeit heutzutage, in der es vor allem nur noch auf Lautstärke anzukommen scheint. In einer Welt, in der man mitunter das Gefühl bekommt, dass sie immer mehr aus den Fugen gerät, wenn der Präsident einer einst stolzen Nation von seiner Abwahl durch das Volk nichts wissen will, lieber Golf spielt und unsägliche Twitter-Tweets absetzt, während jeden Tag über 1000 Menschen an den Pandemie-Folgen sterben. Oder wenn, da braucht man gar nicht so streng mit dem Finger auf andere zu zeigen, Corona-Leugner in Berlin sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei liefern, ja sogar Störer auf Einladung einer Partei, die sich hinterher mit heuchlerischer Unwissenheit umgibt, in den Reichstag eindringen und gewählte Bundestagsabgeordnete bedrängen. Auch das erschüttert das Demokratieverständnis in seinen Grundfesten. Reihenweise werden überall so genannte rote Linien überschritten. Das alles lässt einen inzwischen nur noch fassungslos, ja wütend zurück. Warum sind so viele irgendwann, und vor allem warum, derart falsch abgebogen?

Das Auseinandersetzen mit anderen Meinungen, vor allem auch das gegenseitige Akzeptieren geht immer mehr verloren. Niederbrüllen statt in Ruhe diskutieren ist angesagt. Fundierte und erwiesene Fakten werden nur noch als Fake News bezeichnet, wenn sie einem nicht in den Kram passen. Umso schöner, wenn man sieht, dass es auch anders geht. Wenn Fußballverband und Vereine gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen, Modelle entwerfen, daran zum Besseren feilen. Denn eines eint schließlich alle: Die Sehnsucht nach Normalität, der Hoffnung, dass endlich wieder gekickt wird, dem Spaß im Training, dem Wettbewerb im Spiel, der Unterstützung durch die Fans. Alles Dinge, die man immer für selbstverständlich genommen hat, die einem aber durch Corona genommen wurden. Umso ehrenhafter ist es, wenn einige Vereinsverantwortliche dieses Ziel über alles stellen, es sogar für wichtiger erachten als die Ligazugehörigkeit in der kommenden Saison. Ob Kreisliga A oder B – es gibt in der Tat bedeutend wichtigere Probleme.

Diese gesunde Selbstreflexion, dieses Hinterfragen der eigenen Bedeutsamkeit würde man sich auch im großen (Profi-)Fußball wünschen. Interne Disharmonien beim DFB, der Verdacht der Steuerhinterziehung, die nach wie vor ungeklärte Herkunft von vielen Millionen im Zusammenhang mit dem Sommermärchen, überhöhte Spielergehälter, der in aller Öffentlichkeit ausgetragene Streit der Bundesliga-Vereine um die Verteilung der Fernsehgelder und jetzt auch noch dieser erbärmliche Auftritt der Nationalmannschaft beim 0:6 in Spanien – man wünscht es sich fast, dass diese Blase endlich platzt. Deshalb: Wie wäre es damit, sein Sky-Abo zu kündigen und dafür lieber sonntags bei seinem Klub vor der Haustür vorbeizuschauen, einen Euro fürs Jugendkässle zu spenden, sich eine Rote vom Grill schmecken zu lassen und ehrlichen Fußball anzuschauen? Ich meine, das wäre sinnvoll investiertes Geld. Und sparen würde man dabei auch noch.

►Was die einzelnen Funktionäre der Kreisvereine von der Idee, die Rückrunde in einem Play-off-Modus zu spielen, halten, lesen Sie hier.

►Die Idee für einen solchen Modus hatte Bezirksspielleiter Helmut Dolderer. Hier erklärt er, wie weit diese schon vorangeschritten ist.

►In der Landesliga, Staffel IV, und der Bezirksliga Bodensee wird bereits in einem solchen Modus gespielt. Hier wird erklärt, wie das funktionirt.

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