Kommentar zum Re-Start der Bundesliga

Alles eine Frage des Geldes, aber nicht der Fans

  • img
    Keine Fans im Stadion, aber die Einschaltquote stimmt - Foto: Eibner

Artikel vom 18. Mai 2020 - 18:00

Von Matthias Haug

Meine Frau ist gelernte Krankenschwester und arbeitet in der mobilen Pflege. Sie geht also einer derzeit systemrelevanten Tätigkeit nach. Heißt übersetzt: Wichtig, aber unterbezahlt. Daniel Didavi ist ein professioneller Fußballer des VfB Stuttgart und praktisch das Gegenteil. Abgesehen von seinen zweifelhaften Verlautbarungen auf Instagram, die Lockdown-Maßnahmen würden nichts bringen, konnte er am Sonntag wieder seinem Beruf nachgehen. Alle, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt bestreiten, durften sich darauf freuen. Das ist auch vollkommen in Ordnung.

Das Für und Wider zum Bundesliga-Neustart sollte sich nicht auf jene entladen, die Freude an ihrem Beruf haben und endlich wieder loslegen wollen. Wie zum Beispiel Trainer Christian Streich. "Wir wollen unbedingt Fußball spielen. Das ist unser Beruf", sagte er im Vorfeld des Spiels seines SC Freiburg bei RB Leipzig (1:1). Die Ursache des Problems sitzt in den Chefetagen. Mächtige Protagonisten wie Hans-Joachim Watzke oder Karl-Heinz Rummenigge haben frühzeitig ihr von Gier durchtriebenes Gesicht gezeigt. Die Entscheidungen und vor allem die Begründungen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) bezüglich des Neustarts haben dies bekräftigt. Fernsehgelder stünden auf der Kippe und damit die Haupteinnahmequelle für - ja für was eigentlich - Millionengehälter der Spieler, Wahnsinns-Transfersummen selbst für mittelprächtige Fußballer und den Erhalt eines von Egoismus und Protz durchtriebenen Systems. "Hätten wir nur die Hälfte der Umsätze im Profifußball, würde das Geschäft genauso gut funktionieren und der Fußball wäre mit großer Wahrscheinlichkeit kein bisschen schlechter", sagte Fußballmanager Jan Schindelmeiser (ehemals TSG Hoffenheim und VfB Stuttgart) kürzlich gegenüber dem SWR. Auch Lippenbekenntnisse wie von DFL-Chef Christian Seifert, die Krise zu nutzen, um über eine Deckelung der Gehälter und Transfersummen nachzudenken, wirken scheinheilig. Das Problem ist nicht einmal das Geld an sich, sondern die gesellschaftliche Aussage, die sich mit dem Re-Start aufdrängt: Ohne Fernsehen geht's nicht, aber ohne Zuschauer. Das heißt in anderen Worten: Ohne die Fans hat es auch schon vorher funktioniert. Natürlich sagt das keiner laut, denn ohne diese Zuschauer gäbe es kein Merchandise, keine Sky-DAZN-sonstwas-Abos, und in den meisten Stadien würde Friedhofsstimmung herrschen. So wie jetzt.

Geisterspiele, die das Fußballerlebnis zur Persiflage eines Millionenspiels verkommen lassen, sollen den Fans jetzt vor den TV-Geräten ein bisschen Normalität zurückgeben. Es hat allerdings keiner darum gebeten. Und man muss nicht einmal die Namen Kalou oder Herrlich im Kontext mit der Absurdität eines Re-Starts erwähnen, um deutlich zu machen, wie bekloppt das alles ist. Andererseits: Habe ich als glühender Anhänger des VfB auf den Ticker geschielt oder gar das kostenlose Sky-Angebot genutzt? Selbstredend. Widerspruch ist der kleine Bruder des Wahnsinns, da hat die Vernunft keine Chance.

 

 

Verwandte Artikel