Böblinger Mike Bettermann in St. Anton zwei Wochen in Quarantäne

Abenteuer am Arlberg

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    Mike Bettermann oben an der Rendl-Beachbar: Die zwangsweise verordnete Einsamkeit in der Schönheit der Natur genießen und dabei immer positiv bleiben Fotos: red

Spannende Wochen liegen hinter Mike Bettermann. Nach zwei Wochen häuslicher Quarantäne in St. Anton am Arlberg, einem der Hotspots für den Ausbruch der Corona-Krise, ist der Skiabteilungsleiter der SV Böblingen seit Montag wieder wohlbehalten zu Hause. Symptomfrei.

Artikel vom 03. April 2020 - 18:00

Von Michael Stierle

BÖBLINGEN. Vor vier Jahren bekam sein Leben eine gänzlich andere Richtung, vom IT-Projektleiter bei IBM wurde er zum Seilbahnbediensteten am Arlberg. "Man kann auch Liftboy dazu sagen", meint er mit einem Schmunzeln. Seither fährt er jeden Winter und Sommer nach St. Anton, verbindet dort den neuen, eher zufälligen Job mit seiner großen Leidenschaft. Skifahren, Berge, Wandern, Natur. Doch in der vierten Saison war alles anders.

Am 10. Dezember ging's los für ihn, später als sonst. Das große Ski-Opening war da schon vorbei, aber der Schnee hatte sich bis dahin rar gemacht. Das änderte sich erst über Weihnachten, als in kürzester Zeit ein Meter der weißen Pracht hinzukam. In der Folge strömten auch die Urlauber in den mondänen Wintersportart. Eingesetzt wurde Mike Bettermann erst einmal an der Gampbergbahn. "Einstiegsüberwachung und technische Kontrolle", beschreibt er sein Aufgabengebiet. Hört sich einfacher an, als es ist. "Eine kuppelbare Sechsersesselbahn ist technisch anspruchsvoll, kein Gast darf unbeaufsichtigt einsteigen. Da kam es nicht nur darauf an, seine Zeit abzusitzen, sondern konzentriert zu beobachten, immer nahe am Abstellknopf."

Das Glück mit seinem neuen Traumjob hält nicht lange an

Etwa bei Halbzeit seines Engagements der Wechsel: "Pistenkontrolle - eigentlich mein Traumjob!" In dem fünfköpfigen Team fiel einer aus, konnte nicht mehr selbst auf die Skier stehen. "Morgens Kontrollfahrten, um umgefallene Absperrungen und Pistenschilder wieder aufzustellen, abends das Gleiche noch einmal, damit kein Gast am Berg bleibt. Dazwischen Warten auf Rettungseinsätze." Mit dem Akia, einem Transportschlitten, oder bei besonders schlimmen Vorkommnissen sogar dem Helikopter. "50 Prozent der Unfälle sind Kollisionen, die vor allem dann passieren, wenn man sich überschätzt", erzählt er. "Noch schlimmer ist nur, wenn die Verursacher einfach abhauen." Fahrerflucht auf der Piste.

Mike Bettermann fühlte sich wohl - obwohl er über 310 Kilometer weg war von Zuhause, weg von Familie und Freunden. Bis der 13. März, auch noch ein Freitag, alles änderte. Nachmittags wurde der Arlberg zum Risikogebiet für die Ausbreitung des Coronavirus erklärt. "Eine Reisewarnung hatte es schon am 5. März aus Island für Ischgl gegeben, nachdem dort die ersten Infizierten aufgetreten waren", so Bettermann über das nicht weit entfernte Paznauntal. Und mit nachdenklicher Stimme: "Dort wurde erst einmal beschwichtigt und abgewiegelt. Die Wirte wollten das lukrative Wochenende unbedingt noch mitnehmen." Ein paar Tage später war es soweit: Um 14 Uhr wurde für Ischgl und St. Anton die Quarantäne verkündet und der Skibetrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt. Nix ging mehr. "Alle Gäste sollten so schnell wie möglich abreisen", blickt er zurück. "Wer mit dem eigenen Auto gekommen war, hatte Glück. Wer die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen musste, hatte es schwerer."

"Rette sich wer kann" hieß die Devise, chaotisch sei das alles abgelaufen. Er selbst musste noch einmal auf die Skier steigen, rauf auf die Pisten und dafür sorgen, dass alle unverzüglich nach unten kommen und ihre Hotels aufsuchen. Ungläubige Blicke waren ihm gewiss. Doch was war mit ihm selbst? Den Einheimischen? Und allen anderen Saisonarbeitern? "Die Straße wurde dicht gemacht. Viele kamen gar nicht mehr nach Hause, obwohl sie nur eine Ortschaft weiter wohnten", schüttelt er den Kopf. Nicht wenige versuchten noch, sich unkontrolliert aus dem Staub zu machen. "Für mich war es unverständlich, warum wir bleiben mussten, aber die Gäste gehen durften und das Virus in der Welt verteilten." Urlauber aus über 50 Nationen sind dort vertreten.

Dabei sind es gerade die fast ausschließlich von den Gästen besuchten Après-Ski-Partys, bei denen die Ansteckungsgefahr am größten ist. "Die Läden sind voll, die Leute sind ausgelassen und kommen sich am nächsten." Er selbst war in der Januar-Woche das erste und einzige Mal abends unterwegs. "Mit der Auflage, eine 14-tägige Quarantäne in der Heimat einzuhalten, hätte man uns genauso gehen lassen können." Doch da zählte er längst zu den Risikogruppen.

Bereits einen Tag später war es abends ziemlich leer in St. Anton, sein Wohnheim mit rund 180 Personen dafür voll besetzt. Alles Mitarbeiter der Bergbahnen und -restaurants. Sein Einzelzimmer: 14 Quadratmeter groß, immerhin mit eigenem Bad. Dazu eine gemeinschaftliche Küche und Essensräume für alle. Ziemlich beengt, wenn man unter Quarantäne gestellt wird, fast wie in einem Virusbrutkasten. Auch wenn Mike Bettermann die Situation zunächst gar nicht so sehr als belastend empfand: "In einem leeren Touristikort ist das sicher einfacher zu ertragen als in der Großstadt."

Raus aus dem Wohnheim durfte er ja. Einkaufen, spazieren gehen. "Oder unbemerkt auf den Berg, weil das eigentlich nicht erlaubt war." Oben auf der Terrasse in der Sonne sitzen, um Vitamin D zu tanken. "Die notwendige Einsamkeit in der Schönheit der Natur zu genießen, das war die tägliche Motivation." Ganz alleine war er dort nie ("aber immer auf genügend Abstand"), anderen Bergsüchtigen erging es wie ihm.

Der Isolation im Wohnheim immer mal wieder auf den Berg entflohen

Ein bisschen mulmiger wurde die Gefühlslage dann doch mit jedem Tag. "Das Ungewohnte daran war, dass wir zum Arbeiten dort waren, und nicht auf Urlaub eingestellt. Da mussten wir umdenken." Jegliche Tätigkeiten waren verboten, auch solche, die normalerweise immer zum Saisonende anfallen, und jetzt vorgezogen hätten werden können. Das Einsammeln der Schilder und Fangnetze zum Beispiel.

"Irgendwie mussten wir alle das Beste aus der Situation machen", erzählt er. Und dazu gehört auch, "dass ungewöhnliche Umstände Kreativität erfordern". Sonntags feierte er seinen 60. Geburtstag. 15 Familienangehörige und Freunde wollten kommen, der Tisch war bereits reserviert, das Probeessen davor hatte Appetit auf mehr gemacht. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen gab es eine Videoschalte auf dem Zimmer. Die Technik machte es möglich, "mit dem Zoom-Tool hat das ganz gut funktioniert". Aus sieben Orten schalteten sich alle zusammen. "Zwei Stunden lang haben wir geschwätzt, gelacht, miteinander angestoßen und gesungen", war er dankbar für die etwas andere Feier. "Meine Familie und Freunde wollten kompensieren, dass ich an so einem Tag hier ganz alleine saß."

Nach den 14 Tagen sollte die Quarantäne vor genau einer Woche zu Ende sein, doch plötzlich hieß es, sie werde möglicherweise bis Ostermontag verlängert. "Hoffentlich nicht", so der erste Gedanke von Mike Bettermann. Genaue Auskünfte gab's keine, von offizieller Stelle wurde man entweder vertröstet oder kam gar nicht erst durch. "Erschwerend kam dazu, dass zuvor in Ischgl einfach zu lax reagiert wurde, den Verantwortlichen dort das alles auch noch mit einer Klage auf die Füße fallen könnte. Deshalb reagierten sie am Arlberg fast schon übervorsichtig." Irgendwann sickerte durch, dass alles auf ministerieller Ebene entschieden wurde. Das bedeutete: Behördenzettel ausfüllen, Ausreiseplatz beantragen, zu Hause vorsorglich Bescheid geben. "Es musste schnell gehen, alle saßen auf gepackten Koffern."

Als erstes waren die Engländer dran, die dichtgedrängt am Terminal auf die Busse warteten, überhaupt nicht auf die Abstandsregel achteten. Danach die Skandinavier, ehe es für die Deutschen am Abend hieß: Ausreisepapiere holen, bereit halten. Am nächsten Morgen um neun Uhr würde es losgehen. "Es ging sehr gesittet zu", war Mike Bettermann froh. Die Behörden hatten von den Erfahrungen der Vortage gelernt, alles abgesperrt, sogar Polizei und Militär waren da. "Drei Busse für 70, 80 Leute - da war für alle genügend Platz." Die bange Frage: Was passierte mit ihnen hinter dem Schlagbaum? "Werden wir da alle auf uns allein gestellt sein?" Die Fahrt endete am Bahnhof in Mittenwald, dorthin hatte Bettermann seinen Sohn dirigiert und ließ sich von ihm abholen. "Ich war froh, als ich ihn sah und wieder im eigenen Auto saß", gibt er zu, "erst da ist die ganze Anspannung abgefallen." Worauf er sich vor allem freute: "Ein schönes Frühstück im Kreis der Familie mit einem weichgekochten Ei."

Ob er im Sommer wieder am Arlberg sein wird, Wanderungen und Bergtouren unternehmen kann? Die Zweifel sind groß. "Zugesagt habe ich, vielleicht wird die Saison ja verkürzt." Der nächste Winter ist aber sowieso wichtiger für St. Anton. Bis dahin könnte er sich auch was ganz anderes vorstellen. "Erntehelfer werden gebraucht. Oder irgendwas Soziales, für Nachbarn und Bedürftige." Noch muss er sich aber gedulden, weil sich alle Zurückgekehrten daheim ebenfalls für 14 Tage in häusliche Isolation begeben mussten. Sein Wunsch als immer positiv denkender Mensch: "Dass wir alle hoffentlich die Krise einigermaßen gut überstehen."